laut.de-Kritik

Hysterische Hipster-Hymnen mit heiserem Herrenchor.

Review von

Indem sie teils recht altertümliche Instrumente ins Studio mitbrachten, haben Mumford & Sons 2009 den englischen Folk belebt oder gar aus dem Tiefschlaf wachgeküsst. Auf "Delta" machen sie jetzt nicht alles anders. In einer Nuance unterscheidet sich das Album aber deutlich von den Vorgängern: Produzent Paul Epworth (auch für Florence & The Machine tätig) modifizierte die Aufnahmespuren von Banjo und Co.

Doch weder die Gesänge noch die Aufbereitung punkten. Schon der Opener "42" klingt, als singe ein Kastrat. Man atmet auf, wenn der Produzent die Vocals mit einer rauen und hässlichen Klangwand einmauert. So muss man das Gejammer nicht mehr mit anhören.

"Delta" strahlt keinerlei Emotionen aus. Es wirkt aufgesetzt, mit Distanz angefertigt, ziellos, überproduziert, teilnahmslos, steril, vorhersehbar. Es finden sich auch keinerlei Anzeichen dafür, dass die Songs live zünden könnten.

"Guiding Light" stört zwar nicht, in seinem indifferenten Radio-Rock-Pop-Geklimper. Doch weder entfalten einzelne Instrumente ihr Eigenleben oder erhalten Raum für Soli, noch knistern die Klangfarben.

In "Woman" gestattet sich Sänger Marcus Mumford etwas Zärtlichkeit, aber eher technischer Natur. So wie wenn jemand gut Wetter bei seiner Liebsten machen will und dahinter nichts fühlt, strategisch, blutleer. Der Song hat etwas Solides, kommt aber nie auf den Punkt und reißt plötzlich ab. Wahrscheinlich ging es um eine Frau oder um Frauen generell, aber ein brillanter Gedanke oder eine Story? Fehlanzeige.

Auch "Beloved" rauscht vorbei, stört sogar, weil die Banjos und der Background-Gesang sich an Gequietsche gegenseitig überbieten und dabei zu keiner Auflösung kommen, bis ein Fade-Out den nervigen Song beendet. Die hilflose Abblende zieht sich ganz schön hin. "The Wild": plätscherig, stille Tönchentupfer. Der Gesang hat ungefähr die Qualität von jemandem, der erkältet ist, trotzdem ein Konzert geben will und sich warmsingt. Töne treffen? Egal! Kraft in der Stimme? Overrated! Betonungen, Intonation? Kosten zu viel Energie.

Ein Track, "Wild Heart" zeigt immerhin, dass die Band einiges vermag. Ein leises Klavier und vorsichtig ausgerollte, sehr dezente Synthie-Flächen tragen diesen Song weitgehend. Etwas Banjo und Harmonika gesellen sich punktuell zum ausnahmsweise ausdrucksstarken Gesang.

Trotzdem: "Delta" fehlt es an Kontakt zum Hörer. Es mangelt an schönen Melodien und an einer nicht nur experimentellen, sondern auch guten Abmischung. Das Rezept mit dem hymnischen Lautwerden beim Refrain und dem heiseren Choralgesang erzeugt alleine noch keine Stimmung.

Am besten gelingt der instrumentale Abschluss: Die vernebelten Feedback-Schleifen zum Cello-Tremolo am Ende des Tracks mit etwas "Also sprach Zarathustra"-Dramatik zeigen ausnahmsweise, weshalb dieses Album gemacht wurde. Keyboard-Spieler Ben Lovett sagt dazu, die Überlegung sei gewesen, wie man aus den Instrumenten eine andere als die ihnen eigene Klangfarbe herausholen kann. Seltsamer Ansatz. Fast alle Songs wurden in eine Folktronic-Soße getunkt, in der sie vor allem nach gar keinem Instrument klingen.

Dieser Abklatsch ihrer selbst geht gar nicht, schon angesichts der Mitbewerber. Die hymnischen Refrains in "Human" vom Rag'n'Bone Man oder "Sanctuary" von Welshly Arms klingen nun mal auch beim hundertsten Mal noch besser als alles hier. Mittlerweile liegt die Messlatte eben höher als noch vor zehn Jahren.

