laut.de-Kritik

Im Namen der Kunstfreiheit.

Review von

"Kunst muss die Grenzen des Bestehenden ausloten." Aloe Blacc erinnerte an diese nach wie vor gültige Weisheit erst kürzlich wieder im laut.de-Interview. Dass der Circus Maximus des Deutschrap jedoch enger eingefasst ist, als außenstehende Beobachter vielleicht erwarten würden, erfuhr Pilz im Frühjahr 2017. Im Rahmen eines Battles auf dem Tapefabrik-Festival stellte sich die Rapperin dem amtierenden Titelträger Nedal Nib und nutzte die zweite Runde, um mit angelegtem Kopftuch und jeder Menge Zeilen aus eben jenem Kosmos zu provozieren, die den bigotten Teil der hiesigen Szene maximal triggern. Als Belohnung für ihre erregten Gemüter spülten sie umgehend einen Schwung Morddrohungen in Pilz' Postfach.

Vom Fallout ihres Battle-Boheis bleibt auch "Tod/Geburt" nicht unberührt. Auf "Stranger Thinks" versammelt sie Meinungsbeiträge zu ihrem Auftritt, die von überschwänglichem Lob bis zum Vorwurf der Islamfeindlichkeit reichen. Doch von den Ärgernissen dieser "Realrap Stories" lässt sie sich in keiner Weise beirren: "Ich scheue keine Konsequenzen. Mir wurde nach dem Battle-Gig auf Festivals gecancelt." Überhaupt gefällt sich die Lübeckerin in der Rolle der Märtyrerin für die Kunstfreiheit, was sowohl aus ihren Songtexten als auch ihren mit ernsthafter Haltung vorgetragenen Statements hervorgeht.

"Ich spielte indizierte Songs von King Orgasmus One und Marcus Staiger hat gesagt, ich wäre so wie Taktloss. Das schönste Kompliment, was mir je ein Mann gemacht hat." Pilz weist keinerlei Berührungsängste auf. Ob sie nun die kontroversen Werke des Porno-Raps verteidigt oder die substanzlose Geschäftstüchtigkeit von Youtuberinnen verächtlich macht, von der dauerpräsenten Gefahr, sich unbeliebt zu machen, lässt sie sich offenkundig nicht einschränken. Folgerichtig vermitteln auch die Videoauskopplungen "Mara Hari" und "Made In China" einen ungeschminkten, rauen Eindruck.

Ihre derbe Selbstinszenierung speist Pilz natürlich auch aus den Erfahrungen im VBT, die sich in Form zahlreicher gewitzter Verse Bahn bricht: "Girlies tragen Run-DMC-Shirts und hören Die Fantastischen Vier. Ja, das lass ich mal so stehen. Und du bist wie die, wenn du das jetzt nicht verstehst." Leider teilt sie mit ihren streitlustigen Gefährten auch das Unvermögen, eindrucksvolle Produktionen zu gewinnen. "RIP" steigt direkt mit entnervendem Klimpern aus dem Battle-Baukasten ein. Auch die Halbwertszeit der Instrumentals von "Wow Wow" oder "Rosarote Skimasken" reicht gerade noch bis zum nächsten Song, bevor sich der Schleier des Vergessens über sie legt.

"Ich bin gegen das System und gegen jeden, der es nicht ist." Als weitere Konstante zieht sich Pilz' wenig subtil vorgetragene politische Haltung durch "Tod/Geburt". Vor allem in "Made In China" nimmt sie gelungen die Position des sich radikalisierenden Spießbürgers ein, der die Grenzen des Sagbaren schrittweise verschiebt: "Weil mir das zu blöd ist, wähl' ich die AfD, damit die das da oben auch mal verstehen. Das ist nicht rassistisch und selbst wenn: Auch Hitler hatte damals nicht nur Schlechtes im Sinn." Eher fraglich bleibt, ob die wohl Missverständnisse vorbeugenden Nachrichtenmeldungen über politisch rechts motivierte Straftaten am Ende des Songs notwendig sind.

"Bitte was ist eine Riesterrente? Damit ich meine Miete decken kann, muss ich beim Amt Papiere fälschen." Die finanziell angespannte Lage ihres Milieus lässt sich nur mithilfe der Solidarität unter den Mittellosen handhaben, wie Pilz in "Mehr Armut Mehr Gewalt" unterstreicht: "Ja, du bist willkommen in unserem Verein. Ist der Stundenlohn zu klein, wird das Butterbrot geteilt." Dennoch schwindet die Bereitschaft eine weitere Zuspitzung der prekären Lage mitzutragen: "Wir sind liberal und für das Gute, aber Anarchie war immer blutig."

"Ich komm' vorbei und box' dir vor die Schnauze, denn du Knallkörper denkst, du könntest dir was erlauben." Mit "Tod/Geburt" festigt Pilz ihre Rolle als uneitle Künstlerin, die für ihr Album-Cover anstelle eines gephotoshopten Hochglanzfotos ein Polaroid-Portrait verwendet, auf dem ihre Augen versengt sind. Eine hungrige wie technisch anspruchsvolle Rapperin, die auch auf mauen Beats überzeugt ("Nachtaktiv"). Ein Jungsmädchen, das keine Probleme damit hat, sich die Hände schmutzig zu machen, für die Kunst und "für 'nen Traum, der wahr wird irgendwann."

Trackliste

  1. 1. RIP
  2. 2. Alles Kein Problem
  3. 3. Wow Wow
  4. 4. Update (mit Blut & Kasse)
  5. 5. Mata Hari
  6. 6. Rosarote Skimasken
  7. 7. Flexen (mit Ésmaticx und Lumaraa)
  8. 8. Made In China
  9. 9. Stranger Thinks
  10. 10. Realrap Stories
  11. 11. I Don't Give A Fuck
  12. 12. Mehr Armut Mehr Gewalt
  13. 13. Hure Besser Du Hast Mein Geld
  14. 14. Nachtaktiv
  15. 15. Karmakonto

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