2017 ist jeder Tag Frauentag: 365 Interpretinnen und Bands, sortiert nach Genres. Vorworte liefern Marnie (Ladytron) und Sven Lauer (Jupiter Jones).

Konstanz (skb) - Frauen stoßen auch heute noch ständig auf Vorurteile, haben es als Musikerin, Produzentin und Managerin schwerer. Um allen Zweiflern zu zeigen, welch großartige Künstlerinnen es dort draußen gibt, servieren wir euch einmal im Monat eine Liste, die euch Interpretinnen und weiblich besetzte Bands aus den verschiedenen Genres näher bringt. Diesmal präsentieren wir euch ...

30 weibliche Acts aus Alternative + Indie

Damit hier auch weiterhin für Abwechslung gesorgt ist, teilen Gäste ihre Beobachtungen, Gedanken und Meinungen zur Rolle der Frau in der Musik mit uns. Diesmal übernehmen Marnie von Ladytron und Sven Lauer von Jupiter Jones das Vorwort.

Marnie:

Um ehrlich zu sein: Als ich gefragt wurde, ob ich diesen Text schreiben will, war ich ein wenig stutzig. Allen voran verstehe ich mich nicht als eine "Frau" in der Musik und bin auch nicht daran interessiert, so bezeichnet zu werden. Wo sind denn die "Männer in der Musik"-Artikel? Darüber hinaus – und ich verstehe ja die Intentionen solcher Artikel – habe ich das Gefühl, dass sie das Problem manchmal nur aufrecht erhalten, indem sie Frauen für immer in dieser unlösbaren Situation verankern.

Wir streben danach, als Musiker für uns selbst anerkannt zu werden, aber müssen uns die Begriffe aneignen, nur um bemerkt zu werden. Es ist ein zweischneidiges Schwert. Ich sehe, dass sich Frauen heutzutage einer ganzen Reihe von Herausforderungen stellen müssen, denen Männer in dieser Industrie gar nicht erst begegnen, und dass sie das von einem Einstieg abbringen könnte. Oder, dass es (vielleicht bevorzuge ich diesen Gedanken) sie nur noch fokussierter auf ihre Ziele zustreben lässt.

Ich glaube, ich persönlich hatte es in meiner Karriere noch relativ leicht. Als ich um die Jahrhundertwende Ladytron beigetreten bin, steckte das Internet noch in den Kinderschuhen, deshalb war ich vor einer Menge Kritiken, Negativität und Frauenfeindlichkeit relativ abgeschirmt. Heute macht es mich krank, wenn ich sehe, welchen Anfeindungen mache Musikerinnen im Internet ausgesetzt sind. Ich habe das nie erlebt. In diesen Tagen, bevor ich auch nur einen MySpace-Account hatte.

Natürlich, ich denke, jeder Musiker mit Vagina, den ich kenne, wurde irgendwann mal bei einem Gig von einem Techniker abfällig behandelt oder mit Worten wie "Hallo, wo ist denn der für diese Band zuständige Kerl?" übergangen. Der Scheiß passiert. Aber der einzige Weg, um zu erreichen, dass das vielleicht irgendwann mal aufhört, oder um dieses Verhalten zu ändern ist es, sie dafür anzuprangern. Ihnen klar zu machen, warum das nicht cool ist. Ich musste das schon machen. Und zur Hölle, keine Chance, dass ich so etwas irgendjemandem durchgehen lassen würde.

In meiner Karriere bei Ladytron, einer gleichgeschlechtlichen Formation, wollte ich mich immer mit anderen Musikerinnen umgeben. Ich erinnere mich an 2006, als wir mit C.S.S als Support getourt sind, ich habe ihre Kameradschaft geliebt. Sie zusammen spielen zu sehen, das war elektrisierend, als würde man eine Mädchengang auf ihrem Zenit erleben. Fast alle Musik, die ich mag oder mir anhöre, wurde entweder von Frauen geschrieben oder performt. Da verdrängt niemand die anderen. Da hat es sich für mein Soloprojekt Marnie nur natürlich angefühlt, auf lokale Musikerinnen zurückzugreifen. Glücklicherweise ist Glasgow lebendig, und es florieren Unmengen talentierter Männer und Frauen, so dass es sich echt einfach gestaltet hat, die richtigen Leute für eine Liveshow aufzutreiben.

