laut.de-Kritik

Vier Seiten für ein Halleluja.

Review von

Die Band Perfect Beings strebt nach Perfektion. Wohl wissend, dass es diese nicht gibt, erweist sich das Erträumen wie das ewige Suchen danach als Antriebsfeder. Die in Amerika ansässige Formation um Gründungsmitglied und Ex-Moth Vellum-Kopf Johannes Luley nimmt den Hörer mit auf eine Reise durch das 20. Jahrhundert aus Sicht der Musik, bleibt dabei nirgends wirklich stehen, sondern bewegt sich immer weiter. Einzig im Verlauf des Albums lieb gewonnene Melodien kehren wieder und bilden einen Anker in dem wunderbar, heillosen Durch- und Nebeneinander der Stilistiken.

Gänzlich ohne Grenzen funktioniert auch das scheinbar grenzenlose Denken des Quartetts nicht. So packen Luley und Sänger Ryan Hurtgen, dessen Timbre an den beschwingten wie melancholischen Paul McCartney erinnert, ihre Ideen in vier Suiten, die in klassischer Prog-Tradition auf den vier Seiten eines Doppel Vinyl-Albums passen könnten. "Tales From Topographic Oceans" von Yes lässt grüßen.

Jede dieser Suiten verrät in ihrem Grundgestus etwas über die mannigfachen Facetten der Band. "Guedra" klingt sehr jazzy und Fusion-lastig, schwelgt dabei in der Vertracktheit proggiger Könner wie Gentle Giant und Genesis und könnte in seinen Brass-lastigen Jam-Parts sogar auf der Bühne der Dave Matthews Band einen Platz haben.

Bei "The Golden Arc" wähnt man sich zunächst auf der von King Crimson 1971 besungenen Insel, bevor ein Geflecht von neoklassischen Motiven den Hörer immer tiefer ins musikalische Geschehen zieht und gänzlich im Kopfkino mündet.

"Vibrational" hingegen fußt auf dem Denken von Klaus Schulze, Tangerine Dream oder Vangelis (für die Jüngeren reicht als Analogie-Anker auch Ayreons "Universal Migrator Part 1") und honoriert diesen Einfluss im Booklet mit den Zeilen "I want mysteries, not answers, Tangerine Dancers". "Annunaki" hingegen zieht seinen Reiz aus starken Melodien sowie einer ordentlichen Prise Pop und vereint so New Age, Orchester-Pomp und Indie Rock.

Dabei bleibt es auch innerhalb einer Suite nicht bei einer Stilistik. Einmal gestartet, fasert die Musik aus und wird im Prinzip erst nach einer Reise durch die gesamte Spielzeit zirkulär verbunden. Dieses leitmotivische Denken und Hurtgens Melodien und Vokal-Harmonien liefern einen Zusammenhalt, der verhindert, dass die Musik zu stark nach Setzkasten klingt. Auch Luleys Gitarrenspiel hat seine unverkennbaren Anleihen an Pat Methenys filigrane Feintönigkeit, Alex Lifesons Vibrato oder Tom Morellos Revolluzer-Krach, kreiert aber über seine charakteristischen Wendungen einen Wiedererkennungswert.

Klar, das ist purer Ekletizismus und manch einer findet die Stilvielfalt sicherlich einfach nur stillos. Das Album erreicht aber zweierlei. Der Hörer hat nach dem Zitateraten und Soundmemory Bock auf die Klassiker und kehrt andererseits auch gerne wieder in die zahlreichen Arme von Perfect Beings zurück. Das ist wahrlich Weltmusik wie sie auch schon Prog-Vordenker Steve Hackett auf seinem letzten Solo-Output formuliert hat. Dieser Fingerzeig in die Zukunft des Prog sagt vor allem eines: Fragen sind wichtiger als Antworten.

Trackliste

  1. 1. Guedra - A New Pyramid
  2. 2. Guedra - The Blue Lake Of Understanding
  3. 3. Guedra - Patience
  4. 4. Guedra - Enter The Center
  5. 5. The Golden Arc - The Persimmon Tree
  6. 6. The Golden Arc - Turn The World Off
  7. 7. The Golden Arc - America
  8. 8. The Golden Arc - For A Pound Of Flesh
  9. 9. Vibrational - The System And Beyond
  10. 10. Vibrational - Mysteries, Not Answers
  11. 11. Vibrational - Altars Of The Gods
  12. 12. Vibrational - Everywhere At Once
  13. 13. Vibrational - Insomnia
  14. 14. Anunnaki - Lord Wind
  15. 15. Anunnaki - Patterns Of Light
  16. 16. Anunnaki - A Compromise
  17. 17. Anunnaki - Hissing The Wave Of The Dragon
  18. 18. Anunnaki - Everything's Falling Apart

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