laut.de-Kritik

Du kannst nicht beiden dienen, Gott und dem Yeezus.

Review von

Kann man "Jesus Is Born" mit Fug und Recht als Album von Kanye West bezeichnen? Auf den Streamingdiensten war es nur unter dem Künstlernamen Sunday Service Choir finden. Eine präventive Distanzierung im Einklang mit der Nicht-Veröffentlichung auf Wests Hauslabel G.O.O.D. Music würde man wohl so vornehmen. Der Eindruck, dass Yeezy zur Zeit jedenfalls nicht in der Lage ist, zu unterscheiden, was von seinem Gospelfaible brauchbar ist, wurde zuletzt bestärkt durch die Oper Nebuchadnezzar mit Sheck Wes in der Hauptrolle, durch die sich die gesamte Besetzung auf Tidal für alle Welt nachvollziehbar quälend stolperte. Zu "Jesus Is King" kann man verschiedentlich stehen, aber keine spirituelle Entität dieses Universums fühlte sich durch Nebuchadnezzar geehrt. Fällt "Jesus Is Born" in dieselbe Sparte oder kann man als braver Christ dem Herrn dienen und gleichzeitig gute Musik hören?

"Jesus Is King" war ein Rap- und ein Gospelalbum; "Jesus Is Born" ist ein Gospelalbum. Es gibt durchaus gute Gründe, warum Gospel im absoluten Löwenanteil des zeitgenössischen musikalischen Diskurses nicht vorkommt: Der enorm hohe Aufwand, Chormusik zu produzieren, das Fehlen hochveranlagter professioneller Sänger, die bereit sind, in einem Chor aufzugehen, die wirtschaftliche Attraktivität von Klientel-Service an Minderbemittelte (s. GREGORIAN). Alle diese Punkte scheren einen Kanye natürlich nicht im Geringsten, so dass die Grundvoraussetzungen, einen Eimer Kerosin über ein sklerotisches Genre auszuschütten, durchaus vorhanden wären, denn was hat ein Kanye West, wenn nicht Mut und Freiheit?

Die Stücke auf "Jesus Is King" wurden von West geschrieben und zumindest teilweise aufgeführt. Die Songs auf "Jesus Is Born" hingegen setzen sich zum einen aus Interpretationen von Gospel-Standards zusammen, sieben weitere Songs hat Nikki Grier geschrieben und produziert. Die gute Frau sang schon auf "Relapse" und sogar als Kind auf Jacksons obskurem "HIStory: Past, Present And Future, Book I". Als Komponistin trat sie bislang nur wenig, unter anderem mit dem zuletzt konstant mittelmäßigen Royce da 5'9'', in Erscheinung. West steuert nur einen Co-Credit bei, da "Ultralight Beam" nun mal eine Variante seines "Life Of Pablo"-Songs ist, und volle Autorenschaft bei "Father Stretch", eine Variante der auf "Life Of Pablo" noch geteilten fast gleichnamigen Tracks.

Kanye nutzt die oben erwähnte Ausgangslage also nicht, um selbst Hand anzulegen, stattdessen kuratiert er in "Jesus Is Born" ein gewöhnliches, zu weiten Teilen altmodisches Gospelalbum. "That's How The Good Lord Works" zeigt mustergültig, wie stark der Chor The Samples unter der Leitung von Jason White agiert, dazu kommt eine fast durchgehend glasklare Produktion, die mutmaßlich nicht zuletzt durch die Beteiligung von Gospel-Experte Phil Cornish auch die Anforderungen eines Chors berücksichtigt. Das streift aber schon die Krux des Albums: Hätte man mir erzählt, nur Cornish hätte produziert, ich hätte es geglaubt.

Das Westsche Genius, den Hörer dort zu packen, wo er es eben nicht erwartet, immer noch einen Haken zu schlagen, wenn man sicher ist, alles liefe geradeaus, das fehlt hier in Gänze. Schöne Momente gibt es zuhauf, "Back To Life" beginnt schon toll, wie eine schwarze Evangelikalenversion eines Fleet Foxes-Songs und steigert sich sogar noch. Kraft entfaltet die Platte immer dann, wenn sie wie beim Schluss von "Father Stretch" The Samples Gelegenheit gibt, Dynamik und ihre offenkundige Spielfreude aufzuzeigen. "Weak" und "Follow Me-Faith", nur ein Schatten des wunderbaren "Fade", suhlen sich dagegen viel zu stark im eigenen Sud und berauschen sich trunken an den himmelhohen Chören, ohne wirklich von der Stelle zu kommen. "Paradise" beginnt wunderbar operettenhaft exzentrisch, um dann doch wieder zaghaft in die Malschablone des Gospel zurück zu fallen.

