Rechte finden die Videos aus dem neuen Egotronic-Album "aufrührerisch" und "menschenverachtend". Sänger Torsun Burkhardt nimmt Stellung.

Hamburg (dani) - "Wo sind all die Linksradikalen mit dem Schießgewehr?" Das wird man doch wohl noch fragen dürfen, beschlossen Egotronic und stocherten schon mit dem ersten Song "Linksradikale" aus ihrem Album "Ihr Seid Doch Auch Nicht Besser" in einem braunen Wespennest herum. Das neue Video zu "Kantholz" schließt da nahtlos an und schlägt auch inhaltlich in die gleiche Kerbe:

"Kein Rechtsruck, nirgends, was wollt ihr mir erzählen? Demokratie muss sowas aushalten können. Man muss auch mal das Pro und Contra zu Seenotrettung diskutieren, um wirklich jeden in den Diskurs zu integrieren", reiht Sänger Torsun Burkhardt da die Phrasen derer aneinander, die sich selbst wohl für die gemäßigte Mitte, auf jeden Fall aber für "besorgte Bürger" halten. "Doch gibt es Gegenwehr, ist das Geheule groß."

Die Worte des Refrains bewahrheiteten sich quasi sofort: Die Kommentarspalten unter beiden Videos quellen über vor teils erschütternd menschenverachtenden Kommentaren. "Ich persönlich habe wirklich langsam Übung im Umgang mit Shitstorms", so Burkhardt, der sich schon seit 2006 mit Anfeindungen aus dem rechten Lager herumschlägt. "Seitdem gibt es regelmäßig Bedrohungen. Man wird gelassener mit der Zeit."

Einen Wandel des gesellschaftlichen Klimas beobachten Egotronic durchaus: "Die Reaktionen sind nicht unbedingt heftiger, aber in der Summe zahlreicher geworden. Wobei, der Wunsch, uns in die Gaskammer zu schicken, scheint heute doch etwas leichter von der Hand zu gehen als noch vor zehn Jahren. Damals war 'Nestbeschmutzer' der am häufigsten vorgebrachte Vorwurf. Das klingt heutzutage fast schon milde."

Die Vorlage für die Party

Beide Clips referieren auf eine Party, die Journalist Matthias Matussek im März gab. Der Autor und Publizist hat einen beeindruckenden Absturz vom Feuilletonchef beim Spiegel zum Gelegenheitschreiber für den AfD-nahen Deutschland-Kurier hingelegt. Zur Feier anlässlich seines 65. Geburtstags hatte er neben alten Weggefährten auch seine stramm rechten neuen Freunde eingeladen und munter reihenweise Fotos und Selfies gepostet. Rainhold Beckmann hatte Matussek damals ein Ständchen gesungen, sich aber später via Facebook-Statement von der zweifelhaften Partygesellschaft zu distanzieren versucht.

Das Geheule ist groß

Rechtspopulistische Medien überbieten sich nun angesichts des "Kantholz"-Videos gegenseitig in geifernder Empörung. Ein "widerwärtiges Hassvideo" sei der Clip - in dem, nebenbei bemerkt, kein einziger Schuss abgegeben wird. Er erwecke den Eindruck, er rufe "sogar zum Mord an dem bekannten Journalisten und Schriftsteller Matthias Matussek" auf.

Der Holzhammer als Methode

Immerhin müssen sich Egotronic nicht vorwerfen lassen, nur in der eigenen Blase zu den schon Bekehrten zu predigen. Auch gegen die Unterstellung, mit seiner Themenwahl lediglich Aufmerksamkeit erhaschen zu wollen, wehrt sich Burhhardt: "Ich texte schon immer zu den Themen, mit denen ich mich beschäftige. Egotronic waren auch nie für filigran anmutende, differenzierte Kritik bekannt. Der Holzhammer ist da schon eher meine Methode. In Zeiten wie diesen fühlen sich nur eben mehr Leute davon getriggert. Der Shitstorm zeigt, dass es die Richtigen sind, die sich angesprochen fühlen."

