laut.de-Kritik

Beichte und Feldzug in einem.

Review von

Bauhaus meets Killing Joke! Peter Murphy trifft auf Youth. Der Gothfather holt sich den alten, nicht minder legendären Postpunkkumpel Martin "Yoof" Glover als Produzenten ins Boot. Nach den Beutelungen durch Sucht, Entzug, öffentliche Demütigung und Skandal ziehen sie Murphy gemeinsam am eigenen Schopf aus dem Sumpf. Also Vorhang auf für "Lion", die ultimative Phönix aus der Asche-Platte zwischen Monumentalwerk und Dekonstruktion.

Nach der grandiosen "Ninth" - perfect schnörkellos produziert von David Baron, jenem Grammy-Juror, der dieses Jahr mit dafür sorgte, dass Kraftwerk ihre längst verdiente Ehrung erhalten - strebt die aktuelle Scheibe in eine ganz und gar andere Richtung. Murphy selbst bezeichnet "Lion" als eine "Oper für die Enteigneten und Verbannten dieser Welt". Ein wenig wie "Von welchem verdammten Planeten kommt dieser Kerl nur?".

An dieser unkonventionellen Selbsteinschätzung ist durchaus etwas dran. Murphy lässt den milden, in sich ruhenden Sufi-Guru weitgehend außen vor und wetzt die trotzigen Messer und Säbel eines feurig lodernden Eroberers, der von der Welt gehörig angepisst ist, ohne in den Lyrics die eigenen Fehler und Fehltritte zu leugnen. Beichte und Feldzug in einem! Aus dieser Energie entsteht eine massive, rohe und gefährliche Musik, die alle Fragmente seiner künstlerischen Identität aufspaltet und die Bruchstücke nach erfolgter Zellteilung aneinander heftet.

Die schwarzlichterne Wucht leihen sie sich von Bauhaus samt Andeutungen von Killing Jokes Industrial-Elementen. Dazu mitunter ein leises Echo murphysierter Orientalismen à la "Dust" ("Loctaine", "Lion"). Doch nur als angerissene Ruinenfetzen. Die gewohnt starken Melodien seiner Solowerke stehen nicht ganz so sehr im Vordergrund, wie gewohnt dafür im stetig simultanenen Duell mit brüllend aggressiven Parts. Der "Stigmata Martyr" vom Meilenstein "In The Flat Field" vereinigt sich mit Mr "Cuts You Up" und zeugt eine neue Kreatur.

Für solch einen siedenden Sud hätte es keinen besseren Partner in Crime geben können als Youth. Der neben Brian Eno wohl vielseitigste Produzent der Gegenwart nutzt alle Sporen und Gewürze seiner Erfahrungen. Von der Arbeit auf Alien Sex Fiends "Who's Been Sleeping In My Brain" schnappt er sich das Bürsten gegen den Strich. Von seinen The Verve-Platten den Rock und vom gemeinsamen Projekt mit Paul McCartney ("The Fireman") das Entsorgen erwartbarer Imagemucke. Alles zusammen verrührt, hochgekocht und mit feiner Soundzunge abgeschmeckt.

Das indigoblauäugige Krokodil Murphy macht mit Timbre und Temperament deutlich, wie lang nicht mehr, dass es nur drei echte zwillingshafte Reptilien gibt: Bowie, Iggy und ihn! Die tiefe Seelenverwandtschaft und naturgegebene Ähnlichkeit ihrer Stimmen zieht sich durch "Lion" wie Ariadnes Faden durch das Labyrinth des Minotaurus ("Hang Up", "I Am My Own Name"). Als zusätzliche Stärke spielen Murphys Vocals sein extremes Volumen aus, sowie die an arabischen Skalen geschulte Gesangstechnik. Das Prädikat "The Voice" hat er mit dieser virtuosen Vorstellung zwischen Berserker und Ästhet locker in der Tasche.

Trotz lustvoller Schlachtplattenorgie versäumt Murphy es nicht, sein Talent als einer der wenigen echten Weltklasse-Songwriter zu betonen. Das ekstatische Drama "Compression" hallt wie eine Walze aus melodischer Emotion noch lange nach ihrem Verklingen im Ohr des Hörers wieder. Sein Selbstportrait "Holy Clown" und das Hookmonster "Eliza" fungieren als typisch perfekte Rocker analog seines Sternstundensongs "The Prince And Old Lady Shade". Eingängig, gleichwohl berauschend und komplex in einem.

Mitten im Auge dieses Sturms erhebt sich "The Rose" als kraftvolle Semi-Ballade gleich einer stolzen Blüte aus den bunten Trümmern von Peters wüster Klanglandschaft. Wenn man diese elf verzückenden Songs dann hinter sich hat und Stille einkehrt, wurde man Ohrenzeuge des beeindruckend kathartischen Comebacks eines Mannes, der jener spirituellen Weisheit, die er oft beschwor sicherlich mittlerweile ein ganzes Stück näher gekommen ist.

Trackliste

  1. 1. Hang Up
  2. 2. I Am My Own Name
  3. 3. Low Tar Stars
  4. 4. I'm On Your Side
  5. 5. Compression
  6. 6. Holy Clown
  7. 7. The Rose
  8. 8. The Ghost Of Shokan Lake
  9. 9. Eliza
  10. 10. Loctaine
  11. 11. Lion

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2 Kommentare

  • Vor 7 Jahren

    Mich würde interessieren, was aus Deiner Sicht den Ausschlag für den einen Punkt Abzug gegeben hat. Ich selbst habe Murphy erst mit Holy Smoke kennen und lieben gelernt. Unter anderem ob seiner perfekten Melodien samt der dazu passenden erhabenen Stimme. Mit der hier zu Tage kommenden Postpunkt-Variante, die er zu Bauhaus-Zeiten auch schon zeigte komme ich nicht so klar. Vielleicht muss ich mich auch erst daran gewöhnen.

  • Vor 7 Jahren

    Ich bin fast in Ohnmacht gefallen...was ein WERK!!!