laut.de-Kritik

Das Murmelmonster ist zurück.

Review von

Playboi Carti ist ein schwer greifbares Phänomen. Der murmelndste aller Mumble-Rapper hatte sich schon vor jeglichen offiziellen Veröffentlichungen zur Kultfigur gemausert. Das Zweitwerk "Die Lit" erfüllte die hohen Erwartungen größtenteils, der Stil verkam endgültig zum Mosaik aus hochgepitchten Adlibs und zerfetzten Beats. Carti saß für Trap-Verhältnisse ewig am mehrfach verschobenen "Whole Lotta Red" und betonte selber oft, mit diesem Album als Künstler wachsen zu wollen. Aber wohin geht der nächste Schritt eigentlich für jemanden, der seine Nische so dominant besetzt - nur noch Töne von sich geben? Konsonanten statt Vokale?

Bei der Aufgabenstellung haben Kanye West und Matthew Williams, seines Zeichens eigentlich Modedesigner, als Ausführende Produzenten Hand angelegt. Genau, der West, der vor einem Jahr ein Gospelalbum veröffentlicht hat und als Präsidentschaftsbewerber antrat. Denkt bei den guten Vorsätzen für 21 an das Arbeitspensum und den ideologischen Pragmatismus dieses Mannes. Mit der Schützenhilfe und Kid Cudi und Future als Features ist dann auch die Flughöhe selbstbewusst eingestellt, Carti will in der ersten Reihe sitzen.

Die Leadsingle „M3tamorphosis“ mit eben jenem Cudi erweist sich als ganz absurde Kombi, Carti ächzt den Refrain, während rasiermesserschafe Adlibs in den Song fahren, und der melodiöse Cudi summt über dem Ganzen. Das hätte in Summe ein Vocoder auch übernehmen können, denn sein gerappter Schlusspart ist zwar stark, aber deplatziert. Wichtiger sind einige grundlegende Erkenntnisse, die für das ganze Album gelten: Es besteht tatsächlich die Möglichkeit, einen Großteil von Cartis Rap zu verstehen, Carti rappt und schreit nicht (nur) von der Seitenlinie, Carti steht weiterhin auf Repetition und Adlibs, die Beats sind weniger perkussiv und deutlich basslastiger, dröhnender als auf dem bisherigen Output.

Wie bei einem 24 Songs gewaltigen Monstrum unvermeidbar, gibt es auf "Whole Lotta Red" durchaus sehr unterschiedliche Songtypen. Kanye und sein Co haben zwar einen exzellenten Job gemacht, eine kohärente Formensprache für das Album zu finden. Ein Album mit über einem Dutzend beteiligten Produzenten fächert sich aber nun mal auf. Der bisherige Haus- und Hofproduzent Pi'erre Bourne taucht, mutmaßlich auch wegen Labelstreit, nur auf einigen Songs auf, andere Trap-Produzenten aus dem Umfeld von Lil Uzi Vert und Gunna nehmen dafür mehr Raum ein. Carti trauert Bourne auf "Place" hinterher, hat mit Outtatown, Lukrative und vor allem F1lthy, Maaly Raw und Cartis eigenem Modeberater Art Dealer aber mehr als würdigen Ersatz gefunden. Alle Beteiligten dürfen getrost als ganz vorne im Trap-Game gelten und beweisen das hier aufs Vielfache. Diese engere Produzentenriege ist bei fast jedem Song vertreten, es ist aber durchaus nachvollziehbar, wer wo die Verantwortung trug, zu unterschiedlich sind die verspielten Beats von Art Dealer und das Death Gripsche Dröhnen von F1lthy.

Was es kaum mehr gibt, sind skelettierte, atonale Perkussionsbeats, genauso wie Carti sich nicht zurückzieht auf eine Kuratorenrolle im Soundgefüge, sondern aktiv als MC auftritt. Das macht er nach wie vor sehr eigen, mehr als vokaler Treiber, so dass der Kommentar eines Youtube-Users "at this point, the instrumental is rapping and he's the beat" zum Video von "MEH“ durchaus zutrifft. Das Vorhaben, mit "Whole Lotta Red" anders als bislang und zuvorderst melodiöser zu rappen, verschiedene Seiten zu zeigen und gleichzeitig Trap eine Infusion neuer Ideen zu verpassen, ohne den eigenen Stil komplett aufzugeben, ist durchgehend erkennbar. Dieser Anspruch und die damit einhergehende Qualität und Heterogenität macht einen wesentlichen Teil des Reizes des Albums aus. Zu jedem Zeitpunkt ist "Whole Lotta Love" Kunst, wirkt vollkommen bewusst geschaffen.

