laut.de-Kritik

Metalcore liegt in Schutt und Asche.

Review von

"Nothing's gonna stop me til I'm done": Was Winston McCall im eröffnenden Schlachtruf zur siebten Parkway Drive-Platte prophezeit, passt perfekt zum Wendepunkt der bandeigenen Entwicklung. Die einstige Inkarnation des Metalcore geht ihren Weg unbeirrt weiter und kokettiert mit Metal ohne Core.

Das letzte Album "IRE" hatte 2015 die Machtübernahme metallischer Facetten vielversprechend eingeleitet. Alt und neu schufen einen funkelnden Hybrid. "Reverence" wagt den nächsten Schritt: Die entfesselte Wut, die ungebremste Offensive, mit der die Australier ehemals alles in Schutt und Asche legten, machen Platz für sorgsam durchdachte Berechnung.

Als kryptisches Überbleibsel erinnert nur noch "Wishing Wells" an die corige Herkunft. Angesichts der folgenden Power-Metal-Saga dürfte sich so manch eingefleischter Fan fragen: Was zur Hölle? Über all den halb gesprochenen, halb geshouteten Zeilen liegt die pure Irritation.

Das polarisierende "Prey" steht exemplarisch für die vollkommene Dekonstruktion ursprünglicher Stärken. Ein folkig-melodisches Intro, das enthusiastisch zum Abenteuer Stadion-Rock aufbricht. In der Strophe indoktriniert McCall seine Schwüre, bevor ein schunkelnder Gang-Shout-Chorus einsetzt. Eher nichts für den Moshpit.

Sowohl das thrashige "The Void" als auch das aufmüpfige "I Hope You Rot" kanalisieren ihre Gefühlsausbrüche zu aufgesetzt. Natürlich entlocken Jeff und Luke ihren Saiten wie üblich einen Überschuss an fetten Melodien. Wäre das Drumherum nicht so fein säuberlich konstruiert, ließen die sich vermutlich leichter abfeiern.

Dennoch entladen Songs wie "In Blood" oder "Absolute Power" nach und nach eine ungeschönte Wucht. "The truth drops like a bomb": Das trifft auch auf die Musik ganz gut zu. Aus einer Laut-Leise-Dynamik heraus explodiert "Absolute Power" wie ein Schlag ins Gesicht der machtgierigen Obrigkeit. "Shadow Boxing" versetzen Parkway Drive mit Streichern in ein orchestrales Setting, bevor McCall aus dem Gesang heraus plötzlich zu einem aufbäumenden Rap ansetzt.

Die Variation unterstreicht den Mut zum Experiment und belohnt sich selbst mit vernichtender Pointe. Virtuos, aber nie ungezügelt leidenschaftlich, steuert das Quintett jeden Song wie ein eigenständiges Kunstwerk durch ein Terrain voller Überraschungen.

Trotz persönlicher Textbotschaften bleibt die Emotion öfter auf der Strecke. Selbst ein melancholisches Epos wie "Chronos" ändert daran wenig. Mit der Abkehr von ureigenen Instinkten geht unaufhaltsam ein Stück Identität verloren. Jedes dudelnde Solo, jedes breitbeinige Metal-Brett will bestmöglich kaschiert werden. Der Überraschungseffekt als Ablenkungsmanöver.

Die Wut im Bauch, sie ist nicht weiter Teil der Parkway Drive-DNA. Der innere Zorn, der ewige Antrieb aller blutrünstigen Breakdown-Schlachten, hat sich im ausufernden Erfolg des Quintetts langsam verformt. "You never know what you've got until it's gone", heißt es im Abschiedstrack "The Colour Of Leaving". Dem stimmt das Fan-Herz zu.

Trackliste

  1. 1. Wishing Wells
  2. 2. Prey
  3. 3. Absolute Power
  4. 4. Cemetry Bloom
  5. 5. The Void
  6. 6. I Hope You Rot
  7. 7. Shaodw Boxing
  8. 8. In Blood
  9. 9. Chronos
  10. 10. The Colour Of Leaving

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5 Kommentare

  • Vor 18 Tagen

    Ich hab Ire absolut gefeiert, der reine Metalcore bietet mir auch seit Langem nichts mehr - deshalb war ich froh, dass sie mit dem letzten Album so viel Frisches in ihren Sound packen konnten.
    Das hier ist allerdings völlig over-the-top: Die ganzen Nu-Metal-, Rap-, Gangshout-, Powermetalanleihen brauch ich ganz und gar nicht bei denen. Nahezu jedes Riff und Lick hat so ne merkwürdige Streicheruntermalung (aus der Dose!) und Wishing Wells (guter Song) bleibt tatsächlich die härteste Nummer des Albums...
    Das meiste ist ja sogar ganz gut gemacht und ein paar Songs gefallen auch ganz gut, aber im Vergleich zu Ire stinkt das dann doch gewaltig ab. Schade, denn die Jungs sind durch und durch sympatisch und haben den Weg in ihrem Bereich ja doch entscheidend mitgeprägt.