Die Vorsicht, mit der die Scheibe produziert wurde, führt dazu, dass den Stimmen nicht nur Raum gegeben wird, sondern sie durch eine teils zu nackte Instrumentierung wie auf "Souls Anchored" allein gelassen werden. Wie R'n'B auch in eher choraler Ausprägung starke Basslines zur Orientierung braucht, so hätte hier ein Dialog zwischen Chor und Instrumenten "Sweet Grace" und vielen weiteren Liedern geholfen, ein mehr als durchschnittlicher Song zu werden.

Dass sieben Tracks neu geschrieben wurden, hört man in der Homogenität des Albums nicht heraus, ebenso wenig unterscheiden sich die Lyrics maßgeblich. Während Kanye selbst auch auf "God Is King" nicht widerstehen konnte, sich selbst zu preisen, sobald er den Mund aufmacht und dadurch aber spannende Kontraste setzt, fehlt dieser Kontrapunkt auf seinem Weihnachtsalbum. The Samples lobpreisen halt tatsächlich den Herrn, ohne zweite Ebene, ohne elaborierte Sprachbilder, ohne theologischen doppelten Boden, sie lieben einfach diesen Jesus-Typen und das ist schlicht langweilig, egal wie man zum vermeintlichen Messias steht. Würde Tyler nur von seiner Liebe und nicht von Igors Wut singen, wäre das auch fad.

"Jesus Is Born" wirkt wie ein Beiprodukt der Entstehung des Vorgängeralbums, wie eine Fingerübung, die Kanye brauchte, um sich im Rahmen der Sunday Service-Gottesdienstreihe, die den Grundstock für "Jesus Is Born" bildete, ins Thema Gospel einzuarbeiten, um von dort dann ein Amalgam mit seiner Produktion und seinem Rap und Gesang zu bilden.

Meine Kinder werden mich in 15 Jahren vermutlich fragen: "Kanye West hat vor ewigen Zeiten mal ein reines Gospelalbum veröffentlicht? DER Kanye West?". Ich hoffe zumindest, dass sie das fragen und nicht "Wer war dieser Kayne West?". "Ye" war weit unter Wests Möglichkeiten, "Jesus Is King" zumindest ein umstrittenes und spannendes Machwerk, aber "Jesus Is Born" stellt mit seiner Vorhersehbarkeit den Tiefpunkt seiner Diskographie und trotzdem ein passables Gospel-Album dar. Hier ist nur wenig schlecht gemacht, aber das kann und darf nicht der Anspruch des größten musikalischen Genies unserer Zeit sein.

Trackliste

  1. 1. Count Your Blessings
  2. 2. Excellent
  3. 3. Revelations 19:1
  4. 4. Rain
  5. 5. Balm In Gilead
  6. 6. Father Stretch
  7. 7. Follow Me – Faith
  8. 8. Ultralight Beam
  9. 9. Lift Up Your Voices
  10. 10. More Than Anything
  11. 11. Weak
  12. 12. That’s How The Good Lord Works
  13. 13. Sunshine
  14. 14. Back To Life
  15. 15. Souls Anchored
  16. 16. Sweet Grace
  17. 17. Paradise
  18. 18. Satan, We’re Gonna Tear Your Kingdom Down
  19. 19. Total Praise

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10 Kommentare mit 65 Antworten

  • Vor 7 Monaten

    warum diese type erfolgreich ist wird sich mir NIE erschliessen...

    • Vor 7 Monaten

      mir auch nicht ...aber jeder bekommt die Musik die er verdient hat.

    • Vor 7 Monaten

      Die ersten beiden Alben und einige Produktionen sowie einzelne Tracks sind schon ziemlich gut. Aber als Gesamtpaket macht Kanye schon ziemliche Grütze.

    • Vor 7 Monaten

      www.totschlagargument.net

    • Vor 7 Monaten

      www.bullshit.org Mir wird sich auch NIE erschliessen, wie man ernsthaft einen Mehrwert aus dem Hören eines Cattle Decapitation Albums ziehen kann. Ist halt einfach nicht mein Genre, und ich habe keine Ahnung davon. Ich kann das natürlich trotzdem in die Welt posaunen, das ist dann halt auf dem Level von Pfff- was dieser Rothko kann, kann ich auch, gib ma Pinsel. Oder halt auf dem von ...jeder bekommt die Musik die er verdient hat.