Der Opener "Rockstar Made" stellt mit seinem dreckigen, bouncenden, aber eher flächigen als zerrissenem Beat für diesen neuen Ansatz und der gelingt hier zumindest ordentlich. Wie "Stop Breathing" hören sich manche dieser Songs an, als würde der alte Playboi featuren, denn die Adlib-Dichte ist nach wie vor vergleichbar mit der Bevölkerungsdichte im Gazastreifen. Aber daneben rappt eben auch jemand, und das stets souverän, zumindest, wenn die Beats dominant genug sind, um Carti einen Dialogpartner zur Seite zu stellen. Denn die Analyse des Kollegen Yannik zum Vorgängeralbum, nach der Carti für seinen Stil maßgeschneiderte Beats brauche, trifft nach wie vor zu. Und der neue Rapper Carti füllt noch selbst zu wenig Raum, während er sich in einer himmelschreienden Kakophonie hingegen immer noch sehr wohl fühlt und in seiner neuen aktiveren Rolle glänzt.

Deshalb ist "New Tank" ein 100%er, deswegen funktioniert das überkandidelte "Vamp Anthem" samt Toccata und Fuge von Bach dermaßen gut, und das ist auch der Grund, warum Carti auf „Stop Breathing“ und "On That Time" ein ganz neues Aggressionslevel erreicht, das ihm überraschend gut steht und organisch neben "Beno!"s verspielter Struktur steht – Hauptsache, es ist viel los. Der beste Song ist "Control", ein absurdes Liebeslied an Cartis Gschmusi Brandi Marion mit dem hervorragenden Vers "I can wear a business suit and speak proper". Art Dealer, star boy und Outtatown dürfen sich rühmen, hier ein Großwerk abgeliefert zu haben, das die Metamorphose Cartis eindrücklich demonstriert. Der Playboi zeigt zwischen Repetition und Sehnsuchtsgejaule, wie intensiv er greifbare, pathetische Sprachbilder erschaffen kann.

Schwierig wird es, wenn der MC zu viel Zeit hat, dann wird er wie auf dem textlich ausgesprochen unsympathischen "Punk Monk" fad. Das melodische, aber viel zu brave "King Vamp" entzaubert ihn als einen weiteren Trapper aus Atlanta. Das Gewöhnliche steht dem jungen Herrn nicht so gut, das weiß sein Modeberater Art Dealer. Folgerichtig kreiert der auf "Sky" und "Over" sehr flächige und dominante Synth-Produktionen, die einen krassen Kontrapunkt zu F1lthys und Outtatowns Songs setzen, aber aufgehen wie Soufflés und Carti Richtung Young Thug schielen lassen. Insgesamt ist die Hitdichte bemerkenswert.

Der alte Haudegen Bourne vergeudet auf "ILoveUIHateU" einen unfassbaren Beat aus der Jahrhundertenbestenliste, denn der Playboi säuft völlig ab. Für diesen flirrenden Wahnsinn von einem Beat über den ein G-Funk-Melodiebogen segelt, reicht der Skill einfach noch nicht. Auf "F33l Lik3 Dyin" inklusive Sample von West-Kumpel Vernon ergeht es ihm ähnlich, seine Delivery ist nicht konzise genug. Erwähnt sei noch der Totalausfall "Die4Guy", auf dem Carti sich durchgehend anhört wie ein hessischer Finanzbeamter kurz vorm Aufbocken nach dem Frühstücksbier und der lustige Rückfall in Mumblezeiten "JumpOutTheHouse" (jetzt alle: "tschabattnhaus, tschampattnbyüch").

Übrigens ist Yeezy auf "Go2DaMoon" gut aufgelegt, fühlt sich jedoch merklich etwas unwohl mit dem Beat. Aber der Meister zieht das Ding einfach durch und vertraut auf seinen üblichen Instrumentenkasten samt A-Cappella-Part. Ye heimst auf "Whole Loota Red" den Preis für die beste Line ein ("She ugly hot/ Like a chick that call you to borrow"). Carti macht es ihm mit seinen immer gleichen Texten über Drogen ("Teen X"), Geprotze über seinen Lifestyle ("New Tank") und paranoider Gewaltandrohung ("Vamp Anthem"), meist alles drei parallel in unterschiedlicher Melange, sehr einfach, die Benchmark anzuheben. Dem Spieljungen fehlt vor allem die Ironie, die zu seinem oftmals verspielten Stil gut passen würde. Dann wird ein Song wie "Die4Guy" halt auch mal richtig peinlich, selbst Xatar würde so nicht über SSIO singen.

