Diesmal versucht der Sohn Mannheims noch nicht einmal mehr, nicht rassistisch zu klingen. Warum hat der Mann noch eine Karriere?

Babylon (ynk) - Es ist nicht das erste Mal, dass Xavier Naidoo sich eine Kontroverse ob seiner politischen Ansichten einhandelt. Es steht an diesem Punkt in unrühmlicher Tradition, dass er alle Jahre wieder musikalisch gegen die Verschwörungen und Volksverräter ausholt, die seiner Ansicht nach Deutschland regieren. Im Laufe seiner Karriere wurde ihm u.a. schon Volksverhetzung, Verschwörungstheorien und christlicher Fundamentalismus vorgeworfen.

Selbst wenn man vom Xavas-Debakel, den Friedens-Mahnwachen, auf denen er Schulter an Schulter mit Rechtsradikalen aufgetreten ist, der Reichsbürger-Querfront und den zahlreichen Aufrufen zur Selbstjustiz absieht (was wir nicht tun), hätte der Song "Marionetten" 2017 alle Fragen beantworten müssen. Die Farbe, die er auf diesem Song bekennt, ist indiskutabel: Der Mann steckt knietief in einem Sumpf aus Verschwörungstheorien, scheint kein Problem damit zu haben, sich gegen die Verfassung zu wenden, und sagt Sachen, die ihn selbst in der AfD in den rechten Flügel rücken würden.

Aber Xavier Naidoo ist immer noch da, spielt Tauschkonzerte, macht Features mit Mainstream-Rappern und sitzt in der DSDS-Jury. Als hätte man nichts von alledem gewusst und als wäre all das nicht überall verfügbare Information. Aber die Musikindustrie hat sich wieder und wieder hinter ihn gestellt, weil der Xavier ja eigentlich ein total dufter Typ sei, und seine Aussagen ja eigentlich nur falsch verstanden wurden. Jetzt dreht der knuffige verwirrte Mann, den man wochentags abends auf mehreren Sendern zu Gesicht bekommt, der immer noch zu den populärsten Sängern dieses Landes zählt, leider wieder hohl. An alle, die ihn bisher in Schutz genommen haben: Wie erklärt ihr das hier?

Dieses Videosnippet von 50 Sekunden zeigt einen Xavier Naidoo, der bedeutungsschwanger in die Webcam singt. Zu sehen ist das Video im Moment auf dem Kanal von YouTuber TrauKeinemPromi, einem kleinen Star der Verschwörungstheoretiker-Szene, dessen Cosign wohl schon Einiges über den Song aussagen sollte. Aber einmal abgesehen davon, ohne den Song vorzuverurteilen, ohne etwas aus dem Kontext zu reißen: Was singt Naidoo da - und warum ist es ein Problem? Damit niemand vorwerfen kann, hier würde verzerrt oder desinformiert, hier der Text in seiner Gänze mit allen Einwänden und Kritiken, die er offensichtlich auf sich zieht:

"Ihr seid verloren
ihr macht nicht mal den Mund für euch auf
So nehmen Tragödien ihren Lauf
"

Der Part spiegelt am deutlichsten Naidoos bisherige Verschwörungs-Ästhetik. Ein Nachrichten-Magazin nannte das Video "kryptisch" und bezieht sich dabei auf diesen Teil. Es ist der typische neurechte Sprech, der nicht aktiv ausspricht, was er meint, aber dem eigenen Publikum doch genau impliziert, worum es geht: Die dummen Deutschen werden von Fremden überrannt, die daraufhin alles mögliche Unheil anstellen, während das Establishment sich nicht zur Wehr setzt. So lautet das Narrativ, mit dem alle rassistischen Populisten in Europa seit mehreren Jahren operieren. Gerade die Idee der Wehrhaftigkeit wird im Song wieder auftauchen und schürt die Stimmung gegen die Rechtstaatlichkeit, die Naidoo immer wieder angestimmt hat. Es steht nicht in diesen Zeilen, aber es steht im Raum. Hätte er es, wie auf bisherigen Songs, schwammig gelassen, könnte er sich einmal mehr mit Interpretierbarkeit herausreden. Allerdings wird er im Rest des Songs so explizit, dass keine andere Interpretation offen bleibt.