Es gibt heutzutage so viele geniale schottische Frauen in der Musik und auf der ganzen Welt, die ihre Spuren in der Industrie hinterlassen. Ich habe das Gefühl, dass die Rückschläge, denen wir begegnen, nicht auf eine einzelne Ursache zurückgeführt werden können. Was ich aber sicher sagen kann, ist, dass Bildung der Schlüssel ist. Und damit meine ich nicht Bildung im Sinne von Leuten, die sich selbst mit Artikeln wie diesem hier einlesen. Ich meine Bildung, vom kompletten Fundament auf. An Tag eins in Grundschulen müssen Mädchen und Jungs beigebracht bekommen, dass es nichts gibt, das sie nicht schaffen können. Das bedeutet, kein Fach liegt außerhalb ihrer Grenzen. Musikproduktion sollte gefördert werden, mehr nur als einfach nur ein Instrument zu spielen. Nur dann werden wir ein ausgewogeneres Verhältnis unter Musikern und Produzenten erleben. Bis das passiert, fürchte ich, werden Frauen weiterhin als "Frauen in der Musik" kategorisiert und bezeichnet werden, statt einfach den Titel "Musiker" zu bekommen, den sie schon lange verdienen.

Sven Lauer:


(Foto: Sven Sindt)

Wenn mich jemand nach meinem eindrucksvollsten Festivalerlebnis fragt, dann lautet meine Antwort: Dynamo-Festival Eindhoven, 1995. Statt der erwarteten 60.000 Leute kommen knapp 120.000, die Autobahnen und Zufahrtsstraßen sind für Stunden dicht, nichts geht mehr. Erwartet wird das who is who der damaligen Alternative- und Metal-Szene: Type-O-Negative, Life of Agony, Machine-Head, Biohazard, Korn, Dog Eat Dog, Downset. Frauenbands? Mangelware.

Für jemanden wie mich, der weitestgehend unter Fraueneinfluss groß geworden ist, hat sich die Frage nach einem Frauen-/Männeranteil in Bands nie gestellt. Entscheidend war und ist für mich immer die Qualität und Ausstrahlungskraft der Musik. Zugegeben - eine D'arcy Wretzky und später Melissa Auf der Maur von den Smashing Pumpkins hatten auch auf mich als Adoleszenten eine nicht zu verachtende Bühnenwirkung, aber bei Diskussionen im Freundeskreis, die zwischen "Oh cool, 'ne Frauenband" und "Mal sehen, was die können" schwankten, klinkte ich mich aus.

Wöchentliches Pflichtprogramm war die Sendung "Metalla" mit Adam Turtle und Yvonne Ducksworth (Jingo de Lunch) - später von Markus Kavka moderiert, in denen ich zum ersten Mal Videos von Sonic Youth oder den Breeders zu Gesicht bekam. Kim Deal als Bassistin der Pixies oder Sängerin der Breeders hatte damals schon eine Sogwirkung auf mich, der ich mich nicht entziehen konnte. Diese lässige, schnoddrige Leck-mich-am Arsch-Attitüde, auch von Kolleginnen wie Kim Gordon (Sonic Youth) & Courtney Love (Hole), kannte ich bis dato nur von Iggy Pop und Konsorten. Hier passierte gerade etwas Spannendes, Neues, Kraftvolles. Und man konnte förmlich spüren, wie der Metal-Machismo ins Wanken geriet. Durch Frontfrauen wie zum Beispiel die androgyne SKIN (Skunk Anansie) oder auch, um ein nationales Beispiel zu nennen, Sandra Nasic von den Guano Apes wurden Performances und Posen, die bis dato Männern vorbehalten waren, adaptiert, aufgebrochen und neu interpretiert. Jeder, der in den Neunzigern mit Musik von L7, Alanis Morissette oder Garbage in Kontakt kam, hat bis heute die Songs im Ohr, die Liste der innovativen Bands mit Frontfrauen ist lang und steht ihren männlichen Kollegen in nichts nach.

