laut.de-Kritik

So hell strahlten die schwedischen Prog-Metaller noch nie.

Review von

Tja, was schreibt man nun als Fanboy über das neue Album seiner Lieblingsband? Opeth übertreffen sich wieder mal selbst? Eine Offenbarung in elf Tracks? Die Definition von Musik? Im Falle von "Sorceress" nichts von alledem. Warum die Scheibe trotzdem die Höchstwertung verdient?

Nun, in erster Linie deshalb, weil Mikael Åkerfeldt sich selbst treu bleibt. Das klingt nach Klischee, aber tatsächlich hat man zu keinem Zeitpunkt der insgesamt knapp 60 Minuten das Gefühl, der Komponist würde auf Sicherheit spielen. Tatsächlich könnte "Sorceress" die Fanlager womöglich ärger spalten als jemals zuvor. Es ist insgesamt vielleicht das Album, das am weitesten von den 'echten' Opeth (um mal die Stimme der Post-Death-Abtrünnigen zu mimen) entfernt ist.

"Sorceress" präsentiert sie mit bisher unbekannter Eingängigkeit, zugunsten derer Teile der Komplexität geopfert werden – das wird nicht allen gefallen. Ein Song wie "Era" etwa wäre vor diesem Album undenkbar gewesen. Man möchte Åkerfeldt im ersten Impuls beinahe ins Gesicht schlagen für die unverschämt simplen Staccatos, die fast plump den zarten Pianoübergang zerbrätzen. Nur hätte der Mann das vermutlich bereits selbst getan, wenn er nicht genau wüsste, das es im Endeffekt eben doch funktioniert.

Denn das repetitive Momentum erzeugt auf Dauer eine Spannung, die einen schier zerreißt. Erst nach vier Minuten (minus dem erwähnten Klaviereinstieg) öffnet sich die Band dem erlösenden Refrain. Der gleicht einem Feuerwerk und wird nicht nur mit jedem Mal Hören besser und besser, sondern lässt eine ganze Riege an 80er-Hooks für die Ewigkeit ziemlich bedröppelt aussehen. Åkerfeldt ist sich auch nicht zu schade, dafür ein paar Reime aus der Texterfibel zu kramen: "The end of an era / Start a new / And the devil lives in you". Abgedroschen? Vielleicht. Works? Oh ja. Viel Spaß dabei, das wieder aus euren Gehörgängen zu pulen.

Die neu gefundene Kompaktheit führt dazu, dass auf "Sorceress" den Einzelsongs im Vergleich zu früheren Alben eine wesentlich größere Bedeutung zukommt. Beziehungsweise, dass zwar nach wie vor eine Gesamtatmosphäre vorhanden ist, man diese auch auf gar keinen Fall missen möchte, und die Band sie durch entsprechende Dramaturgie auch ganz bewusst herbeiführt. Aber viele Tracks gehen dank der Geschlossenheit in sich losgelöst vom Albumkontext trotzdem wunderbar auf.

Aus diesem Schema heraus fallen "Persephone", "Sorceress 2", "The Seventh Sojourn" und "Persephone (Slight Return)" an Anfang, Ende und Mitte der Platte. "Persephone (Slight Return)" stellt an sich nur eine Extension des vorangehenden "Era" dar und greift darüber hinaus die weibliche Erzählstimme des Intros "Persephone" wieder auf (da hat wohl jemand Gefallen an "Hand. Cannot. Erase." gefunden), um den Albumkreis zu schließen. "Sorceress 2" steht als fragiles Akustikintermezzo ohne jegliche Rhythmussektion im Zentrum und teilt "Sorceress" gemeinsam mit "The Seventh Sojourn" in zwei Hälften. Letzteres entpuppt sich als weitestgehend instrumentales, ebenfalls akustisch gehaltenes, Stück, das als perfekte Ergänzung zu "Sorceress 2" vor allem rhythmusorientiert ist. Charaktergebend ist neben den orientalischen Streichern vor allem Martin Axenrot an der Percussion.

Beide Stücke bleiben aber im Vergleich zu ihrem Umfeld eher unauffällig und dienen in erster Linie der Stimmungsbildung. Um das Kapitel zu vervollständigen: Im Endeffekt bleibt auch "Persephone" mit kaum zwei Minuten Lauflänge und nur einem vorgestellten Thema nicht mehr als ein Moodsetter. Wieder setzen Opeth auf vergleichsweise simple Arpeggiomelodien, sorgen damit allerdings schon zu ganz frühem Zeitpunkt für einen der harmonischen Höhepunkte des Albums. Verliebt hat man sich spätestens, wenn bei der letzten Umdrehung eine Flöte zur Gitarre stößt.

