laut.de-Kritik

Batzen zählen und Haze smoken unter Zeitdruck.

Review von

"Na komm schon, Mann, steh auf! Die Uhr schlägt Eins. Die Zeit läuft, OL, und jede Sekunde zählt." Olexesh steht unter Zeitdruck. Immer wieder schweift sein Blick auf das Smartphone oder den Chronometer ab, als müsste er sich vergewissern, ob noch genügend Zeit übrig bleibt, um sein Tagwerk zu vollbringen. In jedem dritten Song seines vierten Studioalbums "Rolexesh" taucht das Zeitmotiv auf. Mit der Luxusmarke Rolex findet er im Titellied die passende Metapher für die dank finanzieller Absicherung nun zumindest vergoldete Lebenszeit: "Dreh's auf, hör' die Uhr ticken, flipp' aus. Tick, tack, ti-ti-tick, tack."

Selbstverständlich dreht sich ein Streetrap-Album wie "Rolexesh" vor allem ums Batzen zählen und Haze smoken. Doch trotz der im Artwork zur Schau gestellten durchtrainierten Überlegenheitspose klingt beim Mann aus Kiew immer ein melancholischer Grundton durch. Bereits im Prolog lässt er Selbstzweifel erkennen ("Alle erwarten was von dir / Kannst du damit umgehen? / Sag mir, kannst du damit umgehen?"). In "Hallo Hallo" lässt er zwischen Singsang und Flüstern mäandernd seinen Werdegang vom "Klassenclown" zum Rapper Revue passieren. Mit seiner angenehm offenen Art hinterlässt Olexesh den Eindruck eines verlorenen Kindes ("Hallo, hallo, hallo, hallo / Ich brauch' doch nur jemanden zum Reden."). Ein Saxophon, das in "Frisch Aus Dem Block" einsam durch das Viertel echot, unterstreicht dies in gleicher Weise.

Im Team mit Ufo361 schmachtet Olexesh nach einer nur "Fake Love" gebenden Stripperin. Ohne die Veranstaltung ins Peinliche kippen zu lassen, versucht sich der 385idéal-Rapper mit etwas produktionstechnischer Unterstützung an einer Gesangshook. Der Lokalpatriot aus der Hauptstadt spult unterdessen sein Programm ab. Selbst die mittlerweile pathologische Züge annehmende Beschwerde über Neider findet sich ein. Dagegen gelingt dem Stay-High-Rapper im Hinblick auf seine objektophile Beziehung zu einem Schaufensterpuppenkopf ein amüsanter Brückenschlag von "Fake Love" zu seinem anstehenden Album "808" ("Hab' mich wegen ihr mit Tiffany gestritten.").

Neben Ufo361 fährt Olexesh eine ganze Riege erfolgsverwöhnter Deutschrapper auf. Mit dem variablem Flow des Darmstädters können aber weder Xatar noch Azad oder Capital Bra mithalten, wobei Letztgenannter es zumindest vermag, seinen Rückstand mit jeder Menge Leidenschaft zu minimieren. Auch wenn alle drei bereits weitaus gelungenere Parts aus dem Ärmel geschüttelt haben, wartet "BWA" mit den zumindest gewohnt charismatischen Hanybal, Celo und Abdi auf.

Wirklich gut gelaunt und on point gerappt kommt eigentlich nur der 16er von Bonez MC daher: "Langeweile, schieß' drei Löcher in das Einbahnstraßenschild / Während der Bulle Donuts frisst und in sei'm Einsatzwagen chillt." Der gemeinsame Song "Schüsse Aus'm Benz" überzeugt dann auch mit seinem von Don Alfonso und Staticbeatz unterlegten Beatgerüst, durch das sich Fingerschnipsen in bester West-Side-Story-Manier zieht. Lediglich die Springmesser werden natürlich durch ein volles Magazin ersetzt.

Auch wenn sich Olexesh auf jeder Produktion zurecht findet, überzeugen vor allem die bouncenden Bretter wie sie etwa den Titelsong veredeln. "Chabba Macht Parra" hypnotisiert den Hörer mit seinem atmosphärischen, aber nicht greifbaren Instrumental. Und während sich "Trap Brat" mit schnellen Hi-Hats und tiefer gelegter Stimme am Status quo im Hip-Hop orientiert, übt Olexesh inhaltlich den Schulterschluss mit der alten Schule um Bone Thugs-N-Harmony und Tupac Shakur. Auf der anderen Seite erscheinen Songs wie "Idéal Der Shit" und "Policeman" ebenso witzlos wie sittsam.

