laut.de-Kritik
Alles für die Wirkmacht, nichts für die Kunst.
Review von Maximilian Fritz"This is bigger than techno" – ein ziemlich selbstbewusstes Statement, das die deutsche DJ und Producerin Lilly Palmer in den ersten Sekunden ihres gleichnamigen Albums abgibt. Was dann auf dem Titeltrack und Opener folgt, hat mit Techno in seiner ursprünglichen Ausprägung tatsächlich gar nicht so viel zu tun. Eher rattert Goa auf Stereoiden los, danach flöten Trance-Akkorde in die Parade. Eher ließe sich also sagen: This is different to techno. Oder, wolle man unken: This is way smaller than techno.
Denn sagen wir zu Anfang gleich, wie es ist: Lilly Palmer und ihr großformatiger Stadionsound sind die kompromisslose Negativkonsequenz dessen, dass seit Pandemiebeginn die Festplatten – ich meine: die Gehirne – von Kids in jeglicher Hinsicht frittiert wurden. Soll heißen: Es ist kein Zufall, dass sich auf diesem Album absolut hektische 16 Tracks finden, von denen keiner die Vier-Minuten-Marke überschreitet. Eigentlich ausdauernde Clubmusik haben Lilly Palmer und ihr Produzent:innenteam für Pop-Konventionen zurechtgebogen, in Länge, Dramaturgie, Ästhetik.
Vocals flirren orientierungslos durch den Äther, Stile, die nicht kollidieren sollten – das ging schon in den Neunzigern nicht gut – paaren sich zum Wolpertinger im Billo-Harness, und eine akustische Vollkatastrophe jagt die nächste. Jeder einzelne Track ächzt unter dem Joch aus unzusammenhängenden Ideen, das er zu tragen hat. Alles für die Wirkmacht, nichts für die Kunst.
Für "Ayi Giri" hat man der Nürnbergerin Trance-Legende Armin van Buuren als grinsendes Gimmick zur Seite gestellt, der sich für seinen Cameo-Auftritt im Zuge dieser Peinlichkeit hoffentlich adäquat entschädigen ließ. Man muss kein geifernd woker Kämpfer gegen Cultural Appropriation sein, um den unangenehmen New-Age-Break zur Mitte des Stücks und die Verwurstung vermutlich indischer Vocals seltsam zu finden, dafür genügen ein Funke Anstand und Geschmack. Selbiges gilt fürs ebenso dümmliche "Ganna Modam", das genüsslich auf das Grab holländischer Hardcoremusik rotzt, oder, in der absoluten Extremform, "Hare Ram", das sich nicht scheut, aus dem Hare-Krishna-Mantra zu zitieren.
"Rotterdam", auf dem Lilly Palmers Chefproducer Egbert seinen Credit bekommt, fährt so etwas wie Schranz auf, nach weiteren unbedeutenden Nummern dann ein Feature mit, man lese und staune, Gregor Tresher. "Rakete" erinnert an zu schnellen Afterlife-Techno Ende der Zehnerjahre. Das lässt sich zwar irgendwie anhören, rettet aber nichts mehr an diesem Album, das für den kurzlebigen Exzess, die schamlose Zurschaustellung der eigenen musikalischen Verkommenheit entworfen wurde und letzten Endes nichts als Leere hinterlässt.


15 Kommentare mit 71 Antworten
Kenne ich nicht, und nach kurzem Reinhören kann es auch so bleiben. Nichts dabei, was ich persönlich in ein Set einbauen würde.
"Bigger than techno"
Literally who???
gibt es auch ein figuratively who?
Möglich, möglich
Nee, gibt's nicht.
Aber das gibts
https://youtu.be/dksNMWDw16s?is=Iug_qWyDNe…
@garret: nice.
Eigentlich ist das ja nicht mal Techno, sondern Trance. Mal reingehört. Klingt wie Konglomerat dessen, was in der elektronischen Musik der letzten Jahre zu ziemlich falsch läuft.
Ich weiss, google sagt was anders, aber für mich ist Trance auch Techno. Techno ist der Überbegriff
Techno ist Techno. House ist House. Trance ist Trance. Hat alles eine vollkommen andere Herangehensweise und einen völlig anderen Background, wobei sich die Genres im Laufe der Zeit gegenseitig ziemlich befruchtet haben. Oberbegriff wäre eher elektronische Tanzmusik. Der Ursprung ist Disco.
wenn der rezensent mit der stilrichtung nichts anfangen kann, sollte er die platte nicht rezensieren. sorry, das liest sich nicht wie eine faire bewertung.
Für mich klingt das als könnte die Palmer nix mit der Musik anfangen.
Immerhin springt einem die Ausdruckslosigkeit bereits auf dem Cover entgegen. Wo Techno und Rave früher für Community, Safe-Space und Subkultur standen, ist es für viele heute nicht mehr als nur eine weitere Plattform um sich selbst darzustellen, zu vermarkten und möglichst geil zu finden.
Mainstreamtechno war doch schon immer Müll! Die 90er waren voll mit Sachen wie Scooter oder U96. Billig, simpel und auf Eingängigkeit optimierter Kram ohne irgendeine Relevanz. Dieser Tomorrowlandtechno hat eine komplett andere Zielgruppe, denen es - glaube ich - nur am Rande um die Musik geht. Ich habe in den letzten 30 Jahren noch NIE erlebt, dass auf ner vernünftigen Party irgendwer den DJ mit dem Handy gefilmt hat…. Bigger than Techno? Eher Different und vor allem Nix für mich.
Seht, es ist Irr_Relevevant. Gleich neben meinem rumänischen Kumpel Redu N. Dant.
@Irr: Tomorrowland muss man sich vor allem erstmal leisten können. Kapitaslismus pur!
Und ja du hast recht, in den 90ern gab es auch viel Techno-Müll. Aber ohne geht halt nicht. Alles ist Geschmacksache, aber nicht jeder hat eben Geschmack
@Lost… wow gääääähn. Anzeige ist raus