laut.de-Kritik

Perfektes Gothic-Rock-Album von Deutschlands vielseitigster Indieband.

Review von

Die elegante Wave-Rock-Gitarre kantet sich mühelos in des Hörers Kopf. Hinzu tritt ein eigentümlich knuffiges Keyboard, dessen Frohsinn dem angedunkelten Sechssaiter die lange Nase zeigt. Aus den Nichts erscheint Mic Jogwers charismatische Stimme, deren Timbre und Phrasierung allen Freunden von New Model Army und Robert Smith sofort ans Herz greift. "I think our moment's now!"

Tatsächlich wird es definitiv sein Moment, sein Refrain, sein perfekter Rock-Song. Herzlich willkommen auf "Touch The Skies", der allerersten Single von Pink Turns Blue und einem Juwel ihres Meilensteins "Meta".

Pink Turns Blue bestehen zum Ersten, Zweiten und Dritten vor allem aus ihrem Vordenker, der sämtliche Lieder komponiert, ausnahmslos alle Texte verfasst und als einziges Mitglied seit 1985 durchgehend am Ruder steht. Das kölsche Bandgewächs war zwar nie so sehr Bürgerschreck wie die Einstürzenden Neubauten, nie so nassforsch wie Phillip Boa, nie so theatralisch wie Deine Lakaien und nie so kompatibel wie Fury In The Slaughterhouse. Gleichwohl handelt es sich um eine der wichtigsten Indie-Kapellen Deutschlands. Ihr Ruf reicht bis weit in den Ostblock. In Westeuropa schätzen besonders die Briten, allen voran das für Germanen schwer zu erobernde London, das Output PTBs.

Jogwers stilistische Vielseitigkeit und songwriterische Qualität ist dermaßen hoch angesiedelt - problemlos könnte man jedes ihrer Alben in dieser Rubrik küren. Das Debüt "If Two Worlds Kiss" etwa ist ein roher Waverock-Diamant aus der Low-Budget-Ecke. "Eremite" enthält ihren wichtigen Underground-Hit "Michelle". "Aerdt" und besonders "Sonic Dust" ist ein gefundenes Fressen für Madchester-Freunde vom Happy Mondays-Gleis. Und "Perfect Sex" serviert staubtrockene, schnörkellose Indierock-Bretter. "Meta" allerdings umweht ein ganz besonderer Wind.

Ljubljana 1988: Pink Turns Blue befinden sich hinter dem eisernen Vorhang im Tivoli-Studio. Es ist quasi das Wohnzimmer von Laibach, damals noch hochgradig umstritten, vielfach missverstanden sowie aufgrund von totalitären Strukturen und Mangelwirtschaft nur unter prähistorischen Bedingungen in der Lage, Musik auf zu nehmen. Auf einer gemeinsamen Tour schloss man wenige Monate zuvor innige Freundschaft. Teil des Ensembles war auch die Schlüsselfigur Janez Križaj, seines Zeichens Laibachs Soundhexer und ein Meister seines Fachs. Gern lud man die Deutschen ein. Der Deal: Jogwer und Co schmuggeln westliche Tontechnik nach Jugoslawien. Im Gegenzug können sie unter tatkräftiger Mithlife Križajs das Album aufnehmen.

Heraus kommt nicht weniger als das womögliche beste Postpunk- bzw- Gothic Rock-Album einer deutschen Band überhaupt. Fernab jeglicher Klischees und kitschiger Peinlichkeiten, die die später keimende 'Schwarze Szene' aufbot, kredenzt Jogwer anmutige Rocksongs ohne überforderte Stimmen und weinerliche Attitüde. Jede Note, jede Silbe bewegt sich über neun Songs mühelos auf internationalem Niveau der Kollegen Sisters Of Mercy, The Mission, The Cure, Fields Of The Nephilim oder Bauhaus. Dabei verfügen PTB über ihre eigene Strahlkraft jenseits allen Epigonentums.

Aufgrund des Facettenreichtums und ihrer freien Herangehensweise, die sich um Genre-Nischen und Scheuklappen keinen Deut schert, sprechen ihre Lieder oft auch Rockfans an, die sich sonst nicht unbedingt als besonders gothaffin einstufen. Diese These lässt sich leicht untermauern. Hierfür benötigt die Beweisführung nicht mehr als knappe acht Minuten: "Your Master Is Calling" bringt jeden Gothrock-Skeptiker zur Kapitulation.

"My sister's calling with her lovely spell. Her endless passions means a greatful hell." Wie aus dem Lehrbuch für hypnotische Rocknummern legen Bass und Drums in typischer Postpunkmanier los. Ins Zentrum setzen sie ein schillerndes Gitarrenriff. Jogwers Gesang spiegelt den erotischen Sog seiner Partnerin, dem er erliegt wie einer schwarzen Witwe. "I call her devil and I call her God." Immer weiter zieht sich die Schlinge zu, während sich alle Energie im erschallenden Chorus "Master is calling!" entlädt. Steuert der Protagonist auf ein fatales Ende zu? Entpuppt sich alles als harmloses Spiel? Es bleibt offen. Nicht umsonst mutierte dieser von A bis Z tanzbare, sinistre Monoilith zum Szene-Klassiker und Fanfavoriten.

Wer die bleierne Finsternis früher Cure-Glanzstücke Marke "Seventeen Seconds"/"Faith"/"Pornography" bevorzugt, halte sich getrost an die unheilvollen Perlen "The First" oder "The Curse". "It's so evil." Für alle, die eine weniger entrückte Handschrift bevorzugen, steht das rohe "Darkness" bereit. Freunde irritierender Ritualmusik saugen aus dem zutiefst sarkastischen, betont unschön gehaltenen "Cult Of The Beautiful" schwarzen Honig.

Schlussendlich erweist sich jeder einzelne Track von "Meta", das im August 2019 als Remaster neu aufgelegt wird, als hochwertiges Kleinod. Das gilt ebenso für alle Folgescheiben einschließlich des bärenstarken 2016er Spätwerks "The AERDT – Untold Stories" mit dem großartig hingerotzten "Dirt". Wer Pink Turns Blue nicht kennt, hat etwas verpasst. Wer sie nicht liebt, hat sie nie gehört.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. The First
  2. 2. The Curse
  3. 3. Your Master Is Calling
  4. 4. Darkness
  5. 5. Cult Of The Beautiful
  6. 6. Celebration’s Day
  7. 7. Touch The Skies
  8. 8. Marcella
  9. 9. Faces Of The Gone

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