Rockmusik war der Soundtrack der Perestroika. Doch die alten Helden sind heute tot oder korrumpiert. Und der russische Metal-Papst ist ein Faschist.

Konstanz (laut) - Der russische Musik-Underground, dessen jüngste Generation Pussy Riot repräsentieren, hat in Russland eine lange Geschichte. Zu Sowjetzeiten waren es hauptsächlich Literaten und Künstler, die den Underground beherrschten. In den 60er und 70er Jahren bauten sie ein Netzwerk auf, über das illegale Texte aus dem Westen nach Russland drangen und im Selbstverlag kopiert und verbreitet wurden.

Seit Ende der 60er Jahre dröhnte auch die westliche Musik immer lauter durch den Eisernen Vorhang und stieß auf die Ohren einer Generation junger Menschen, die bereit waren, erhebliche Risiken auf sich zu nehmen um geschmuggelte Schallplatten auf dem Schwarzmarkt zu erwerben. Nur wenige können so bewegende Storys von der ersten Beatles-, Dylan-, oder Stones-LP erzählen wie die damals kaum 20-jährigen Russen, und bei weitem nicht alle dieser Geschichten haben ein Happy End.

Musik als Vorgeschmack der Freiheit

Verfolgungsjagden des KGB, der die Melomanen von ihren illegalen Plattentausch-Treffs auseinandertrieb, vom Polizeistiefel zertretene Pink Floyd-Alben, Hausdurchsuchungen, konfiszierter Hendrix - zwar kam man nicht mehr automatisch in die Lagerhaft wie zu Stalins Zeiten, aber ein Schulverweis, Verlust des Studienplatzes oder des Jobs drohte für beschlagnahmte Platten von The Doors, Led Zeppelin, AC/DC, BB King oder Queen allemal. Alles umsonst. Die verbotene Musik mit kaum verständlichen englischen Texten verhieß Traum und Sehnsucht und Inspiration.

Die Jugendlichen zogen Klaviersaiten auf selbst gemachte Bassgitarren auf, bastelten sich ein Schlagzeug aus Kochtöpfen und ausrangierten Philharmonie-Beständen zurecht, löteten Verstärker aus Elektroschrott zusammen, und fingen an selbst Musik zu machen und zu singen. Zuerst noch einen unverständlichen Kauderwelsch in Nachahmung der englischen Songs und erst seit der Mitte der 70er Jahre auch eigene russische Texte, die man in Underground-Studios aufnahm, oder nachts auf den Soundsystemen in Fernsehstudios, nachdem man den Wachmann mit drakonischem Schmiergeld - einer halben Kiste Vodka eingeschläfert hatte. Man organisierte illegale Konzerte und ganze Tourneen in Studentenwohnheimen und gab sogar illegal Rock-Zeitschriften heraus.

Der Musik-Underground der frühen 80er

Neben der Moskauer Band Zeitmaschine, die gefühlvolle und sozialkritische, von Bob Dylan inspirierte allegorische Balladen sang, gab es in St. Petersburg (damals Leningrad) eine rege Underground-Szene: Die experimentierfreudige Band Aquarium mit hochpoetischen, teils metaphysisch intellektuellen, teils heiteren und teils provokativen Lyriks mit Glam Rock- Blues- und Jazzrock Einflüssen; die urigen, volksnahen, spaßig-provokativen, oft religiös gefärbten Balladen der Band DDT; den früh an Alkoholismus gestorbenen Maik - den Hauptvertreter des russischen Underground-Blues. Den aus dem Fenster gestürzten Rock-Barden Alexandr Baschlatschew mit erschütternden Lyriks voller existentieller Verzweiflung; den Leader der Hardrock-Band Russländer, der 1984 in einen Zug stieg und spurlos verschwand.

