laut.de-Kritik

Prägend für das Lebensgefühl der Gothic-Kultur der 80er Jahre.

Review von

Mai 1982. Ian Curtis, Sänger von Joy Division, ist seit zwei Jahren tot und Premierministerin Margaret Thatcher zieht in den Falklandkrieg gegen Argentinien: 253 britische Soldaten sterben innerhalb weniger Wochen. Und Robert Smith grollt: "It Doesn't Matter If We All Die".

Es ist gleich die erste Zeile aus dem vierten Studioalbum von The Cure, das als Abschluss der "Dark Trilogy", der düstersten Drei-Alben-Phase der Bandgeschichte firmiert: "Seventeen Seconds", "Faith", "Pornography" (2002 wurden von The Cure auch "Pornography", "Disintegration" und "Bloodflowers" als Trilogy aufgeführt).

Aus The Cure, einer noch recht gewöhnlichen Zeitgeist-Band mit paritär zusammengeleimten Post-Punk-, Rock- und Pop-Einflüssen sowie einem ausgeprägten Hang zur Anti-Inszenierung war 1980 innerhalb von nur zwei Jahren erst eine in ihrem ironischen Schwermut noch etwas gekünstelte New Wave-, dann eine alles negierende Dark-Wave-Band geworden, deren aggressiver Existenzialismus das Lebensgefühl der Gothic-Kultur der 80er Jahre entscheidend mit prägen sollte.

Die ohnehin dunkelgraue Dramenwelt des jungen Robert Smith wurde nach "Seventeen Seconds" und "Faith" genauso tiefschwarz eingefärbt wie sein Lidschatten, der mit dem verschmierten, blutroten Lippen und den hochtoupierten Haaren in jener Zeit zum optischen Trademark von The Cure werden sollte.

Diese sinistre Verpuppung konnte freilich nicht schmerzlos ablaufen. Smith hatte sich während der Aufnahmen mit Bassist Simon Gallup, der 1979 als Ersatz für den nicht minder streitlustigen Michael Dempsey zu The Cure gestoßen war, völlig überworfen. Beide wechselten acht Monate lang kein Wort miteinander, ehe Gallup nach Handgreiflichkeiten zum Abschluss der Album-Tour in Brüssel das Weite suchte und erst 1985 wieder zu The Cure stieß.

Auch Smith selbst hatte jegliche Lust an seiner Hauptband verloren. Schlimmer noch: Er wollte The Cure zerstören und zwar mit "the ultimate fuck off record". Zum Glück sollte Smith sich mit etwas Abstand doch gegen die totale Vanitas und für einen leichtherzigen, amourösen Neustart entscheiden.

"I Must Fight This Sickness/ Find A Cure", singt er am Ende von "Pornography". Zum Heilmittel sollte eine erste große Zäsur bei The Cure werden. Im November 1982 schloss sich Smith als Gitarrist ein zweites Mal den Post-Punk-Heroen Siouxsie & The Banshees an, mit deren Gitarrist Steven Severin er 1983 auch noch das Seitenprojekt The Glove startete. Und dann kamen auch schon "Let's Go To Bed" und "The Love Cats".

Doch was war bei den Aufnahmen zu "Pornography" eigentlich geschehen? Man muss wohl schon vorher, bei "Faith" ansetzen: Die Melancholie und Spiritualität des Vorgängers – für viele Cure-Fans ist "Faith" trotz alledem ein Klassiker - waren noch ein Stück weit eine oberflächliche Masche des New Romanticism gewesen, der den britischen Deutungshorizont des Begriffs New Wave damals vom Punk in Richtung eines zunehmend vernebelten Synth-Pops drehte.

Dabei hätte "Faith" bandintern eigentlich zunächst ein positives Signal setzen sollen – stattdessen bekam Smith auf Tour schlimme Migräne vom Leidensethos und der spirituellen Pose des Albums. Bei "Pornography" war der Ausgang dagegen alles andere als ergebnisoffen: Weltschmerz und -ekel sollten herrschen - bedingungslos.

Die Atmosphähre innerhalb der Band war passenderweise auf dem Nullpunkt angekommen, die kolportierten Alkohol- und Drogenexzesse und die Unausstehlichkeit Roberts taten ihr Übriges, dass sich The Cure in kein Konzept, in keine Pose mehr flüchten konnten.