30 Jahre später gehen großartige Künstlerinnen wie Regina Spektor, Feist, Joanna Newsom, Sophie Hunger, Soap&Skin, Policia und, um ein aktuelles Beispiel zu nennen, die wundervollen BOY, viel selbstverständlicher und selbstbewusster mit sich und ihrer Musik in der hiesigen Musiklandschaft um, was letztendlich auch der Willens- und Durchsetzungskraft Ihrer Kolleginnen in der Vergangenheit zu verdanken ist.

Ich kann die Erfahrungen von Dennis Lyxen (Refused) nur bestätigen: Ist das anfängliche Rumgegockel der Herren erstmal überwunden, entsteht bei der Zusammenarbeit mit Frauen eine andere Gruppendynamik, ein relaxterer und offenerer Umgang mit sich und der Musik. Und auch wenn Offenheit und Gleichberechtigung in der Alternative-, Indie- und Punkrock-Szene mittlerweile en vogue sein mögen, in Sachen substanzieller Akzeptanz ist hier noch viel Luft nach oben.

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5 Kommentare mit 2 Antworten, davon einer auf Unterseiten

  • Vor einem Jahr

    Wenig überraschend meine Lieblingsliste bisher, gespickt mit geschätzten Acts, einigen vielversprechenden Neuentdeckungen (für mich z.B.: Aimee Mann, Elastica & Throwing Muses) und ein paar meiner Allzeit-Favoriten überhaupt. Applaus von daher.

    Aber: Über das Ranking MUSS ich stänkern :D Ich mag Boy, Sophie Hunger, Regina Spektor, Florence & The Machine, St. Vincent und The Gossip, ich liebe Warpaint, Soap&Skin und Feist. Vor Fiona Apple haben sie mbMn allesamt nichts verloren. Gerade bei F&TM und Gossip frage ich mich schon, warum sie überhaupt so weit vorne zu finden sind. Gut, ich kenne wie gesagt nicht alles und gerade bei den Sachen älteren Datums will ich Argumente von wegen Einfluss und so gerne glauben. Trotzdem, im Rahmen des mir bekannten Outputs für mich sogar: Apple > Harvey

    "Tidal", das als Empfehlung aufgeführt wird, empfinde ich übrigens als am wenigsten außergewöhnlich, macht man natürlich trotzdem nix falsch mit.

  • Vor einem Jahr

    Ist das nun die Fortsetzung des Septemberreigens ins aktuelle Jahrhundert? Offenbar teilweise schon.
    Ein wenig hat sich die Liste verkürzt, die ich parat hatte, weil sie nun hier auftauchen,aber einige meiner liebsten vermisse ich, und komme nicht umhin sie aufzuzählen:
    Scout Niblett, Shannon Wright, Anne Rolfs(Wuhling/Allroh/AUF), Joanna Newsom, Phew, Cold Specks, Under Byen, Marnie Stern, Melt-Banana, Cat Power, Mirel Wagner, Valravn, Polly Scattergood, Rose Kemp, Annika Henderson(Anika/Exploded View).

    Dennoch ist die Oktoberliste eine gute Fortsetzung mit klasse Künstlerinnen. Nochmals Dankeschön für diese Serie.

  • Vor einem Jahr

    Ist Imogen Heap nicht erwähnenswert? Oder ist sie nicht erfolgreich genug für diese Listen? Oder hab ich sie übersehen?

  • Vor einem Jahr

    Nach 10 Folgen wäre Mal die mindestens ebenso wertvolle Gegendarstellung der Frau am Herd fällig.