Vom mittellosen D.C. Punk zum steinreichen Super-Dad: Meister Grohl schreibt über die Zeit vor und nach dem großen Knall mit Nirvana.

Konstanz (mis) - Seine mediale Omnipräsenz in den letzten zehn Jahren führte hier und da doch tatsächlich für ein zuvor nie für möglich gehaltenes Phänomen: Die Grohl-Sättigung griff um sich. Ein Mann, an dem nie etwas auszusetzen war, sah sich plötzlich mit Sell-Out-Vorwürfen konfrontiert: Hier noch eine TV-Documentary, dort ein Drum-Battle gegen eine Zehnjährige, hier ein Oscar-Triumph, da eine Mick-Jagger-Kollabo. Dass es seit dem Foo Fighters-Album "Wasting Light" musikalisch nicht mehr unbedingt spannender wurde, ist zwar eine andere Diskussion, fügt sich aber ins Kritiker-Bild: Dave Grohl, Vorzeigerockstar mit Bilderbuch-Familie, will es allen recht machen.

D.C. Punk for life

"Der Storyteller" (Ullstein, Hardcover, 464 Seiten, 22,99 Euro) revidiert dieses Bild und untermauert nebenbei das, was man von Grohls Interviews sowieso schon ahnte: Der Mann kann so gut schreiben wie er erzählt. Mit dem Unterhaltungswert und der Selbstironie eines Henry Rollins haut Grohl eine Anekdote nach der anderen raus, ohne sich dabei im Entferntesten wichtig zu nehmen. Ob er neben George W. Bush steht, in Panteras Strip-Club eingeladen oder zu einer Limousine geführt wird, hinter deren Fensterscheibe plötzlich Little Richards' Gesicht zum Vorschein kommt: Grohl staunt über das gesamte Buch hinweg mit den großen Augen eines Kleinkinds im Süßwarenladen, wie und warum eigentlich ausgerechnet er in diesem Augenblick diese einmalige Erfahrung machen darf. Grohl sieht sich nach wie vor als D.C. Punk, eine Bezeichnung, die man ungefähr ab 1992 als obsolet bezeichnen könnte. Dennoch wird schnell klar: Alles was Grohl macht, macht er aus Überzeugung und weil er einfach Bock drauf hat. Inzwischen eben mit den Mitteln, die ihm Mitte der 90er Jahre noch nicht zur Verfügung standen.

50.000 Fans lässt man nicht hängen

Als D.C. Punk lebt man für die Musik und erfreut sich an jedem einzelnen Fan: Eine Sichtweise, die sich bei Grohl zwischen seinem ersten Drum-Engagement bei der Punkband Scream und heute nicht verändert hat. Als Beispiel dient gleich zu Beginn des Buches seine Erinnerung an den Auftritt in Schweden 2015, wo er sich bei einem Sturz gleich zu Konzertbeginn das Bein gebrochen hat. Während seine Bandkollegen hilflos Coverversionen aneinanderreihen, beschreibt Grohl die Szene am Bühnenrand, wo er seine heraneilende Familie beruhigt, sich einen Whiskey bringen lässt und mit einem schwedischen Arzt über die Möglichkeit diskutiert, mit einer Schiene zurück auf die Bühne zu kommen, um bloß nicht 50.000 Fans hängen zu lassen. Die Schiene sei im Krankenhaus, der Auftritt müsse abgebrochen werden. Grohl hat eine bessere Idee: Der Arzt solle ihm so lange auf der Bühne das Bein halten, bis ein Kollege die Schiene herbeigeschafft hat, damit er sie anschließend anlegen kann. Das Ergebnis ist bekannt.

Sehnsucht nach familiärem Gruppengefühl

Seine Geschichte lebt maßgeblich vom Gegensatz der Lebensumstände, die sein Einstieg bei Nirvana und der nur vier Monate später stattfindende Welterfolg von "Nevermind" mit sich brachten. Zuvor beschreibt er seine Jahre als Drummer bei Scream mit der ähnlichen Leidenschaft, die auch Mark Lanegans Buch "Sing Backwards And Weep" so großartig machte. Im Gegensatz zu Schmerzensmann Lanegan begegnen Grohl aber zu keinem Zeitpunkt selbstzerstörerische Tendenzen. Umso schwerer will er ab 1992 einsehen, dass Kurt Cobain dieses Gottesgeschenk mit seiner Heroin-Sucht aufs Spiel setzt. Erst nach dem erzwungenen Ende der Band bemerkt Grohl, was ihm die ganze Zeit bei Nirvana gefehlt hat, und er beschreibt es eingebettet in die Anekdote der Einladung des großen Tom Petty für einen TV-Auftritt: ein familiäres Gruppengefühl.

Die Zeit mit Nirvana vor dem großen Knall

Nirvana-Maniacs sollten nicht zu viel erwarten: Grohl beschreibt zwar ausführlich die Zeit vor dem großen Knall, als er mit Cobain in einer verlausten Bruchbude in Seattle haust und sich allabendlich von dessen Schildkröte nerven lässt. Er verzichtet aber auf seine ersten demoralisierenden Erlebnisse im Corporate-Shit-Business und erklärt lieber den Entstehungsprozess der ersten Foo Fighters-Platte. Den Fokus richtet er stets auf sich, seine Lebensentscheidungen und das Familiensetting: Als Sohn einer alleinerziehenden Mutter war er immer auf der Suche nach Harmonie und Gemeinschaftsgefühl, und unbewusst irgendwann nach einer eigenen Familie. Der Moment, als seine achtjährige Tochter ihn um Schlagzeugstunden bittet, zählt für Grohl somit mehr als irgendein musikalischer Erfolg. Der 51-Jährige ist heute als dreifacher Familienvater mit sich im Reinen und einfach froh, dass er trotzdem noch seinem vermeintlich jugendlichen Beruf nachgehen darf. Misanthropisch veranlagte Menschen könnten allerdings mit Grohls dauerpositiver Super-Dad-Persona in der Summe etwas hadern.

Im gewundenen Labyrinth der wohlhabenden Hollywood Hills

Dennoch dürfte es kaum Kolleg*innen geben, die so eine Geschichte erlebt haben und sie dann noch in dieser sympathischen Form erzählen können. Seine bekannte Down-to-earth-Attitüde bereichert die Lektüre, etwa wenn er 1990 in einer weiteren Scream-Tourpause bei Freunden in L.A. abhängt: "Ich entdeckte eine schwarze 1985er Honda Rebel 250, die Staub ansetzte - ideal zum Herumpesen. Da ich schon immer von einem Motorrad geträumt hatte, füllte ich den Tank und fuhr in den Hügeln herum. Hauptstraßen vermied ich, weil ich keinen Ärger mit den Bullen wollte und naja, nicht mal wusste, wie man das Ding richtig fährt. Ich ließ alle meine Sorgen auf dem unaufgeräumten Wohnzimmerboden zurück und fuhr stundenlang durch das gewundene Labyrinth der wohlhabenden Hollywood Hills, unter mir die schimmernden Lichter der Stadt, oben zwischen Bäumen versteckt die zahllosen Villen der Rockstars, Filmstars oder Regisseure, und ich fragte mich, wie es sich wohl anfühlte, so erfolgreich zu sein, in einem derartigen Luxus zu leben und immer zu wissen, woher die nächste Mahlzeit kommt."

Dave Grohl - Der Storyteller*

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Nirvana und Foo Fighters

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