Die Endzeitstimmung innerhalb der Band ließ sich nicht mehr kaschieren. "Nihilismus hatte von uns Besitz ergriffen", sollte Simon Gallup später über jene Sessions im Londoner Winter des Jahres 1982 sagen, bei denen eine dysfunktionale Band den damals 23-jährigen Robert Smith bei seinem bissigen Kreuzzug gegen die Freude nicht mehr aufzuhalten vermochte.

Für poppige Elemente sollte es in dem eiskalten, zähflüssigen Sound des Albums keinen Platz mehr geben. Und doch hatte das Werk natürlich seine überlebensgroßen, enigmatischen Todesmelodien und - bei aller Faszination für die rhythmischen Avantgardismen des Industrial - durchaus auch einen gewissen Rock-Appeal.

Schon der Titel war damals eine veritable Provokation, schließlich war Pornografie zu Beginn der 80er Jahre noch lange kein enttabuisierter Teil der Popkultur. Dafür war der gesellschaftliche Mainstream damals noch lange nicht liberal genug. Umso größer muss der Schock gewesen sein, als erst das Label Fiction, dann Fans das Album auch noch zu hören bekamen.

Den lyrischen Charakter des Albums fängt der Titel allerdings ziemlich gut ein, ist den surrealistischen Texten der acht Songs zwar keine dezidiert sexuelle, wohl aber eine literarische Brutalität, ein penetranter Masochismus und die Empathielosigkeit eines Serienkillers zu attestieren.

Für die erste Generation der Gruftis sollte "Pornography" deshalb voll von misanthropischen, apokalyptischen Botschaften sein: Da waren die harschen Todessehnsüchte von "One Hundred Years" und "A Short Term Effect", die animalische Horrorvision von "The Hanging Garden" - unvergessen, allein diese eine Zeile: "Cover My Face As The Animals Die". Da war die erotische Parabel von den "Siamese Twins".

"The Figurehead", dieses große Goth-Drama mit Smith als eine Art Orpheus, der verzweifelt stöhnt: "I Can Never Say No To Anyone But You". Und schließlich kapituliert: "I Will Never Be Clean Again". Und dann am Ende "Pornography", diese düstere Collage aus Mordfantasien und dem mutierten Stimmenwirrwarr aus einer Fernsehdebatte, die sich angeblich um das Thema Pornografie dreht.

Sicher steckt in diesen Texten so manche Trivia, die das populäre Horrorfilm-Genre seit den 1970er Jahren bereitgehalten hatte. Doch da war ja auch noch diese brilliant korrespondierende, schaurige Begleitmusik mit den schneidenden Zombi-Rhythmen von Gallup und Lol Tolhurst. In "Cold" klingt die Perkussion nach völlig trostloser Steinmetzarbeit, darüber thront ein schwerer Synthesizer, der einer Beerdigungsorgel nachempunden scheint.

Dazu stets diese quengeligen, labyrinthartigen Gitarren von Robert Smith, die sich wie Schatten durch die Songs schleichen und nicht zu fassen sind. Das Album, das seinerzeit auf Platz Acht der britischen Charts landete, ist ohne jeden Zweifel der erste Großentwurf und das mit Abstand härteste und zynischste Werk, das The Cure in ihrer langen Karriere aufgenommen haben. Ein Manifest, das deshalb völlig zu Recht stilbildend für die alternative Musik der 80er Jahre werden sollte. Man muss es im Dunkeln hören.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. One Hundred Years
  2. 2. A Short Term Effect
  3. 3. The Hanging Garden
  4. 4. Siamese Twins
  5. 5. The Figurehead
  6. 6. A Strange Day
  7. 7. Cold
  8. 8. Pornography

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30 Kommentare

  • Vor 6 Jahren

    Los, laut.de, jetzt bringt endlich mal die Daydream Nation-Rezension, ich glaub sonst gibt's hier noch Aufstände. Und wenn ihr gerade dabei seid, am besten auch gleich Apocalypse Dudes und Superunknown (oder Badmotorfinger).
    Aber zum eigentlichen Thema, wieder eine gelungene Rezension zu einem gelungenen Album. Es ist zwar jetzt auch schon dreißig Jahre auf dem Markt, kommt mir aber trotzdem um einiges aktueller und authentischer vor, als viel, was zur Zeit versucht, in die gleiche Richtung zu gehen.

  • Vor 6 Jahren

    Wenn Daydream Nation endlich mal drankommt, nerve ich mit Doolittle von den Pixies.

  • Vor 6 Jahren

    @nicolas stolz (« Wenn Daydream Nation endlich mal drankommt, nerve ich mit Doolittle von den Pixies. »):

    ....wie immer ein richtiger sonnenschein.....