laut.de-Kritik

Zwischen Schönheit und Schaudern.

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Was passiert, wenn man Astronauten wie Pink Floyd und Hawkwind an einen Tisch mit Barbaren der Sorte Gorgoroth, Immortal oder Dimmu Borgir setzt? Es erscheint der babylonische Dämon Oranssi Pazuzu in Gestalt der gleichnamigen finnischen Kapelle. Ihr aktuelles Album "Värähtelijä" bietet einen trügerisch entspannten Ausflug per Raumfähre, bis zusammen mit dem Alien Klingonen erscheinen und musikalisch einen herrlichen Horrortrip hinlegen.

Die skandinavischen Space Cookies bleiben ihrer Methode, Veränderung innerhalb der Kontinuität, weiterhin treu. Nachdem für das letzte Album Jaime Gómez Arellano (Paradise Lost, Primordial, Opeth, Ulver, Ghost, Cathedral) einen echten Gewinn bedeutete, verlassen sie diese Nummer sicher. Den Produzentensessel hält diesmal Landsmann Julius Mauranen besetzt. Ganz bewusst prallen hier einander herausfordernde Gewalten aufeinander.

Mauranen ist ausgewiesener Shoegaze- und Indipop-Fachmann. Für ihn bedeuten die extremen Metal-Passagen mithin ebenso Neuland, wie sein Ansatz für Oranssi Pazuzu. Die musikalische Offenheit plus Lernbereitschaft der ungleichen Partner macht letztendlich die Qualität dieser Stücke aus. Es geht schwebend ins Inferno. Heckendichter, psychedelischer Spacerock mündet in epileptischer Raserei. Der Wattebausch-Anteil gleitet vergleichsweise lautlos ins Dunkel und bricht sich in umnachteter Tobsucht wie der Lichtstrahl im Prisma.

Eine besondere Stärke von "Värähtelijä" ist dabei das weitgehende Vermeiden, beide Stile einfach baukastenartig nebeneinander zu stellen. Stattdessen fließt alles gierend ineinander und schmilzt zum neuen Gebräu. "Saturaatio" dient als exemplarische Nummer: Die Gitarren fangen im Niemandsland aus Gothic, Postrock und LSD an. Von dort schiebt sich ein Teil des Ausdrucks zu einer Art Neo-"Bitches Brew"-Spirit samt Piano-Einwurf und Zawinul-Keyboard. Die zweite Hälfte des kernigen Zwölf-Minuten-Openers driftet dann peu à peu in Richtung Wahnsinn.

Jeder einzelne Asteroid dieses Songzyklus' wirft dabei seinen eigenen Schatten. Das perkussive Riffmonster "Lahja" lockt mit John Carpenter artigem Synthie-Thema in die Finsternis. Ihr stoisches Titelstück hingegen könnte auch bei so manchem Mogwai-Freund auf ein offenes Ohr stoßen.

Obgleich die Lieder allesamt berstende Energie ausstrahlen, transportiert ihr Ausdruck im Nachhall etwas Versehrtes, Mutiertes, nicht mehr in Gänze Intaktes. Diese wuchernde Gebrochenheit macht die eigentliche emotionale Hauptstärke der Scheibe aus. An diesem Punkt des Pfades unterscheiden Oranssi Pazuzu sich deutlich von ihren eingangs genannten Vorbildern und gehen analog den Szene-Vorreitern In The Woods ihren eigenen Weg. Übrig bleibt ein intensives Hörerlebnis zwischen Schönheit und Schaudern.

Trackliste

  1. 1. Saturaatio
  2. 2. Lahja
  3. 3. Värähtelijä
  4. 4. Hypnotisoitu Viharukous
  5. 5. Vasemman Käden Hierarkia
  6. 6. Havuluu
  7. 7. Valveavaruus

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5 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 4 Jahren

    "Was passiert, wenn man Astronauten wie Pink Floyd und Hawkwind an einen Tisch mit Barbaren der Sorte Gorgoroth, Immortal oder Dimmu Borgir setzt?"

    Bushido sampelt alles ;)

  • Vor 4 Jahren

    Dem Anwalt seine Drogen weg nehm, das artet langsam aus. Kopfschüttelnd, Finnen! Weiß wirklich nicht was es da zu feiern gibt Anwalt? Eine der hunderttausend Finnenboombands, die eine Karibuherde durchs Dorf treiben. Haste eines gesehen, kennste das Tier.

    Demnächst besucht so rein virtuell in Geda(e)nken unser Anwalt noch irgend eine Aborigineboomband die einen mega Riff auf ihrem Didgeridoo zum besten geben. Na wohl bekomms. Werde zu alt für den Scheiß!

    Gruß Speedi

  • Vor 4 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 4 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 4 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 4 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 4 Jahren

    Die Gitarren saugen dich in einen irren, psychedelischen Strudel. Dann diese beschwörend-rituelle Rhythmussektion. Dieser Gesang, der als weiteres beschwörendes Instrument dient und der in die dunklen Weiten des Weltraumes führt. Ist das noch Metal, Krautrock Jazz? Egal. Was für ein monströses, verschlingendes Werk. Dabei sind die Vorgänger fast schon überirdisch (unbedingt mal Hören, Speedi, nichts Eintagsfliege, da täuschst du dich ;) ), aber das Werk ist noch mal eine Steigerung, die man kaum erhofft hätte. Ich würde sagen, das hier ist ganz klar Anwärter auf das Album des Jahres.

    (Hoffentich bringt das nächste Update endlich mal den Edit-Button)

    • Vor 4 Jahren

      Außerdem ist "Vasemman Käden Hierarkia" vielleicht eins ihrer besten Songs, wenn nicht sogar der Beste. Ein 15-minütiger Trip, der auch wunderbar ohne LSD funktioniert. Das atmet viel Pink Floyd zu Ummagumma-Zeiten, nur in Fom chaotischer Finnen.