laut.de-Kritik

Tanzbare Spiritualität mit Afrobeats und Autotune.

Review von

Pato heißt in der nigerianischen Sprache Yoruba 'spezifisch', auf Spanisch 'Ente', aber im Falle Patorankings verballhornt der Künstlername schlicht seinen Vornamen Patrick. Der 33-jährige Familienvater geht mit seinem vierten Longplayer "World Best" nicht mehr als Newcomer durch. Nichtsdestotrotz ist sein Status auf verschiedenen Kontinenten recht unterschiedlich. Während er für eine Tour in Kanada und durch die USA bereits vor Jahren gebucht war, und er in Südafrika, Uganda, Ghana und seiner Heimat Nigeria auf einen hohen Bekanntheitsgrad baut, fristet sein Genre Afrobeat in Deutschland ein Schattendasein und bedarf einiger Sätzen Einleitung, um die Platte als besonders leuchtendes Puzzleteil einer großen Welle einordnen zu können. Dabei wäre es von all den Hits, bei denen Major Lazer schon vor zehn Jahren die Finger drin hatten oder Sean Paul als Feature-Gast auftrat, von den Charts-Hits einer Mabel oder Anne-Marie kein weiter Weg mehr, damit das Sammel-Genre boomt.

Zu Afrobeats gehört eine Bandbreite von Azonto bis Amapiano, Afrohouse und -swing, meist lockeres, tanzbares Material, und auch eine Reihe älterer Phänomene wie Kwaito, Grime und Kuduro sowie Stile der 2010er wie Moombahton, Gqom und Afrotrap werden mitunter dazu gefasst. Gemeinsam ist allen Mikro-Strömungen eine Verschmelzung von Anteilen aus Reggae, Dancehall oder Reggaeton als erstem Einfluss, Rap als zweitem Segment, Dance oder House als dritter Quelle und regionalen afrikanischen Rhythmen als vierter Zutat. Die Anteile, Rhythmen und genauen Mischungen variieren. Den ersten weltweiten Hit landete trotz großer Beständigkeit Patorankings jemand anderes, nämlich die Geschwister Nomcebo Zikode und Master KG in der Sprache Zulu. Sie stammen aus der Grenzregion Südafrika/Mosambik, also extrem weit weg von Patorankings Heimat Nigeria. Master KG crashten je einmal mit und einmal ohne den Nigerianer Burna Boy mit "Jerusalema" die Charts im Lockdown-Europa, Top 3 in der Schweiz, Österreich und der BRD. Das Aufblühen des Genres erstickte dann im Keim, als die Firma Atlantic mit vierstelligen Lizenzklagen gegen die Verbreitung des Lieds auf TikTok und YouTube vorging. Dabei sind Social Media-Schneeballeffekte hier der Schlüssel zum Erfolg, mehr als in jedem anderen Musikstil.

Patoranking ist das monetäre Potenzial seiner Platte relativ egal, wie es den Anschein hat. Mit 48 Stunden Vorankündigung macht er eine zeitnahe Rezension nicht gerade einfach. Denn "World Best" enthält viele Zwischentöne, die man nach und nach entdeckt, wenn man das Album weg legt und wieder hervor holt. Mit vielen Wiederholungs-Durchläufen nutzt sich das Album nicht nur keinen Deut ab, sondern sorgt dafür, dass es einem mehr und mehr ans Herz wächst. Andererseits sind viele Tracks durchaus sofort eingängig, etwa das melodieselige "Miracle Baby", das zwischen Saxophon-Chill-Zone und den Rap-Einlagen von Gast Ludacris hin und her switcht und eine gewisse 70er-Soul-Stimmung mit Clap-Beats kreuzt.

Eine Reihe von Tracks zeichnet religiöse Bezüge. Vom Wunsch, dass eine höhere Macht einen "Higher" bringt, über die Segnung "from above" in "Lighters Up" und die Vergöttlichung eines faszinierenden Mädchens in "Gyal Like You" bis zur Losung "so Gott will" ("Inshallah"). Ein Lied widmet der Künstler seiner "Mama", weiter geht es um die Liebe zu den Mitmenschen, Gedenken an Verstorbene, Bewunderung für Frauen, einen Lifestyle mit Cannabis, aber auch Weltpolitisches. In "Abobi" vergleicht Patoranking die Polizeibrutalität in manchen Teilen der Welt mit den Taliban in Afghanistan, ein Video davon hat er in Burna Boys Heimatstadt Port Harcourt gedreht. Kein Kompliment für die Politik in Nigeria. In Summe liefert der Songwriter also eine recht bunte Mischung.

Im Gegensatz zu anderen Act seines Umfelds setzt er Autotune nicht brutal und nicht durchgehend ein, aber doch gut die Hälfte der Zeit über, etwa in "Smoke + Vibes", in "Control Me", wo das auch für seine gastierende Kollegin Gyakie aus Ghana gilt, oder in "Higher" recht klar erkennbar, anderswo dezenter. Die große Leistung von "World Best" liegt in der harmonischen Mischung von mal perkussiven Nummern "Kolo Kolo" und flächiger angelegten Stücken wie "Smoke + Vibes", ohne dass es einmal einen Aussetzer gäbe. Alle Stücke beeindrucken mit schönen Melodien, viele wirken behutsam arrangiert und produziert und nicht mit der verführerisch heißen, schnellen Nadel der digitalen Produktionsmöglichkeiten gestrickt.

Während "Abobi" der Afrobeat-Tradition Fela und Femi Kutis folgt und mit Egypt 70-Sound im Unterton spielt, orientieren sich "Babylon", "Na Na Na", "Amazing Grace" (samt Beenie Man am Mic) und "Tonight" mehr an Jamaika und am Genre Galala, das im Zeitalter der Kassette in Nigeria kursierte. Südafrikanischer House mit geschmeidigen Brumm-Bässen zeichnet "Kolo Kolo" an der Seite des Kollegen Diamond Platnumz aus Tansania aus. Nach vielen wohltuend lieblichen, aber zügig pulsierenden Tracks drehen eine Reihe toller Akkordfolgen weiter ihre Kreise im Kopf und hinterlassen viele Melodien, die man vor sich hin summen oder pfeifen kann.

Trackliste

  1. 1. Inshallah
  2. 2. Higher
  3. 3. Lighters Up
  4. 4. Gyal Like You
  5. 5. Woman Of The Year
  6. 6. Smoke + Vibes
  7. 7. Tonight
  8. 8. Abobi
  9. 9. Miracle Baby
  10. 10. Babylon
  11. 11. Control Me
  12. 12. Kolo Kolo
  13. 13. Na Na Na
  14. 14. Mama
  15. 15. Amazing Grace

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