"Kill Für Mich" setzt den elegischen Schlusspunkt des Albums. Mit dem Mindset eines Travis Bickle, der Hauptfigur aus Martin Scorseses "Taxi Driver", fordert Olexesh dazu auf, ihn "nachts im Taxi" zu begleiten: "Endlose Straßen, schlaflose Nächte, Nutten, die grinsen, die Hölle will testen." Die Grenzen zwischen Tag und Nacht verschwimmen und ehe er es sich versieht, bricht bereits ein weiterer 24-Stunden-Zyklus an: "Draußen wird es langsam hell, automatisch wach um elf und die Sonne ist zu gelb." So verhält es sich mit der Zeit, unbarmherzig rast sie weiter. "Tick, tack, ti-ti-tick, tack."

Trackliste

  1. 1. Rolexesh
  2. 2. Gopnik
  3. 3. Frisch Aus Dem Block (mit Capital Bra)
  4. 4. Hallo Hallo
  5. 5. Geld Spielt Keine Rolex (mit Nimo)
  6. 6. Trap Brat
  7. 7. Hände An Der 9 (mit Azad)
  8. 8. MOB
  9. 9. BWA (mit Celo & Abdi und Hanybal)
  10. 10. Idéal Der Shit
  11. 11. Fake Love (mit Ufo361)
  12. 12. Chabba Macht Parra
  13. 13. Niemals (mit Xatar)
  14. 14. Policeman
  15. 15. Schüsse Aus'm Benz (mit Bonez MC)
  16. 16. Kill Für Mich

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11 Kommentare mit 16 Antworten

  • Vor 8 Monaten

    überraschend gut. macht spass. das erste olex-album, das ich am stück hören kann.

  • Vor 8 Monaten

    Ich bin ja immernoch der Meinung, dass OL auf "Masta" alles gesagt hat, aber doch..dieses Album hier ist gut

    Die Produktion zeigt sich ohne große Überraschungen sehr solide auf seine (textlich zwar weiterhin belanglose) doch flowtechnisch gewohnt starke Performance zugeschnitten. Trockene, raue Beats wechseln sich mit leicht modernisierten Formen ab, einmal das "Hail Mary"-Sample treffend roh ausgepackt ("Trap Brat"), funkelnd-melodische Vibes mit Ufi361 aufgefahren ("Fake Love) und an anderer Stelle durchaus nocturnal gehauchte Atmosphären auf Beton verströmt ("Kill für mich")

    Stichwort Flow. Hier gibt er sich bewährt vielseitig, nicht immer zum Positiven. Dem deplatzierten Singsang auf "Hallo Hallo" begegnet er mit messerscharf locker kombinierten Passagen im gemütlich-grauen Streetkorsett ("Idéal der Shit") oder dem hypnotisch-monotonem Kopfnicker "MOB".

    An anderer Stelle stolpert Xatar etwas über die ausgewalzte Streetbühne, Bonez hustet sich durch ein schwaches Beatgerüst, das nach verklärte Aggro Zeiten tönt und Blanco erinnert auf dem routinierten "Gopnik" daran, dass man mal wieder bei Hafti anklopfen sollte. Ein orientierugsloser Azad ist auch irgendwo mit drauf und liefert genau den müden Part ab, denn Nimo kurz zuvor ähnlich vorhersehbar runterleiert (Schlecht ist der Song dank fließendem Sound beileibe nicht)

    Ansonsten ist es mal wieder schön Hanybal auf frisch dynamischem Soundbildern zu hören, Capital Bra's Part zur kleinen Straßenhymne "Frisch aus dem Block" nicht komplett verhunzt, sowie "Chabba macht Parra" vom Gastgeber minimalistisch auf den Punkt gebracht zu wissen.

    "Policeman" sowie der oldschoolige Opener "Rolex" sind ebenso grundsolide Stücke, die die Blödeleinlagen des eingangs erwähnten "Masta" vergessen machen und sich mehr auf seine Stärken konzentrieren

  • Vor 8 Monaten

    Noch einer der stabilsten aus dem linguistisch überforderten Azzlack-Dunstkreis.