Knüpfen wir doch einfach an diesem Punkt an. Denn in Sachen Harmonie sind insbesondere "Will O The Wisp" und "A Fleeting Glance" ganz groß. Ersteres zog laut Åkerfeldt seine Inspiration aus Jethro Tulls "Dun Ringill" und die Parallelen sind tatsächlich unüberhörbar. Näher am Folk waren Opeth wohl nie. Der Song reiht sich im Katalog ein neben Stücken wie "Harvest" oder "Burden" – was ihn jedoch deutlich von jenen unterscheidet ist die ihm eigene Leichtigkeit. Trotz seines schwermütigen, reuevollen Textes verströmt der Titel zumindest musikalisch Hoffnungsschimmer – und gipfelt in einer Gitarrenmelodie, die die Ambivalenz des Tracks noch mal zusammenfasst.

"A Fleeting Glance" bricht den Melancholie-Überhang Opeths sogar noch weiter auf. Im schelmischen 3/4-Takt walzen Tastenmann Joakim Svalberg und der Boss durch die Strophen – man weiß: die Vorbereitung für einen wie auch immer gearteten Ausbruch. Der erfolgt zunächst teilweise durch ein geschachteltes Palm-Mute-Riff, die dann einsetzenden zweistimmigen Gesanglinien deuten aber bereits an, dass noch mehr folgt. Und tatsächlich: Ähnlich "Era" blüht der Track gegen Ende so richtig auf, ergeht sich in herrlichen Gitarren- und Vocalmelodien, die dazu noch jegliche Melancholie abstreifen und sich dem Sonnenlicht hingeben.

Halten wir bis hierhin fest: Opeth präsentieren sich freundlich, zugänglich und catchy – gerade, was den Gesang angeht, der dank erneut gestärktem Selbstbewusstsein Åkerfeldts in dieser Hinsicht selbst die starke "Pale Communion"-Leistung übertrifft. Doch deswegen ist die progressive Seite Opeths noch lange nicht tot. Einerseits sind trotz allem die schon genannten Songs dem Prog-Sektor zuzuordnen, andererseits haben wir noch nicht alle elf Titel durch.

Da wäre unter anderem noch der Titeltrack, der es irgendwie schafft, 70er-Orgel mit djentigen Downtune-Riffs zu vereinen. Versucht Åkerfeldt alte Helden zu kopieren? Äh ja ... nein. Ein bisschen erinnert "Sorceress" mit seinem repetitiven Charakter im Hauptteil an "Cusp Of Eternity" vom Vorgänger – nur wesentlich schwerer und brachialer.

Dazu gesellen sich noch drei Tracks, die in bester Opeth-Tradition eine etwas längere Laufzeit mitbringen und dabei die gesamte Dynamik-Palette durchgehen. Den Anfang macht "The Wilde Flowers", das mit Nachdruck Fredrik Akessons Fähigkeiten als Gitarrist anpreist: Für solche Soli existieren schöne Umschreibung wie "face-melting" und "blistering" – frickelig, aber mit Sinn und Feeling dahinter. Den nachfolgenden Ruhe-Part nutzt die Band, um dem Hörer zwei Vocallines ins Gehirn zu brennen (eine davon greift "Will O The Wisp" im Anschluss gleich wieder auf) und langsam in die Knie zu gehen, um den finalen Angriff umso wirkungsvoller gestalten zu können.

"Chrysalis" und "Strange Brew" sind nicht weit von "Watershed"-Zeiten entfernt. Mein vorschneller Impuls beim Erstgenannten: 'Shit, da kommt ein Growl'. Passiert dann zwar nicht, vermisst man ob der stattdessen eingefügten Vocalline aber auch nicht. Showtime ist diesmal besonders für Joakim Svalberg angesagt, der sich im Mittelteil nach Lust und Laune austobt.

Während "Chrysalis" zwar harte, aber auch sehr weiche Seiten hat, diese aber durchweg eher smooth miteinander verknüpft, setzt "Strange Brew" auf abrupte Wechsel – der wohl verschachteltste Track des Albums. Es gibt einen Abschnitt, in dem Axe am Schlagzeug vollkommen durchdreht – das Keyboard ergeht sich derweil derweil in einer weirden Melodie, die das Fassen nicht wirklich leichter, dafür aber umso spannender macht. Später etablieren Gitarren und Stimme eine ziemlich eigenwillige, gleichzeitig aber auch einprägsame Hook. Und ja: Die Heavy-Reprise eines zuvor zaghaft vorgestellten Patterns hätte ein gewisser Tony Iommi sicher auch gern im Repertoire.