"Eure Töchter eure Kinder sollen leiden
Sollen sich mit Wölfen in der Sporthalle umkleiden
"

Es geht also um unsere Kinder. Denkt doch mal einer an die Kinder! Und die Töchter! All die guten deutschen Töchter werden von Wölfen gerissen! Der "Wolf" ist eine Metapher, ein Stilmittel, das Naidoo hier mit brillanter Subtilität einführt, weil er nicht direkt aussprechen will, dass er Flüchtlinge meint. Das hätte nämlich wirklich sogar für seine Verhältnisse etwas rassistisch geklungen. Die Aussage ist, dass unsere guten blonden, deutschen Töchter jetzt auch noch mit den bösen Flüchtlingen in einer Sporthalle zu tun haben müssen. Klingt gar nicht mehr so schlimm, wenn man es so formuliert.

"Und ihr steht seelenruhig nebendran
Schaut euch das Schauspiel an
Das euch alle beenden kann
Weit und breit ist hier kein Mann, der das Land noch retten kann
"

Wir werden nicht expliziter, aber Naidoo verdeutlicht zumindest, dass von diesen "Wölfen" eine wirklich immense Gefahr ausgehen muss. "Uns alle beenden" können sie angeblich. Und kein starker Mann (eine starke Frau wäre für so etwas ja nicht denkbar, pff!) ist mehr in der Lage, die bösen Tiere abzuwehren. Aber warum glaubt Naidoo, dass dem so ist?

"Hauptsache es ist politisch korrekt
auch wenn ihr daran verreckt
"

Ach, ja: Hier haben wir die Krux des Ganzen. Anscheinend ist diese ominöse "politische Korrektheit" der Grund dafür, dass all die straffen Mannen wie Xavier keine Chance mehr haben, sich gegen die uns alle zerfleischenden Wölfe zur Wehr zu setzen. Seite eins aus dem populistischen Trickbuch: Wenn man keine wirkliche Substanz hat, konstruiert man einfach ein System der Wahrheits-Vertuschung, das die angebliche Gefahr verheimlicht, gegen die man sich nun zur Wehr setzen muss. Wenn die bösen Flüchtlinge gar nicht die alles niedermarodierende Bedrohung des Staates sind, zu der die eigene Rhetorik sie gerne machen würde, muss man eben die Begründung mitliefern, warum der Großteil der Gesellschaft nicht so komplett paranoid und panisch mit dem Thema umgeht. Hier ist es einfach: Eigentlich sehen alle Deutschen es ja so, aber sie haben nur Angst, es auszusprechen, wegen all der bösen politischen Korrektheit, die sich wie in einem Orwell-Roman über unser Land gelegt hat. Wir werden zum Schluss noch einmal darauf eingehen.

"Ich hab' fast alle Menschen lieb
Aber was, wenn fast jeden Tag ein Mord geschieht?
Bei dem der Gast dem Gastgeber ein Leben stiehlt
"

Natürlich kommt hier der Part, in dem Xavier klarstellt, dass er gar kein Rassist ist. Nein, er hat ja alle Menschen lieb. Bis auf die, die er zwei Atemzüge später komplett generalisiert und im Kontext des Songs zu bluthungrigen Wölfen erklärt, nur auf dem Weg hierher, um unsere deutschen Töchter in Sporthallen zu zerfleischen. Aber halt so ... nicht-rassistisch gemeint.

"Da muss ich harte Worte wählen
Denn keiner darf meine Leute quälen
Wenn doch, der kriegts mit mir zu tun
Lass uns das beenden und zwar nun
Ihr seid verloren
"

Naidoo schließt mit einem bei ihm langsam zur Routine gewordenen Aufruf zur Selbstjustiz. Erinnert an den "Marionetten"-Song, auf dem er am Ende die Bauern mit den Mistgabeln imaginiert hat, wie sie den Politiker-Schurken die Rüben einschlagen. Was haben wir hier also? Wir haben einen Song, der nicht nur Flüchtlingen und/oder Migranten generell unterstellt, Mörder zu sein, die das Fortbestehen des Landes angreifen. Ein Song, der allem Fremden eine existenzielle Bedrohung der Heimat zuschiebt. Und am Ende keine politische Lösung in petto hat, sondern nur eine plumpe Gewaltandrohung von Onkel Xavier.