In Achtzigern kamen die Punks dazu: der exzentrische Konstantin Kintschew mit der Band Alisa und die Art-Punk Band Null mit aufwendigen Akkordeon-Arrangements; der virtuose Jazzpianist und Tausendsassa Sergej Kurechin brachte bei seinen eklektischen "Pop-Mechanik"-Shows Bands allerlei Couleur zusammen mit Militärkapellen, Akrobaten, Aktionskünstlern und lebenden Tieren auf die Bühne. Alle Gruppen, die sich im Musik-Underground der frühen 80er in Moskau und Leningrad bewegten, kann man hier nicht auflisten, da gäbe es noch viel zu erzählen: Natürlich gab es auch interessante Bands und Formationen in der Provinz, den artifiziellen Glam Rock aus Ural, den kompromisslosen Punk Rock aus Sibirien, den schnörkellosen Folk Rock aus Tatarstan und noch vieles vieles mehr.

Der Sound der Perestroika

Das war russischer Rock, das war der Sound der Perestroika, der eine ganze Generation aus der Sowjetunion in die Russische Föderation und die "verwegenen 90er" begleitete. "Wir warten auf Veränderungen" der Leningrader Band Kino, deren Songs sich nach wie vor größter Beliebtheit bei Studenten und Prolls gleichermaßen erfreuen, wurde zur Jugend-Hymne der Perestroika. Ihr Leader - Viktor Coj verstarb tragisch 1990 auf dem Gipfel seines Ruhms bei einem Autounfall und gilt seit dem als die unübertroffene, reine Ikone der russischen Rockmusik, die es nach 1990 nicht einfach hatte sich auf dem Musikmarkt zu behaupten.

Das System gegen das sie protestierte, gab es nicht mehr - alles war erlaubt und käuflich geworden: süßliche Boy-Bands und sentimentale Banditenschlager triumphierten. Die Rocker, die gerade noch den Untergrund verlassen hatten und kurze Zeit Stadien füllten und Alben in westlichen Studios aufnahmen, waren mit einem Schlag ausrangiert - auf den Broterwerb bei Firmenfeiern (in Russland der Innbegriff für geschmacklose Ausschweifung) und kleine Szene-Clubs verwiesen. Immerhin kam Ende der 1990er eine neue Generation von Rockmusikern auf die Beine, deren erfolgreichster Vertreter und einziger Exporterfolg des russischen Rock Leningrad auf keiner Balkan-Beats Party fehlt.

"Orthodoxie oder Tod!"

Was machen heute die Legenden des russischen Rock, die den Underground der 80er und Unemployment der 90er überlebt haben? Der ehemals exzentrische provokative Punker und Heroin-Junkie Konstantin Kintschew mit seiner Band Alisa gilt heute als absoluter Headliner der russisch-orthodoxen Rock, sein Schulterschluss mit der Kirche bringt ihm volle Festival-Stadien und Orden ein. Erst 2010 trat die Band mit den T-Shirts "Orthodoxie oder Tod" auf.

Jurij Schewtschuk, der Leader von DDT, profitiert mit seiner authentischen Religiosität auch von den Rockfestivals der orthodoxen Kirche, politisch ist er allerdings der einzige namhafte Altrocker, der sich auf die Seite der Opposition gestellt hat. Als Vladimir Putin sich 2010 im Zuge seiner PR-Kampagne mit Kunst-Schaffenden traf, tanzte Schewtschuk als einziger aus der Reihe und provozierte den Premierminister mit unangenehmen Fragen über Meinungsfreiheit.

Doch die Meinung der Musiker gilt nicht viel für Putin - Ende 2010 outete er sich selbst als Laienmusiker, als er auf einer Benefiz-Veranstaltung mit eingeflogenen Hollywood-Stars den Evergreen "Blueberry Hill" zum Besten gab. (Diese PR-Idee hat sich Obama abgeschaut, als er 2012 mit BB King und Mick Jagger "Sweet Home Chicago" im Weißen Haus jammte).

Medwedew und die 'Monster des Rock'

Auch der damalige Präsident der russischen Föderation und bekennende Deep Purple-Fan Dmitrij Medwedew wollte nicht im Hintergrund bleiben und traf sich 2010 mit den "Monstern des russischen Rock". Dies war eine peinliche Veranstaltung - verklemmte, von der Zensur der Präsidialverwaltung abgesegnete Fragen und ein Ständchen für den Marionettenzaren am Schluss.