    • Vor 7 Monaten

      Hat natürlich rein gar nichts mit meiner Aussage zu tun. :rolleyes:

      Sich mit Ktitik am Künstler auseinandersetzen (ob sie berechtigt ist oder nich) ist natürlich schwieriger/aufwändiger, als einfach ein sinngemäßes "Haha, du hast ja eh keine Ahnung vom Genre" zu plärren. Diese Art von "Argumentation" mag ich nun mal nicht leiden.

      Und wenn ich zum Beispiel Autotune zum Kotzen finde, oder mangelnde Fähigkeit zur Komposition, oder fehlendes Gesangstalent, kann ich ganz genreunabhängig Kanye scheiße finden.
      Ebenso wie du Metal nicht leiden kannst, vielleicht weil da rumgegrölt wird oder weil Leute da Instrumente beherrschen.

    • Vor 7 Monaten

      "mangelnde Fähigkeit zur Komposition" vs. "oder weil Leute da Instrumente beherrschen."

      Also du (und andere Genrefremde) findest Musik von Kanye kacke, weil er keine Fähigkeit zur Komposition hat (lel) und Leute die Metal scheisse finden, tun das, weil die ungewaschenen Vorstadtjugendlichen ihre Instrument beherrschen? Ist natürlich garnicht tendenziös, ich denke du solltest uns verlassen!

    • Vor 7 Monaten

      "...oder fehlendes Gesangstalent, kann ich ganz genreunabhängig Kanye scheiße finden."

      Naja, das Problem dabei ist halt, dass der durchschnittliche Rapper mit seiner Stimme gar nicht singen WILL, sondern sie halt schlicht auf andere Weise benutzt.
      Das muss einem natürlich auch nicht gefallen, aber es ist halt schlicht ein anderer Maßstab. Und wenn man sich auf den nicht einlassen kann, dann ist ein "nichts für mich" imo tatsächlich angebrachternals ein "das ist scheiße/Müll".

    • Vor 7 Monaten

      Meinst du wirklich, ich könnte Gesang nicht von Rap unterscheiden, oder die Absicht, die zu einem von beidem führen soll?
      Das mit dem schiefen Gesang war auf eins der Live Videos vom neuen Album bezogen, wo er tatsächlich singt bzw. es versucht.

    • Vor 7 Monaten

      Hast recht, "warum diese type erfolgreich ist wird sich mir NIE erschliessen..." ist natürlich eine ganz fundierte Kritik am Künstler, mit der ich mich auseinandersetzen sollte :lol:

    • Vor 7 Monaten

      " Ist natürlich garnicht tendenziös, ich denke du solltest uns verlassen!"

      Ich stimme zu, das war tendenziös. Entschuldigung.

      "Also du (und andere Genrefremde) findest Musik von Kanye kacke"

      Nein, überhaupt nicht. Ich ordne mich in den Tenor vom Anfang des Fadens ein. Ich erkenne, warum der Typ talentiert ist und wo die Qualität seiner Arbeit liegt, ich erkenne aber auch, dass seine Stärke /wie auch schon jmd. hier angemerkt hat) definitiv im Arrangement und nicht im "Komponieren" liegt, in dem Sinne, dass er Nennenswertes über Musiktheorie und/oder den Gebrauch eines Musikinstruments versteht.
      Und aufgrund dessen finde ich den Hype etwas überzogen, das ist alles. Geschweige denn solcher Aussagen "größtes musikalisches Genie" und dergleichen. Wie kann jemand, der sich auch nur im Ansatz mit der Musik auskennt, ernsthaft meinen, es könnte überhaupt nur EIN, DAS Genie geben? Vollkommener Humbug.

      Und bitte Grace, steck dir dein "genrefremd" sonstwohin, sofern du mir nicht bestätigen kannst, dass du jemals nennenswert über den musikalischen Tellerrand hinausgeblickt hast.

    • Vor 7 Monaten

      "Hast recht, "warum diese type erfolgreich ist wird sich mir NIE erschliessen..." ist natürlich eine ganz fundierte Kritik am Künstler, mit der ich mich auseinandersetzen sollte"

      Habe ich schon abgedeckt, hier---> "Sich mit Ktitik am Künstler auseinandersetzen (ob sie berechtigt ist oder nich) ist natürlich schwieriger/aufwändiger, als einfach ein sinngemäßes "Haha, du hast ja eh keine Ahnung vom Genre" zu plärren."

      Natürlich war die Kritik in diesem Fall polemisch und unreflektiert. Aber du hast genau so polemisch und unreflektiert geantwortet.