Trackliste

  1. 1. 42
  2. 2. Guiding Light
  3. 3. Woman
  4. 4. Beloved
  5. 5. The Wild
  6. 6. October Skies
  7. 7. Slip Away
  8. 8. Rose Of Sharon
  9. 9. Picture You
  10. 10. Darkness Visible
  11. 11. If I Say
  12. 12. Wild Heart
  13. 13. Forever
  14. 14. Delta

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15 Kommentare mit 13 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Mal sehen ob sich noch ein paar Leute finden die diese Band hier verteidigen.

  • Vor 2 Jahren

    Ich verstehe absolut nicht diese schlechten Bewertungen! Das Album wird nur zerrissen! Ich finde es atmosphärisch u hymnenmässig. Nur weil eine Band mit Banjo gearbeitet haben müssen sie ja nicht dabei bleiben. Sie gehen neue Wege u probieren sich wenigstens aus. Linkin Park a thousand suns ging es genauso. Ich fand's genauso einmalig u genial zugleich.

    • Vor 2 Jahren

      Wusst' ich's doch.

    • Vor 2 Jahren

      Aber das Album bekommt überall höchstens mittelmäßige Bewertungen.

    • Vor 2 Jahren

      Mittelmässig ist noch nett ausgedrückt! Ich kapiere das wirklich nicht!

    • Vor 2 Jahren

      Na ja, klingt halt genau wie ein Rea Garbey Album und die Wertungen dafür sind ja auch bekannt.
      Aber ich denke das Problem, dass die Kritiker haben ist, dass das alles genau auf den Massengeschmack zugeschnitten ist und alles künstlerische durch die Produktion plattgewalzt wird. Das Ergebnis kann man gut finden oder nicht, aber Kritiker reagieren auf so was meist allergisch, wenn ich mir jetzt die Lieder anhöre wundert mich die Bewertung nicht, 1/5 ist natürlich sehr wenig, aber mehr als 2/5 hätte mich eher überrascht.

    • Vor 2 Jahren

      Wenn man sich Guiding Light anhört, das Lied besteht aus nichts. Keine Hooks, keine guten Lyrics, nur ein glattpolierter Song der so viele Spuren von Instrumenten auf den Rücken geschnallt bekommt bis es halbwegs episch klingt und man den Refrain gut mitgrölen kann.
      Wie gesagt, kann man sich anhören und tut keinen weh, aber schlechte Bewertungen sind vorprogrammiert.

    • Vor 2 Jahren

      @uselessDM:

      Teile deine Ansichten. Gerade das schwache Songwriting stößt richtig böse auf. Vor allem wenn wie bei "if i say i love you, i love youhuuuhuuuuu" gesungen wird.
      Gleiches findet man noch öfter in den einzelnen Liedern.

      Ich kann es einfach nicht nachvollziehen. In all den Konzertmitschnitten haben sie die alten Lieder voller Inbrunst gesungen und man konnte es ihnen richtig in den Gesichtern ansehen. Dann dieses Stampfen und diese Leidenschaft in den Stimmen und den Instrumenten.
      Und jetzt machen die da so belangloses Zeug. Kann mir doch keiner erzählen, dass sie extra weg von der "Folk-Banjo"-Musik wollen und dann lieber sowas auf den Konzerten dudeln.

      Für mich gibt es dieses Album einfach nicht. Bin einfach nur enttäuscht.

  • Vor 2 Jahren

    Schmunzelkickender Rezi-Titel! :D

    Ich feier immer noch den Tweet gegen Mumford bei Mean Tweets :koks:

    https://www.youtube.com/watch?v=4Y8bUT8UXU…

  • Vor 2 Jahren

    Absolut Enttäuschend.
    Ich habe gehofft, dass sich Mumford nach dem letzten Album auf ihre Stärken rückbesinnt. Leider empfinde ich ihr neustes Album tatsächlich als noch schlechter als Wilder Mind.
    Wirklich traurig, was mit der Band passiert ist..... :(

  • Vor 2 Jahren

    In der Zeit gab's nen wunderschönen zerriss, sie einzige Existenzberechtigung für dieses Album.
    Eine miserable Band, aber nicht erst seit diesem album

  • Vor einem Jahr

    Meiner Meinung nach auch keine gute Arbeit des Rezensenten. Hier wird viel einfach aufgereiht und weggesagt, für ganze Sätze fehlte wohl die Motivation. Einiges scheint nachgeplappert, anderes gewollt negativ. Ein klarer Verriss. An einigen Stellen wollte man auch witzig sein.

    Mir persönlich gefällt das Album nach anfänglicher Skepsis übrigens sehr gut. Besonders "Woman" habe ich sehr ins Herz geschlossen.