laut.de-Kritik

Zur Legende erstarrt.

Review von

All Hail the King. Fast vierzig Jahre dauerte es, bis Bernard Sumner mit "Music Complete" sein Ziel erreicht hat. Im Grunde tüftelte er schon seit den frühsten Joy Division-Zeiten daran. Nach dem Weggang von Peter Hook verblassen alle Figuren neben ihm. Selbst die zurückgekehrte Gillian Gilbert bleibt eine austauschbare Randfigur. Ihre Anwesenheit spiegelt sich nur marginal im Sound wieder. Mein Glückwunsch zur Diktatur über New Order, Barney.

Das erste Produkt seines Regiments wirkt jedoch wie eine China-Kopie des Originals. Es sieht aus wie New Order, es klingt wie New Order, fühlt sich aber nicht wie New Order an. Ob dies mit Hooky anders ausgefallen wäre, lässt sich mit einem ernüchternden Blick auf "Waiting For The Sirens' Call" durchaus anzweifeln.

Obwohl sein melodisch schnurrender Bass immer einen festen Fixpunkt in der von Experimenten vorangetriebenen Diskografie der Engländer darstellte, fehlt noch nicht einmal sein musikalischer Input. Viel mehr geht mit ihm die bandinterne Reibungsfläche, von der sich Sumner aufstacheln ließ, verloren. Ein Job, den keiner der Produzenten, weder Daniel Miller noch Stuart Price noch Tom Rowlands, übernehmen kann. Das Songwriting verharrt im Leerlauf. So passiert New Order das Schlimmste, das einer Band passieren kann: Sie erstarren zur Legende, die sich ausschließlich nur noch bei sich selbst bedient.

Eines der rar gesäten Highlights bezieht seine Frische ausgerechnet aus den ungewohnten Aspekten, die Neu-Bassist Tom Chapman einbringt und die ihn von seinem Vorgänger unterscheiden. Sein Spiel bleibt deutlich weniger innovativ, macht aus dem Disco-Funk-Song "People On The High Line" aber das einzige Stück, das so mit Hook nie möglich gewesen wäre. Die Trademark-Synthesizer von New Order verbinden sich mit einem Nile Rodgers-Funk zu einem Budenzauber, der zeitweise an "Nordisch By Nature" erinnert. Sumner fällt zu der ungewohnten Umgebung leider nur eine hochgepitchte Version des "Power Corruption And Lies"-Tracks "We All Stand" ein, was den Genuss etwas verwässert.

Die Glanznummer "Tutti Frutti" braucht sich vor früheren Perlen nicht einmal im Ansatz zu verstecken. Deutlich orientiert sie sich an "Technique" und zeigt noch einmal auf, warum New Order einst für die Verbindung von New Wave, Post-Punk und Synth-Pop sowie die Entwicklung hin zum Madchester-Sound so wichtig waren. Elly Jackson aka La Roux, die auch auf "Plastic" und "People On The High Line" mitwirkt, passt hier glänzend ins Gesamtbild. Ein perfekt polierter Refrain und die in den letzten zwei Minuten einsetzenden Streicher krönen den Song.

Neben dem zahnlosen "Restless", das wohl irgendwie aus der Resteverwertung einer Bad Lieutenant-Platte gepurzelt ist, zeigt sich jedoch deutlich, das "Music Complete" nur die unterschiedlichen Stile der Band in einen Topf wirft. Im Gegensatz zum letzten großen Album "Get Ready" fügt sich der Longplayer nie zu einem homogenen Album, sondern mehr zu einem etwas planlos durcheinander gewürfelten Best Of-Sammelsurium zusammen.

Letztendlich brechen das allgegenwärtige Mittelmaß ("Singularity", "Academic") und die bösen Ausrutscher nach unten "Music Complete" das Genick. "Stray Dog", eine Kooperation mit Iggy Pop, zündet trotz des großen Namens so gar nicht. Zu fremd bleiben sich die beiden Welten, in der Osterberg seinen Wiedererkennungswert verliert, mit heißer Kartoffel im Mund vor sich hin nuschelt und dessen Untermalung uninspiriert vor sich hin plätschert. In der vor Schmalz triefenden Nichtigkeit "Superheated" verkommen New Order zu einer miesen, in rosarote Wolken gehüllten, Pet Shop Boys-Coverband. Stuart Price und Brandon Flowers verschlimmbessern das Dilemma nur noch. Der Himmel hängt voller Harfen, und die klebrige Süße bleibt so ungenießbar wie eine Flasche Dreh und Trink.