Dass man diesen Angesprochenen natürlich auch eine Bühne bietet, sobald man ihnen entgegentritt, bleibt ein Problem. "Bei 'Linksradikale' geht es weniger um rechtes Gedankengut, als um die bürgerlich vorgetragene Gleichsetzung von Rechts und Links, die ja offensichtlich völlig hanebüchen ist", so Burkhardt. "Bei 'Kantholz' thematisiere ich wirklich rechte Kommentare, um dann im Refrain mein Verhältnis dazu zu formulieren. Jedenfalls denke ich, dass wir uns nichts vormachen sollten: Im Moment gibt es ja kaum etwas, das den Faschos angeblich nicht in die Hände spielt. Ich biete ihnen kein Podium, heißt: Ich werde nicht gleichberechtigt mit ihnen debattieren. Ihre menschenverachtende Ideologie aufzeigen, werde ich allerdings schon."

"Man darf sich weder kirre noch mundtot machen lassen"

Die Gegenwehr läuft also, und das Geheule auf Seiten derer, die sich offenbar angesprochen fühlen, ist in der Tat groß: "Das Video und der dazugehörige Song sind eindeutig justiziabel, demokratiefeindlich, aufrührerisch-verhetzend und menschenverachtend. Goebbels hätte an der perfiden psychologischen Machart dieses Werks seine helle Freude gehabt." Uff!

"Der Goebbelsvorwurf passt", kommentiert Torsun Burkhardt diese Anfeindung trocken, "da die Rechten ständig bemüht sind, Nazis in Linke umzulügen. Das Schlimme ist, dass die Mitte da gerne mitzieht. Für jeden klar denkenden Menschen ist dieser Vorwurf total bekloppt. Das wissen die, die ihn vorbringen, teilweise sicherlich auch. Das stört sie aber selbstverständlich nicht, wenn etwas davon hängenbleibt. Man darf sich davon aber weder kirre noch mundtot machen lassen."

Linksversiffte Unkultour 2019/2020

Darauf deutet nichts hin: Egotronic veröffentlichen ihr Album "Ihr Seid Doch Auch Nicht Besser" am 13. September beim Hamburger Label Audiolith. Ab Oktober tragen sie dann ihre "Linksversiffte Unkultur" live in die Clubs:

25.10.2019 Hamburg Knust
26.10.2019 Hannover Cafe Glocksee
02.11.2019 Limburg Huhn Auf's Eis Festival
07.11.2019 Kassel Goldgrube
08.11.2019 Karlsruhe Substage
09.11.2019 Koblenz Circus Maximus
16.11.2019 Husum Speicher
23.11.2019 Oberhausen Pressure Air
30.11.2019 Salzwedel Club Hanseat
06.12.2019 Saalfeld Klubhaus
07.12.2019 Würzburg CAIRO
14.12.2019 Berlin Festsaal Kreuzberg
20.12.2019 Mainz Schon Schön
14.02.2020 Köln Gebäude 9
28.02.2020 Jena Kassablanca
21.03.2020 Dresden Scheune
17.04.2020 Leipzig Werk 2

Fotos

Egotronic

Egotronic,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Egotronic,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Egotronic,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Egotronic,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Egotronic,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Egotronic,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Egotronic,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Egotronic,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Egotronic,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Egotronic,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Egotronic,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen)

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laut.de-Porträt Egotronic

Die Bandgeschichte von Torsun beginnt recht früh. Im zarten Alter von dreizehn spielt er in seiner ersten Punkband, damals noch klassischen Deutschpunk.

8 Kommentare mit 22 Antworten

  • Vor 5 Tagen

    ich verlinke auch hier gerne noch einmal das von vice.de geführte interview mit einem antifa-aktivisten

    https://www.youtube.com/watch?time_continu…

    offensichtlich völlig hanebüchen muten da etwaige gleichsetzungen anmuten

    • Vor 5 Tagen

      nur so aus neugier. wäre das ein video einer naziband und es ginge nicht um einen feiernden matussek sonder hengameh, suzy grime, hasnain kazim und margarete stokowski lookalikes würden eine sause feiern und von Ilsa, aus lager 7, ins visier genommen. mit offenem ende. wie würde da die reaktion aussehen?

    • Vor 5 Tagen

      Das fänden viele wohl nicht so cool. Die von dir genannten haben aber weder Homosexualität als "Fehler der Natur" bezeichnet, noch auf zwei Bierkisten stehend aufm Fischmarkt Pegidaparolen gedroschen. So etwas, ähnlich wie seine Verbrüderung mit Jungnazi-Identitären, hat ihn wohl gewisse Sympathien gekostet.

