laut.de-Kritik

Locker, präzise, mellow, retro und etwas düster

Review von

Im Unterschied zu seinem letzten recht stringenten und homogen gestalteten Album, probiert Nick Waterhouse dieses Mal etliche Tempi und stilistische Ansätze aus. Stimmungsmäßig cruisen sie alle durch gewittrige und rauchgeschwängerte Luft. Synästhetisch gesagt, würde man dem Album die Farbe Lila geben, wo Grün zu hoffnungsvoll, Orange zu fröhlich, Schwarz zu schwer und getragen wäre. Verblasstes Blaugrün der 1920er Jahre schlägt der Künstler selbst im Song "Very Blue" vor und spielt auf den Roman "The Great Gatsby" (1925) an. Ihm hier zu folgen ist schwierig, wenn man den Roman nicht kennt - die Musik verhält sich da doch zu impressionistisch.

Grell und auffallend kommt der Rock'n'Roller mit Surf-Pop- und Soul-Kompetenz nicht gerade daher. Er steckt ganz in seiner Welt und stellt seine entrückten Sounds ein bisschen unzusammenhängend nebeneinander. Der 35-Jährige bewegt sich durch abgesichertes musikhistorisches Milieu, das sich so schon in den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern den Status 'zeitlos' erarbeitete; Everly Brothers, Beach Boys, Box-Tops, Paul Anka, Eddie Cochran, Bobby Vee, Buddy Holly und Roy Orbison lassen grüßen. In "Medicine" erklingt ein bisschen Bacharach und Gershwin.

Der Westcoastler befreit die alte Musik grandios von jeder Patina und lässt sie frisch klingen - seine große Stärke. Was die neuen Songs angeht, finden sich vier starke und zwei mittelcoole Tracks auf der LP. Die beiden Opener, "Place Names" und "The Spanish Look" zählen auf seltsam teilnahmslose Weise nicht zu den Abräumern. Gleich die erste Nummer wirkt wie die Chronistenpflicht-Erfüllung eines nostalgischen Nerds, reißt nur leider keinen Millimeter vom Hocker.

In "The Spanish Look" baut Waterhouse dann zwar etwas Spannung beim Singen auf, trotzdem schlingert der düstere Song zu vorsichtig und routiniert vorbei. Die erste echte Steigerung glückt dem Künstler dann mit energischen Bass-Akzenten und Trommelwirbel in "Vincentine". Auch hier fällt ihm aber vergleichsweise wenig ein, nimmt man die Mini-Dramen seines letzten Studioalbums als Maßstab. Atmosphärische Kunstpausen und verschiedene Höhen- und Tiefenlagen in der Stimme erheben schließlich den Trompeten-verzierten Trennungs-Track "Fugitive Lover" zum Earcatcher.

Wo man, wie der Pressetext des Labels nahelegt, Ethio-Jazz Astatkes im Instrumental "Promène Bleu" heraushören könne, bleibt unklar. Der Track wirkt nett, doch als nette Überleitung auch etwas verloren. Je mehr man sich ins Album vertieft, desto mehr wünscht man sich den feurigen Entertainer Waterhouse aus seinem Konzert-Album "Live At Pappy & Harriet's: In Person From The High Desert" (2020) zurück. Oder den frechen Versuch, auf Deutsch zu singen, "Reif (Für Herzschmerz)" (auch 2020).

Sei's drum, ein paar reife Früchte werden die Fans hier auf der "blauen Promenade" gewiss trotzdem ernten. Einmal wäre da der lockere, zugleich vehemente Doo-Wop-Titel "To Tell" mit mehrstimmigen Vocals, sportlichem Streicher-Einsatz und spitzenmäßiger Arbeit an den Drums, die das altmodische Stück knackig konturieren. Um auf die Highlights "Silver Bracelet" und "B. Santa Ana, 1986" zuzusteuern, lässt sich das Album Zeit. Der Song über Nicks kalifornische Herkunft, geboren 1986 in Santa Ana-Huntington Beach, bietet gleißend scharfe Instrumental-Präzision, psychedelische Zwischentöne und engagierten Gesang, wiederum in genialer Überlagerung von Lead-Vocals und kraftvoll konternde Background-Lines.

"Silver Bracelet" schaltet zur Abwechslung ein Klavier ein und surft mit mellow-verwaschenen Harmonien auf einem gekonnten Tex-Mex-Rhythmus, dem ein Tenorsax-Solo in Bebop-Stil und erneut ein paar Doo-Wop-Takte begegnen. Der Sixties-Nostalgiker schöpft zwar aus dem Vollen. Dennoch knetet er auf "Promenade Blue" nicht mehr so gut wie bis dato alle seine Stilvorlieben zu einem schönen Teig. Vielmehr macht er ein paar Vorschläge, wie er denn so klingen kann. Hiervon bisschen, davon auch.

Die Plattenfirma schreibt entschuldigend auf Bandcamp: "Wir können noch so angestrengt versuchen, einen Sinn in "Promenade Blue" zu suchen, aber in Wirklichkeit benötigt man gar keinen Kontext, weil das Album so verdammt großartig ist." Das ist es - bei aller Liebe - definitiv nicht. Dennoch: Ein paar Inspirationen, sich öfter mal durch 60er-Teen Pop, Vintage-Soul, Easy Listening & Co. hindurch zu hören, bekommt man mit auf den Weg. Und dass Kaliforniens Sonne recht dunkel wirken kann, in diesem Punkt bleibt der Gitarrist und Songwriter sich treu. Handwerklich macht dem Retro-Spezialisten dabei keiner was vor.

Trackliste

  1. 1. Place Names
  2. 2. The Spanish Look
  3. 3. Vincentine
  4. 4. Medicine
  5. 5. Very Blue
  6. 6. Silver Bracelet
  7. 7. Promène Bleu
  8. 8. Fugitive Lover
  9. 9. Minor Time
  10. 10. B. Santa Ana, 1986
  11. 11. To Tell

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