Wie New Order im Jahr 2015 klingen könnten, haben Health mit "Death Magic" gezeigt. Doch statt wie früher Einflüsse aus aktueller elektronischer Musik zu ziehen und diese mit dem eigenen Sound zu verbinden, werfen sie ausschließlich Blicke in den Rückspiegel. So gehören zu den auffallendsten Ideen ausgerechnet die Hi-NRG-Faxen in "Plastic", die, beim Barte des Moroder, Donna Summers "I Feel Love" zitieren. Sumners New Order verlieren sich in der Vergangenheit und in der Erinnerung an sich selbst, an der jegliche Aktualität und Relevanz wie an Plastik abperlt. "Cause you're like plastic, you're artificial."

Trackliste

  1. 1. Restless
  2. 2. Singularity
  3. 3. Plastic
  4. 4. Tutti Frutti
  5. 5. People On The High Line
  6. 6. Stray Dog
  7. 7. Academic
  8. 8. Nothing But A Fool
  9. 9. Unlearn This Hatred
  10. 10. The Game
  11. 11. Superheated

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17 Kommentare mit 20 Antworten

  • Vor 4 Jahren

    "Es sieht aus wie New Order, es klingt wie New Order, fühlt sich aber nicht wie New Order an." Mehr gibt es zu dem Album nicht zu sagen. Die britischen Lobeshymnen sind ein Witz. How does it feel to treat me like you do? Beschissen, Bernard!

  • Vor 4 Jahren

    Hab das Album erst einmal gehört und fand es eigentlich ganz gut. Wie ein Best of von New Order, aber eben ohne wirklich neue Aspekte. Von daher bin ich auf die Halbwertszeit gespannt. Ähnlich ging es mir mit dem letzten R.E.M.-Album, von dem ich beim ersten Hören auch begeistert war. Hier hatten die Herren wohl auch den Hintergedanken den Leuten nochmal zu zeigen, dass sie immer noch so tolle Songs wie früher schreiben können. Leider ist außer "Uberlin" nichts hängen geblieben und auch das war nur eine Kombination aus "Drive" und "Man on the moon". Insofern mag "Music Complete" vielleicht auch das finale Statement einer Band sein, die nochmal zeigen will was sie über die Jahre ausgemacht hat und mit diesem Album "fertig hat".

  • Vor 4 Jahren

    Auch wenn Sven K. in manchen Dingen sicherlich recht hat, trieft die sogenannte "Kritik" nur so von Voreingenommenheit. Objektiv ist was anderes!

    Die CD ist nicht unbedingt das, was ich mir von New Order gewünscht hätte, aber ich finde sie gut. Und "Superheated" ist zwar schmalzig und so gar nicht New Order, aber 'ne klasse Nummer.

  • Vor 4 Jahren

    Das neue Album ist das Beste, was ich je von New Order gehört habe. Eines der besten Popalben überhaupt. Die Plattenkritik ist für mich absolut unverständlich. Hatte da jemand Tomaten auf den Ohren oder einfach nur keinen Musikgeschmack.

  • Vor 3 Jahren

    Verstehe dieses Sumner-bashing in der Rezension nicht. Zumal es in der review auch nur emotional vorgetragen wird ohne zu konktretisieren. Ganz schwache review. Was hat der Autor für ein Problem mit Sumner. Was wäre Joy Division ohne Sumner, ja, Joy Division bestand nicht nur aus Curtis und Hook. Ich finde es einfach ärgerlich, wie hier auf diesem Portal, das für sich einen gewissen Anspruch hat, ein Album niedergemacht wird, weil der Autor es nicht auf die Reihen bekommt seine persönlichen Erwartungen zurückzusetzen.

  • Vor 2 Jahren

    Das sehe ich ähnlich wie daion. Die Kritik steht aus meiner Sicht schon am Rande einer Schmähkritik und zumindest der Rahmen des Artikels baut auf einem persönlichen Angriff auf, nämlich eines angeblichen Diktats über die Band.

    Ich kann nicht nachvollziehen, wie man hier von einer Diktatur über New Order sprechen kann. Wer die Werke von 'The Other Two' kennt, erkennt in Music Complete ähnliche Elemente, die auch bei Gillian Gilberts und Stephen Morris' "Soloband" eingesetzt wurden. Dass für dieses Album also ein Hintergrund einer diktatorischen Unterdrückung der übrigen Bandmitglieder besteht, scheint mir eher ein aus der Luft gegriffener Vorwurf zu sein, auf dem aber leider der gesamte Artikel aufbaut, der so umgehend ineinander fällt.

    Sicherlich hat Sumner Elemente seiner Projekte bei Electronic oder anderen Nebenprojekten einfließen lassen. Ein persönlicher Stil entwickelt sich weiter und dass sich der Geschmack aller einstigen begeisterten Zuhörer in die gleiche Richtung weiter entwickelt, ist bei der Vielzahl der Individuen recht unwahrscheinlich. Dass nun also die Meinungen auseinander driften, dürfte kaum überraschen. Alles in allem aber kein Grund für persönliche Angriffe. Das sollte mit ein wenig journalistischem Background aber eigentlich selbstverständlich sein.