    • Vor 5 Tagen

      Umgekehrt will sich der Sympathieverlust, auf den du offenbar spekulierst, gegenüber einem Typen, der in seiner Freizeit Faschos zusammenschlägt, nicht so recht einstellen.

    • Vor 5 Tagen

      Sympathie ist relativ. Ich bilde mir ein, sehr oft zu lesen, dass man rechtsextreme Gewalt und Linksextreme Gewalt nicht vergleichen könne, weil, sinngemäß, bei den einen brennen Häuser bei anderen ["bloß"] Autos. Also das eine sei Gewalt, die sich IMMER gegen Personen richte. Das andere lediglich Sachbeschädigung. Von daher finde ich es jetzt fast schon sympathisch ehrlich, wenn man dazu steht, auch (heimtückische) Gewalt gegen (wehrlose) Personen auszuüben und letale folgen in Kauf nimmt und dies auch klar ausspricht.

    • Vor 5 Tagen

      So ein Mist! Jetzt haste uns aber endgültig ertappt, uns Linke. Wenigstens ist das Innenministerium noch grünversifft genug, um die Kriminalstatistiken zu fälschen!

    • Vor 5 Tagen

      Naja, unser guter Torque muss dieses Beispiel natürlich ausschlachten, ist es doch ein seltenes Beispiel bei dem man linke Straftaten mit Rechten (vermeintlich) gleichsetzen kann. :)
      Meiner Meinung nach, kann man rechte Gewalt, mit linker Gewalt nicht vergleichen, da rechte Gewalt sich primär gegen Leute richtet aufgrund von Faktoren, die sich die Opfer nicht ausgesucht haben, wie zB Hautfarbe, wahrgenommen Religionszugehörigkeit oder sexueller Orientierung, während sich linke Gewalt (wie in dem Video) in erster Linie gegen eine menschenverachtende Gesinnung richtet, die jeder Mensch frei wählen kann.

      Ich finde den Typen trotzdem einen Idioten, genauso wie die Vollhonks, die Porsches anzünden oder Mercedessterne abknicken.

      Zum 2. Post von Torque, wie Gewalt gegen die von ihm Genannten aufgefasst werden würde: Wie genau kann man denn Kazim oder Stokowski mit Matussek vergleichen? Die Erstgenannten sind (linksgerichtete) Journalisten, der Letzte ein rechtsradikaler Demagoge.

    • Vor 5 Tagen

      Naja, sollte wirklich so ein Video mit Ilsa in der Hauptrolle erscheinen, kannst Du davon ausgehen das durch die Abwärme, die durch die zwanghafte Metten-Malträtierung einiger brauner Kameraden entsteht, die Erderwärmung um 0,5 Grad steigt.

    • Vor 5 Tagen

      Anders gesagt: Wenn man einem Nazi den Arm bricht, hat er danach 50% weniger Arme, um damit Nazischeiße zu machen. Logisch, oder?

    • Vor 5 Tagen

      „Wenn man auf einen Nazi zugeht und ihn umarmt macht man ihn bewegungsunfähig“

    • Vor 5 Tagen

      Jaja. Es gab damals auch keinen Unterschied zwischen Alliierten und der Wehrmacht, weil die Alliierten haben bei der Befreiung von Auschwitz schließlich auch Gewehre benutzt.

    • Vor 4 Tagen

      In Überzahl Faschos wegzuklatschen ist vollkommen legitim.

    • Vor 4 Tagen

      Naja t00li, ich weiß ja, dass du immer durch die Uckermark streunst auf der Suche nach einzelnen Faschos die du abmessern kannst, aber ich verurteile Gewalt aufs Schärfste, selbst gegen Nazis!

    • Vor 4 Tagen

      @zapata
      Der Sänger von Division Germania hat lange als Krankenpfleger gearbeitet und tut dies inzwischen wohl wieder. Wenn du dem den Arm brichst, vergrößert sich der Pflegenotstand :)

    • Vor 4 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 4 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 4 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 4 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 4 Tagen

      Ja. Ich war auch enttäuscht. Ich hatte gehofft, er wäre ein asozialer, alkoholkranker, arbeitsloser kokser wie manch andere Szenegröße. Aber er soll seinen Job gar nicht so schlecht gemacht haben :/

  • Vor 3 Tagen

    Torsun ist irgendwie ein Hängi

  • Gerade eben

    Egotronic ??? Musik für Suizid-Kandidaten und ewige Singles !