laut.de-Kritik

Vielversprechende Weichenstellung für die Solokarriere.

Review von

"I found a brand new direction." Diese vielversprechenden Worte eröffnen "Working Title" von Nathan Gray. Dass jene Ankündigung mehr als nur eine verheißungsvolle Worthülse darstellt und stellvertretend für die Marschrichtung des Nachfolgers zu seinem überwiegend akustisch dargebotenen "Feral Hymns" steht, das deutete der Boysetsfire-Frontmann auf der bereits Mitte letzten Jahres erschienen Split-EP mit Stick To Your Guns-Shouter Jesse Barnett an.

Tatsächlich wirkt Gray mit einem Mix aus straighten, launemachenden Alternative-Rock-Nummern, Punk und sehr melodiösen Indie-Popsongs wie ausgewechselt und überaus lebensbejahend. "Als ich schließlich über das nächste Album – 'Working Title' – nachdachte, wollte ich das erstens mit einer kompletten Band und zweitens mit positiverem Gefühl und Sound angehen", erklärt er seinen Neuanfang und das frische Klanggewand im Interview. Vorbei also die Zeiten als isoliert-introspektiver Songwriter.

Unterstützung holte sich der 47-jährige Gitarrist und Sänger hierfür unter anderem bei seinem Bosysetsfire-Kollegen und The Casting Out-Bassisten Chris Rakus, The Doomsday Prophecy-Drummer Jake Blochinger, Sisters Of Mercy-Gitarrist Ben Christo sowie beim zusätzlich auf der Platte auch als Produzent in Erscheinung tretenden Bouncing Souls-Klampfer Pete Steinkopf.

Das Überwinden seiner Depression und den damit einhergehenden Gewinn an Lebensqualität, quasi den roten Faden des Albums, thematisiert Gray direkt zu Beginn im Opener "In My Defense". "Freedom is the mercy you give to yourself when you stumble and then rise up ten times stronger than you fell /… / I'm a work in progress", erhebt er recht punkig und kraftvoll den Stinkefinger in Richtung seiner inneren Dämonen. Dieses positive Statement kauft man ihm angesichts der Energie, die diese Nummer versprüht, direkt und unverblümt ab.

Optimismus, Stärke, Zuversicht und eine neu gefundene Liebe zu sich selbst zeichnen auch "I'm A Lot", "No Way" und den Uptempo-Rocker "Hold" aus. Musikalisch knüpfen diese Songs direkt an den Opener an und zeigen das unverwechselbare Gespür des Mannes mit der charakteristischen Stimme für große, mitreißende Melodien. Zwar folgen die Songs insgesamt eher einfachen Strukturen. Doch sorgt die damit verbundene Eingängigkeit dafür, dass sie mit ihrer unmittelbaren Griffikgkeit den Hörer sofort in Beschlag nehmen und so schnell nicht loslassen.

Der Höhepunkt mit dem größten Ohrwurmcharakter auf der Platte markiert unzweifelhaft das erhaben-hymnische und mit einem Gastbeitrag von Hot Water Music-Sänger Chuck Ragan veredelte "Working Title". Mit Worten wie "I'm just a working title that's for sure / but I ain't giving up till I'm much more / I'll be the battle cry you need to hear / I'll be the anthem you can't wait to share" macht Gray hier auch unmissverständlich deutlich, dass es ihm nicht nur um das Verarbeiten der eigenen Probleme geht, sondern er damit auch ein Zeichen des Empowerments und der Hoffnung für andere mit sich selbst Kämpfende setzen möchte.

Leider hält Gray das Niveau im Verlauf des Albums aber nicht auf diesem erfreulich hohen Level. Mit "What About You?", "Still Here" und dem akustisch gespielten "Mercy" packt er drei Nummern auf die Platte, mit denen er sich verdächtig nahe beliebig klingendem Radiopop-Geschmonze annähert. Das führt den neugewonnen Optimismus des Amerikaners auf eine groteske Art und Weise ad absurdum und lässt die Ernsthaftigkeit der Lyrics seltsam schwammig wirken.

Besser, wenn sie auch nicht die Qualität und die Energie der eingangs besprochenen Songs erreichen, tönen "The Markings", "Never Alone" und "The Fall". Weil diesen drei Tracks eine Portion Wut und vor allem die zu Beginn vorhandene Griffigkeit fehlen, wirken besonders die Refrains lieblos und austauschbar. Das Übermaß an Eingängigkeit und lahmender Einfallslosigkeit sorgt dafür, dass man sie sofort wieder vergisst, da sie dem Hörer nichts zum Festhalten bieten. Kleiner Fun-Fact: Mit dem akustischen "Down" schlägt Gray zum Abschluss noch eine Brücke zu seinen Anfängen als Solomusiker. Die Verse "Invoke the tidal wave / wash away the guilt the pain / exist in light reclaimed / we are vital" stammen fast eins zu eins aus dem Song "Corson" von seiner 2015er-Debüt-EP "Nthn Gry".

Auf "Working Title" verwirklicht sich ein mit wohlwollendem Blick in Richtung Zukunft schauender Nathan Gray als gereifter Musiker fernab von Boysetsfire und stellt mit dieser vielversprechenden Neuorientierung unmissverständlich die Weichen für seine folgenden Werke als Solokünstler. Dabei versteht er sich selbst zu jeder Zeit als "in Ausführung befindliche Arbeit" und liefert so sein stilistisch bisher vielfältigstes Album ab. Das steht der Platte einerseits sehr gut, macht "Working Title" andererseits aber auch zu einer sehr zwiespältigen Angelegenheit, da die gebotene Bandbreite nur bei knapp der Hälfte der Songs funktioniert und auch zündet. Vielleicht wäre in diesem Fall eine knackige EP die bessere Wahl gewesen.

Trackliste

  1. 1. In My Defense
  2. 2. I'm A Lot
  3. 3. Working Title
  4. 4. What About You?
  5. 5. Refrain
  6. 6. Still Here
  7. 7. The Markings
  8. 8. Hold
  9. 9. Mercy
  10. 10. No Way
  11. 11. Never Alone
  12. 12. The Fall
  13. 13. Down

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