laut.de-Kritik

Der Groove zählt, Genres sind wurscht.

Review von

Geschickt blitzen die eklektischen Samples in dieser völlig unpuristischen Roots Reggae-Platte auf, Zitate aus Kingston, Philadelphia und Detroit. Vor sechs Jahren veröffentlichte Protoje den Free Download "Royalty Free", "Third Time's The Charm" wirkt nun wie der Lückenschluss. "Love For Me", "Ten Cane Row ft. Jorja Smith" oder auch "Heavy Load ft. Samory I" lassen die Leidenschaft des Künstlers für Soul und Funk sonnenklar erkennen. "Obwohl Reggae immer die Wurzel ist, hatte ich Spaß daran all die Sounds einzubauen, die ich lieben gelernt habe", resümiert Protoje, einer der wenigen aktuellen Rasta-Acts mit Major-Plattendeal.

Geschickt fügen sich die Gäste ein, als gehörten sie von Natur aus zu diesem heterogenen Album - Lila Iké etwa mit dem 'Stallgeruch' von Protojes In.Digg.Nation Collective, oder Samory-I, der als Soul-Lover bekannt ist und laut Gastgeber "eine der besten Gesangsstimmen Jamaikas", wie Protoje im Video-Call mit Reggaeville lobt. Die Stimmpaarungen und Aufteilungen gleiten allesamt reibungsfrei nach Schlüssel-Schloss-Prinzip ineinander. In punkto Dramaturgie, Eingängigkeit und Wohlklang macht "Third Time's The Charm" alles vorbildlich richtig.

Obwohl Protoje mittlerweile als Elder Statesman innerhalb der jungen Generation an Jamaikas Roots-Nachwuchs fungiert, erobert er sich jugendliche Unbekümmertheit und Leichtigkeit zurück. Der im trappigen Kiff-Hip Pop phasenweise etwas verlorene Avantgardist gewinnt wieder an Flow und Groove, indem er seine unverstellte Lust am Genre-Mixen authentisch raushängen lässt. Das Kreuzen von Elementen aus Ska und Rap, Calypso und Dub, Funk und Roots, R'n'B und Rub-a-Dub ist der Clou von "Third Time's The Charm".

Die Textinhalte pflegen dieses Mal wieder ein solides und sinnfälliges Fundament. Wo zuletzt recht platt der Spaß am Kiffen im Vordergrund stand, macht sich der Künstler jetzt wieder die Mühe des Ausformulierens und bettet den Cannabiskonsum in seinen historischen, spirituellen und popkulturellen Kontext ein, unter Verweis auf Legalizer Tosh (Wortspiel: der Beatmaker heißt Io-Tosh Poyser). So landet der 41-Jährige aus Kingston per Text in Äthiopien, dem Herz der Rastafari-Bewegung (wo er bereits tourte), und schildert deren Weg hinaus in die Welt.

Smooth, energisch und schwer rollen massive Boom Bap-Bässe eingangs in "The Charm", womit der Sänger gleich zu Beginn - ein einziges Mal - das Spotlight auf seine Hip Hop-Wurzeln lenkt, nebenbei mit einem tragenden Sample auch auf einen ganz anderen Bezugspunkt, Lovers Rock-Star Dennis Brown.

Im gleichmäßigen Einstreuen vertrauter Basics fallen wieder Protojes Markenzeichen angenehm auf: Der Roots-Erneuerer zieht und dehnt die Vokale lang und hört sich dadurch präsent, lebendig und sportlich an. Die Energie, die sich dadurch vermittelt, überträgt sich leicht mal in die Beine. Weiterer Pluspunkt: Nachdrückliche Lyrics, die sich wie aus einem Guss anfühlen und deren Reime und Zeilensprünge jedem sofort eingehen - Kostprobe: "When I eat up beats / with lyrical heat / and they tend to / not know what lyrical means (...) these songs are testimental / all that I feel", so hält er anderen Artists einen Vortrag darüber, was Dichtkunst für ihn eigentlich bedeutet. Laut Songtext wird er das oft gefragt.

"Blessed is the child", lautet es in der Hook von "Family" im Duett mit Jesse Royal. Der Jamaikaner posiert wieder mit Kind auf dem Cover-Artwork. Tochter Yara bindet er gerne auf Social Media ein, fürs neue "Here Comes The Morning" spricht der Knirps die einleitenden Worte und hinterfragt die Welt.

Selbst das schwächste Stück "Hills" funktioniert halbwegs. Wenn die Nummer mittels eines Holzhammer-Beats vom entspannten Leben in den Bergen ohne bad vibes und in privacy erzählt, überzeugt sie aber inhaltlich nicht. Der Track ist urban und verkrampft repetitiv, statt relaxed und idyllisch, verfehlt sein Thema. Das Drum Programming überdeckt alles andere, wirkt monoton. Im Text knüpft Protoje Selbstachtung an Lifestyle. Zu seinem gehören idealerweise frische Früchte und frisches Quellwasser. Großstädter Protoje hat in den Bergen auf den "Hills" sein Studio, The Habitat - mehr steckt nicht dahinter.

Ganz klar für jeden Musikfan erkennbar ist, dass "Third Time's The Charm" seine Stärken im smarten und mühelosen Multi-Genre-Brückenschlag und im Emotionalen auffährt. Das Album kommt von Herzen: Es teilt, was der Artist selbst gern hört. Jedoch lassen die Lyrics alte sozialkritische Seitenhiebe missen. So geschliffen sie auch ins Ohr gehen, sie sind nett und durchaus inhaltsreich, aber nicht gerade visionär oder tiefschürfend geraten und verbleiben unterhalb des Potenzials dieses Poeten. Einzig "Late At Night ft. Lila Iké" über nächtliche Gewalt in Großstädten rüttelt auf: "When there's shootouts for days / When the streets hot / Three glass / Beat shot / Six pance / Kick back / Knee knock (...) Crime scene / See cops."

Der einstige Roots-Weiterentwickler bevorzugt jetzt öfter die Komfortzone. An die Ausgeklügeltheit und dramaturgische Raffinesse von "Ancient Future" (2014), an dessen rhythmische Funkenschläge und an die unschuldige Indie-Naturbelassenheit jenes Meilensteins reicht "Third Time's The Charm" auch musikalisch nicht heran. Zu sehr klemmt das neue Album - bei aller Schönheit und Kompaktheit - im formalen Auf-Nummer-Sicher-Gehen fest und meidet etwa Soli, zugunsten von Knappheit. Die dreifache Ladung Charme schwingt jedoch titelgerecht in Protojes Timbre mit und sorgt für gemütliche Unterhaltung.

Trackliste

  1. 1. The Charm
  2. 2. Hills
  3. 3. Family ft. Jesse Royal
  4. 4. Incient Stepping
  5. 5. Dreamy Eyes
  6. 6. Ten Cane Row ft. Jorja Smith
  7. 7. Late At Night ft. Lila Iké
  8. 8. Love For Me
  9. 9. Here Comes The Morning
  10. 10. Heavy Load ft. Samory I

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