Manch einer konnte es kaum glauben - sind es tatsächlich Makarewitsch und Grebenschtschikow - die Leader von Zeitmaschine und Aquarium, die bereits 1974 den russischen Rock-Underground organisierten? Sind es diese wortgewaltigen unbeugsamen Poeten, deren Songs jeder von klein auf kennt, die keine Angst vor den KGB-Repressalien hatten und mit ihren Lieder der Perestroika-Generation, ihrem Protestdrang, ihren Hoffnungen und Sehnsüchten eine Stimme gaben? Tänzeln sie da gerade untergebenst vor unserem Pseudo-Präsidenten herum in Erwartung eines Ordens oder der Rente des staatlichen Kultur-Fonds?

Der Papst des russischen Metal fischt rechtsaußen

Ein Altrocker ist sich allerdings immer treu geblieben. Seit 2008 waren die Konzerte der Band Metall Korrosion (Korrozia Metalla) oft verboten oder kurzfristig abgesagt worden. Teilweise auf Betreiben der russisch-orthodoxen Kirche, teilweise im Rahmen der halbherzigen und kontraproduktiven Bemühungen der russischen Regierung, den rechtsextremen Underground einzudämmen.

In der Rock-Geschichtsschreibung wird der Begründer des russischen Thrash Metal Sergej Troickij mit beschämtem Schweigen übergangen. Seine Texte sind auch kaum in die Tradition der russischen Dichtung zu stellen, denn es handelt sich um äußerst schlechte Nachahmung westlicher Metal-Bands. Seine Band füllte im Rock-Underground der 1980er jene Nische, in der der intellektuelle Petersburger Blues- Glam- und Jazzrock und sogar noch der Punk zu anspruchsvoll waren. In 1990er machte Troickij ausschweifende Shows mit viel Alkohol und nackten Mädchen auf der Bühne. Geschäftstüchtig, wie er ist, gründete er ein Label und etablierte sich als unumstößlicher Papst des russischen Metal. Vor allem in der rechtsradikalen Szene kam er mit seiner offen faschistischen Haltung gut an.

Heute bewirbt sich Troickij, besser als "Die Spinne" bekannt, um den Bürgermeister-Posten der Stadt Chimki in der Nähe von Moskau. Die am 14. Oktober stattfindenden Wahlen sind vor allem auch deshalb so interessant, weil die Chimki-Affäre seit etwa 2008 mit Schlagzeilen über getötete Rechtsanwälte und zusammengeschlagene Journalisten auch im Westen ein Thema war. Bei den Bürgerinitiativen gegen die Schnellstraße Moskau-St. Petersburg, die durch den Chimki-Nationalpark verlaufen soll, handelt es sich um den Keim dessen, was als erste russische Grünen-Partei in mittelfristiger Perspektive zum Hoffnungsträger der demokratischen Bürgergesellschaft in Russland werden könnte. Unter diesen Umständen ist die Spinne/Troickij, der für die komplette Abholzung des Nationalparks plädiert, mehr als ein "Spaßkandidat". Sein abstoßend faschistisches, aber irgendwie auch authentisches und witziges Gehabe, taugt allemal dazu, den Grünen die Stimmen der jungen Wähler abzuziehen.

Die Sprengkraft des Punk-Gebetes

Wenn wir die Sprengkraft des kontroversen Punk-Gebets von Pussy Riot verstehen wollen, so müssen wir uns vergegenwärtigen, dass religiöse Themen in Songs des russischen Rocks noch Mitte der 1980er Jahre als Provokation des sowjetischen Regimes aufgefasst wurden. Was ist von dem Geist des russischen Rock-Undergrounds geblieben? Die einen haben sich bei der orthodoxen Kirche für ihre Freizeitaktivitäten verdingt - manche aus aufrichtiger Religiosität, manche aus aufrichtigem militantem Patriotismus und manche aus aufrichtigem Opportunismus. Andere stehen wiederum aus denselben Gründen für die PR-Winkelzüge des Kreml zu Verfügung.

Die wichtigsten russischen Rockbands

Was das sowjetische System gewaltsam nicht geschafft hat - die Rocker zu korrumpieren, haben sie letztendlich aus freien Stücken selbst erledigt. Das ist das Ground Zero des russischen Undergrounds, dem - neben dem Kreml und der russisch-orthodoxen Kirche - die aggressive Provokation von Pussy Riot galt.

Von laut.de-Gastautor Konstantin Kaminskij

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