    • Vor 7 Monaten

      Triff mich demnächst auf das-klassikforum.de, wo ich meine fundierte Meinung zu Glen Goulds Interpretation von Beethovens Hammerklaviersonate kund tue. Wird bestimmt schwierig/aufwändig für die User da.

    • Vor 7 Monaten

      Wenn du eine fundierte Meinung dazu hast, wäre ich definitiv interessiert, sie zu lesen. Macht mehr Spaß, als schon wieder ein Totschlagargument serviert zu bekommen.

    • Vor 7 Monaten

      "... ich erkenne aber auch, dass seine Stärke /wie auch schon jmd. hier angemerkt hat) definitiv im Arrangement und nicht im "Komponieren" liegt... "

      Kannst du das mal näher erklären?
      Klar, Kanye arbeitet mit einem Team zusammen, aber woran machst du das fest und wie differenzierst du das bei einem klassischen Producer?

    • Vor 7 Monaten

      Naja er „arrangiert“ bereits bestehendes und fügt es zu etwas Neuem zusammen, wohingegen man etwas komplett neues „komponiert“!
      Ist jetzt keine Raketenwissenschaft....

    • Vor 7 Monaten

      Arrangiert ein Komponist nicht Töne?

    • Vor 7 Monaten

      Das ist freilich nur Intuition, hab keinen Hinweis bzw. Beweis meiner Aussagen zu seinem mutmaßlichen workflow abseits meiner persönlichen Einschätzung.

      Ich sehe seinen Kompositionsprozess als "senkrecht". Wenn du dir einen Song in einem Koordinatensystem als Ereignisabfolge vorstellst, passiert auf der x-Achse eher wenig, du hast dort ein Gesangs- oder Instrumentalmotiv, ohne viele Wechsel oder Tension, manchmal sogar ohne Auflösung. Das ist die (fast banale) Grundstruktur, doch auf dieser Struktur wird nun auf der y-Achse senkrecht geschichtet, wodurch sich die Komplexität und der Reiz des Songs ergeben.

      Besagte Motive oder Melodien werden durch Samples bereitgestellt, sind also nicht eigenmächtig komponiert. Darum sehe ich seinen Prozess eher als Arrangement, nicht Komposition. Es wird meist nicht versucht, Spannung im tonalen Sinn (d.h. durch bewusstes Spiel mit konsonanten und dissonanten Akkorden beruhend auf einem Grundton) aufzubauen, vielmehr ergibt sich hier beispielsweise Spannung aufgrund des Zusammenpralls von Samples in völlig verschiedenen Tonarten.

      Zum Vergleich: Singer/Songwriter komponieren oft "waagerecht" - die verwendeten Klangfarben sind von vorneherein bekannt und abgesteckt, der Song wird durch Wechsel und Auflösung bestimmt (Bridge, Interlude, Chorus usw), aber es wird nicht mehr viel obenauf geschichtet.
      Im Allgemeinen komponieren Künstler aller Genres natürlich in beide Richtungen mehr oder minder gleichwertig.

    • Vor 7 Monaten

      "Arrangiert ein Komponist nicht Töne?"

      Komponieren: Erschaffen von Tonclustern in einem Notensystem; Arrangieren: Verwendung, Um- oder Neugestaltung bereits bestehender Toncluster.

    • Vor 7 Monaten

      Danke für die Ausführung. Finde die beiden Begriffe in Bezug auf Producer etwas schwierig, da sie gerade in Bezug auf die Arbeit mit Samples nicht wirklich passend sind, bzw. Man sich darüber streiten kann, ob das schon eine Komposition ist oder nicht. Denn ein Arrangement ist es noch weniger.

      Hatte Arrangement so aufgefasst, dass er sich den einen Typen holt, der super Drumsets baut, den anderen der Effekte drauflegt usw. und du das als Arrangement betrachtest.

    • Vor 7 Monaten

      "Und aufgrund dessen finde ich den Hype etwas überzogen, das ist alles. Geschweige denn solcher Aussagen "größtes musikalisches Genie" und dergleichen."

      Auf diesen Standpunkt können wir uns wohl verständigen, denn dieses absolute Gehype ist offensichtlich Schwachsinn, dem nur irgendwelche Tübinger SozPäd-Studis mit bunten Haaren fröhnen. :ill:

    • Vor 7 Monaten

      Wenn es denn Sozialpädagogik wäre, nein... Er studiert internationale Literatur.

  • Vor 7 Monaten

    Wie viel Alben veröffentlicht der Mann eigentlich in so kurzer Zeit? Keine Hobbies so what? Oo

  • Vor 7 Monaten

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