Trackliste

  1. 1. Rockstar Made
  2. 2. Go2DaMoon feat. Kanye West
  3. 3. Stop Breathing
  4. 4. Been!
  5. 5. JumpOutTheHouse
  6. 6. M3tamorphosis feat. Kid Cudi
  7. 7. Slay3r
  8. 8. No Sl33p
  9. 9. New Tank
  10. 10. Teen X feat. Future
  11. 11. Meh
  12. 12. Vamp Anthem
  13. 13. New N3eon
  14. 14. Control
  15. 15. Punk Monk
  16. 16. On That Time
  17. 17. King Vamp
  18. 18. Place
  19. 19. Sky
  20. 20. Over
  21. 21. ILoveUIHateU
  22. 22. Die4Guy
  23. 23. Not Playing
  24. 24. F33l Lik3 Dyin

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9 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 20 Tagen

    Anfangs noch gewöhnungsbedürftig, wird aber mit jedem Durchgang immer besser und hat aktuell bei mir beste Chancen, Die Lit vom Thron zu stoßen. Derzeit 4/5 und bald evtl 5/5

  • Vor 19 Tagen

    Ich möchte dieses Album ja wirklich mögen, da mir die Beats grundsätzlich schon gefallen haben, aber dieses schiefe Rumgekrächze auf manchen Song ist teilweise echt unerträglich.

  • Vor 19 Tagen

    Ich fühle es einfach nicht. Stellenweise sehr schlechtes Mixing auf Soundcloud-Niveau (Earrape-Bass bei Punk Monk, Vocals zu laut beim Opener), Tracklist ohne erkennbaren Sinn und Flow, Casio-Keyboard-Beats (Vamp Anthem), sogar nervige Songs wie Jump Out The House etc etc...

    Wirkt auf mich wie vom Label unter Druck mal eben in zwei Wochen zusammengeklatscht und ziemlich unfertig. Bin echt enttäuscht - mal ganz abgesehen, dass Carti wohl menschlich auch echt mies sein soll, wenn man Iggy Azalea glaubt.

    Ist fast so, als würde es den astronomischen Erwartungen seitens der Fanbase nicht gerecht werden und Carti sein wahres Gesicht zeigt. Nämlich das eines Künstlers, bei dem die visuelle Komponente und das Image weitaus wichtiger sind als die Musik und der seine Karriere vermutlich am meisten dem genialen Pi'erre Bourne zu verdanken hat, der hier mit lediglich zwei Beats abgespeist wird.

  • Vor 17 Tagen

    1/5, Musik die von Yannik in die Top 3 der AOTY Charts gepushed wird.

  • Vor 16 Tagen

    Die Lit war ein gutes Album und im Nachhinein betrachtet ein kleines Meisterwerk, da die Beats unterhielten, die Raps stimmig waren und kein Feature mir wirklich negativ auffiel. Das hier wiederum wirkt ein wenig wie etwas, was man damals auf DatPiff gratis runterladen konnte. Dafür wäre es auch gut gewesen, aber als Major-Album zum Vollpreis? Nope, selbst für den Umstand, dass es 24 Tracks sind. Ich bezahle tatsächlich lieber 10-18€ für ein Album mit 10-12 Tracks, die aber alle auf einem guten Niveau sind, statt für ein Album, wo man die Hälfte eh skippen kann.

    Einige Songs haben echt gute Ansätze und machen auch Spaß, doch dazwischen reihen sich wiederum welche ein, die echt mit den heißen Tasten produziert wirken und irgendwie nicht wirken wollen. Immerhin ist es jetzt endlich raus und er kann sich wieder einem hypothetisch besseren Projekt zuwenden. Es ist nicht superscheiße, aber man hätte echt mehr erwarten können.

  • Vor 14 Tagen

    Ich habe mich als Raphörer, also als Genrefremder, mal an das Ding rangetraut. Bei Licht betrachtet ist das sehr merkwürdige Musik: Auf den Super Nintendo Beats erlebt man quasi die Pubertät dieses "Künstlers", sowohl was den ständigen Stimmbruch angeht, als auch das lyrische Niveau. Das jeder Stumpfsinn mindestens 3mal wiederholt wird, macht es nicht besser. Aber irgendwann entwickelt dieses Werk einen gewissen Sog und macht auf komische Art und Weise Freude. Wenn man da mit der Erwartung an eine experimentelle Elektro-Platte rangeht, und es nicht als Rap-Album versteht, ist es zumindest innovativ.