Das war im Grunde schon wieder viel zu viel Text für ein Album, dass mann besser anhören sollte, um einen Eindruck davon zu bekommen. Opeth kombinieren auf "Sorceress" die teilweise auf "Heritage" vorhandene Direktheit mit der "Pale Communion"-Grundatmopshäre – die sie allerdings zugunsten hellerer Töne aufbrechen. Mäkel sucht man vergeblich – wahrscheinlich ist genau dies der Punkt, an dem sich enige stören werden.

Denn leugnen lässt sich keineswegs, dass Opeth auf "Sorceress" stellenweise ziemlich glatt wirken. Ein Song wie "Will O The Wisp" ist definitiv nicht dafür gemacht, anzuecken. Um zum Anfang zurückzukommen: Zumindest nach meinen Maßstäben haben sich Opeth zwar nicht selbst übertroffen, im Diskographie-Ranking würde ich "Sorceress" doch deutlich hinter "Pale Communion" einordnen.

Nichtsdestotrotz hat es die Band erneut geschafft, ihrem Werk ein Puzzleteil hinzuzufügen, das in ähnlicher Form bisher noch nicht vorhanden war - und seinen Platz gleichzeitig rechtfertigt. Diesmal weniger über sein Gesamtes als vielmehr über den Feinschliff der Bestandteile. Und ich bin mir relativ sicher, dass das nächste Stück sogar noch strahlender schillern wird als dieses hier.

Trackliste

  1. 1. Persephone
  2. 2. Sorceress
  3. 3. The Wilde Flowers
  4. 4. Will O The Wisp
  5. 5. Chrysalis
  6. 6. Sorceress 2
  7. 7. The Seventh Sojourn
  8. 8. Strange Brew
  9. 9. A Fleeting Glance
  10. 10. Era
  11. 11. Persephone (Slight Return)

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16 Kommentare mit 83 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    1. Hördurchgang...hilfe ick brauch erstmal was uff die Mütze und geb mir Blackwater Park
    2. Hördurchgang...der Åkerfeldt hat echt Eier und zieht das Ding jetz noch mit beachtlicher Konsequenz durch. Weniger Dynamik als auf Pale Communion aber dafür mit noch mehr verspielten Details
    3. Hördurchgang...die Rakete zündet leise mit sanften Klangteppichen, Cream Passagenund den mystischen psychedelischen Spielereien.

    Freu mich schon wie wunderbar dieses Album wieder spalten wird und geben wie gewohnt bei Opeth verdiente 5/5 Punkte

  • Vor 2 Jahren

    Ich geb zu, ich hab etwas Angst vor dem Album. Das erste Album für mich war die "Blackwater Park" und die gehört bis heute zu meinen Lieblingsalben. Auch die Alben davor und danach mag ich (teilweise sehr gern). Mit der "Heritage" kam dann der Einbruch, denn mit dem Album kann ich bis heute nichts anfangen. Die Tour dazu war für mich eines der enttäuschendsten Konzerterlebnisse bisher, was sie dann 2012 in Wacken wiederum etwas gerettet haben.
    Die "Pale Communion" wiedrum hat mir sehr gut gefallen.
    Und nun? Die bisher gehörten Vorabsongs haben mich nicht so vom Hocker gerissen. Also wird das Album für mich ein zweites "Heritage" oder eher ein zweites "Pale Communion" oder was ganz anderes?

  • Vor 2 Jahren

    Jaja. Sich selbst treu bleiben. Andere Bands kommen damit nicht über 3 Punkte, weil ja alles schon da war. Nur Opeth darf das... versteh ich nicht. 4/5 hätte volkommen gereicht.

    • Vor 2 Jahren

      Er bleibt sich selbst treu indem er die Musik weiterentwickelt und noch kein Album zwei Mal aufgenommen hat. Was Opeth in dem Fall also machen, war eben noch nicht da, weswegen es eben auch mehr als drei Punkte gibt. Ist nicht so schwer zu verstehen, aber manche Menschen brauchen halt länger :)

    • Vor 2 Jahren

      Gut, das Musik Reviews subjektiv sind. So kann der Autor (und ich auch) 5/5 geben, und du dann deine 4/5.
      Album ist top, nix zu meckern!

    • Vor 2 Jahren

      ich finde, man hört jedem Opeth Song eben an, dass er von Opeth ist (gut, neues Album noch nicht geholt also von dem her)...
      dennoch sind keine 2 Songs einfach gleich. Also ja, das ist "sich selber treu bleiben".