Ich hoffe, dass ich hier nicht mehr erklären muss, warum das nicht klargeht. Nicht aufgrund von nebulöser "politischer Korrektheit", sondern aus politischer Praxis. Die Integration und Unterbringung von Geflüchteten während der Bürgerkriege und Kriege im nahen Osten und Nordafrika war und ist eine politisch heikle und schwierige Situation für Deutschland. Niemand sagt, dass es eine Kleinigkeit sei, niemand will die daraus entstandenen Probleme ausblenden oder bagatellisieren. Dennoch bildet die tatsächliche Zerreißprobe die daraus erwachsene Blüte eines neuen Populismus', einer Epidemie von "Fake News" und von Feindlichkeit gegenüber Sachlichkeit, Wissenschaft und angemessenem Diskurs. Einer Feindlichkeit, zu der Pappnasen wie Naidoo mit vollem Schwung beitragen, inklusive der Tendenz, es mit der Verfassung und den Menschenrechten nicht super wichtig zu nehmen und weitere Desinformationen und populistisches Fearmongering zu betreiben. Denn hätten Pappnasen wie er die Diskussion nicht auf eine simple "Ja/nein"-Frage reduziert, hätte Deutschland vielleicht über eine bessere Praxis der Flüchtlingskrise nachdenken können. Aber das wäre wohl zu einfach gewesen. Naidoo geht es nicht um Nuance oder Diskurs, er ist vermutlich nicht einmal im Herzen rechts. Es geht ihm nur darum, den starken Mann zu spielen, der die Wahrheit für sich gepachtet hat. Gegen alle Vernunft und ohne Rücksicht auf die Folgen.

RTL erwartet Rechtfertigung

Das hier war überdies kein Ausrutscher. Kein Versehen. Keine Singularität. Das sind die sich systematisch immer wieder zeigenden wahren Farben des Xavier Naidoo, der sich in diesem Jahrzehnt wieder und wieder mit krudesten politischen Meinungen und Verschwörungstheorien blamiert hat und dennoch mit offenen Armen für den Verkauf von Tauschkonzert-CDs herangezogen wird. Alle Jahre wieder passiert etwas wie das hier. RTL hat zumindest bereits angekündigt, dass Naidoo ihnen eine Rechtfertigung für dieses Video schulde. Man kann nur hoffen, dass die deutsche Musikindustrie einmal so etwas wie Rückgrat zeigt, und Naidoo für seine populistischen Hetze gegen Minderheiten endlich Konsequenzen spürt.

Am Mittwoch Nachmittag gab Naidoo dann tatsächlich die von RTL geforderte Erklärung ab und wies die Vorwürfe gegen ihn zurück. Es sei gegen Ausgrenzung und Rassismus, sagt Naidoo, aber eine Demokratie müsse auch wehrhaft sein:

"Tragische Gewalttaten wie etwa in Chemnitz, Halle, Hanau und andernorts gilt es zu verhindern; es kann auch nicht sein, dass etwa jüdische Schulkinder verstärkt Angst vor antisemitischen Übergriffen haben müssen. Auch meine Familie kam als Gast nach Deutschland und hat sich natürlich an Recht und Moralvorstellungen des Gastgebers gehalten. Diese Selbstverständlichkeit sollte für alle gelten - auch wenn nur ein sehr kleiner Teil dies missverstanden hat. Aber gerade dieser kleine Teil belastet alle anderen, die hierdurch in 'Sippenhaft' genommen und durch eine erschreckende Zunahme an Gewaltakten in Gefahr gebracht werden."

Fotos

Xavier Naidoo

Xavier Naidoo,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Xavier Naidoo,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Xavier Naidoo,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Xavier Naidoo,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Xavier Naidoo,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Xavier Naidoo,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Xavier Naidoo,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Xavier Naidoo,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Xavier Naidoo,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Xavier Naidoo,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Xavier Naidoo,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Xavier Naidoo,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Xavier Naidoo,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig)

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