  • Vor 18 Tagen

    Ach, Winston. Du weißt doch selbst, dass du nicht klar singen kannst, aber warum genau musst du dann überhaupt auf diese Batman-für-Arme-Spoken-Words ausweichen?

    Ein paar gute Songs und Ideen sind auf "Reverence" schon zu finden, aber "Cemetery Bloom" klingt, so fantastisch und livetauglich, wie ich es auch finden mag, unfertig und am Ende abgehackt, ohne Spannungsbogen. "The Colour Of Leaving" ist ebenfalls halbgar, die Rappassagen in "Shadow Boxing" grausig.

    "Ire" war bzw. ist großartig, aber hier scheinen mir Parkway Drive mehr zu wollen als sie überhaupt draufhaben. Man sollte seine eigenen künstlerischen Grenzen schon einigermaßen einschätzen können, finde ich.

  • Vor 17 Tagen

    Ok. Man kann wohl festhalten: der Rezensent mag's nicht. Wie bei allen Bands, die über die Zeit ihren Stil verändern oder erweitern, kann und mag ein Teil der Fans den Weg mitgehen, dem anderen Teil wird es zu blöd und er wendet sich (enttäuscht oder genervt) ab. Ein deutlich zurückgeschraubter Core-Anteil ist ja nicht sofort gleichbedeutend mit einem Qualitätsverlust. Für mich persönlich ist es ein ziemlich geiles Album und mit zwei Punkten zu krass abgewatscht worden. Da würde ich eher die ein bis zwei Pünktchen, die die neue Dimmu letzte Woche zu viel kassiert hat, aufs Parkway Drive Punktekonto verbuchen. Negativ finde ich tatsächlich die etwas überschaubare Quantität, da bei mir Cemetery Bloom und Colour of leaving nach zweimaligem Hören direkt aufs Abstellgleis gewandert sind. Ersteres kommt nicht über den Charakter einer Interlude bzw. eines langen Intros für The Void hinaus und Letzteres ist als Song einfach unbrauchbar. Wenn es wie im Interview zu lesen ist um eine persönliche Verarbeitung von Trauer und Verlust geht, hätte hier ruhig ein musikalisches Gewand erschaffen werden können, das dem Thema auch gerecht wird. So ist es nicht mehr als ein spoken word Beitrag ohne musikalische Bedeutung über etwas, das, ohne respektlos sein zu wollen, so schmerzlich es für Winston McCall persönlich sein mag, für die allermeisten Außenstehenden nicht interessant ist. Mit zunehmendem Alter haben wohl die allermeisten ihr emotionales Päckchen zu tragen ohne es gleich auf diese Weise auf Platte oder CD pressen zu müssen.
    Unterm Strich bleiben für mich so acht abwechslungsreiche undkurzweilige Songs vom über alles erhabenen Wishing Wells über die fiese im positiven Sinne monotone Walze Absolute Power, die beiden "Pop"songs des Albums Prey und The Void, I hope you rot mit seinem Powerwolf-Gedächtnis-Chorus :-), dem bombastischen Shadow Boxing bis hin zum starken Abschlussdoppel In Blood/Chronos.
    Einen Verbesserungsvorschlag fürs nächste Album gäbe es allerdings doch noch: das Harmoniespektrum bitte etwas erweitern. Wenn es bei Parkway Drive melodisch wird reiten sie leider SOO oft auf den wirklich ALLERausgelutschtesten Akkorden bzw. Harmoniefolgen der gesamten Rock- und Popmusik herum! Chorus von Prey, The Void. immer das gleiche Grundschema. Auch davor schon hundert Mal durchgenudelt. Z.B. Destroyer, Vice Grip, A Deathless Song, Home Is For The Heartless um nur ein paar zu nennen.

  • Vor 13 Tagen

    Ich finde dieses Album ist das bis jetzt beste der Band. Mag sein dass es nicht mehr so corig ist, aber ich finde in den Liedern gibt es viel durchdachtere Teile als in den alten, was die Monotonie nimmt die mich bei den Jungs immer schon gestört hat. Ich mag Experimente und finde dieses ist mehr als gelungen :D. Unteranderem weils insgesamt mehr "Oldschool Metal" als Metalcore ist vom Gitarrensound her.

  • Vor 3 Tagen

    Ire hat Spaß gemacht, Reverence hat zwei Probleme:
    - Es klingt zu keinem Zeitpunkt mehr wie PWD (gibt genug bands, die trotz großem wandel gute Alben geliefert haben)
    - Die Songs sind komplett anspruchslos.