laut.de-Kritik

Who put the M in populism?

Review von

Komplexbehaftete Schüchternheit kann verdammt einsam machen, Dämlichkeit auch. Willkommen in der Welt von Morrissey. Eins vorweg: Wer hier eine die zahlreichen politischen Verbalunfälle des Sängers ignorierende Kritik zum vorliegenden zwölften Studioalbum "California Son" erwartet, muss leider woanders hinklicken, zum Label BMG vielleicht. Dort freut man sich noch vorgestrig über "wundervolle Coverversionen der 60er und 70er Jahre", die "Rückkehr einer echten Rock-Ikone" und Morrisseys "erhabenen Falsettgesang".

Wir nehmen unterdessen einmal die Fanbrille ab. Es ist nichts mehr, wie es einst war. Fast fühlt man sich schon wie der Meister selbst, weil man auch einfach nur noch stur zurück schauen will, ganz weit zurück, ihr wisst schon, als alles besser war. Damals, als sich der Sänger aus den Klauen der von Teenage-Pein getriebenen Verdrießlichkeit dank einer Weltkarriere mit den Smiths befreite. Sehr schön war das.

In den 90ern reüssierte er nach kleineren Anlaufschwierigkeiten als Solokünstler und beschwerte sich witzigerweise in Interviews über das ihm zugeschriebene Negativ-Image des jammernden Partycrashers. Er identifiziere sich mit vielen Smiths-Songs doch überhaupt nicht mehr, er sei doch ein glücklicher Mensch. An seinem pathosgetränkten, meist großartigen Indie-Rock ließ sich das selten ablesen. Seine Vorstellung einer echten Künstler-Persönlichkeit beinhaltete dabei stets: sich echauffieren, anecken, uneins sein mit dem Mainstream. Punkrock, halt.

In den Nullerjahren formulierte er Besitzansprüche für das "M" in Manchester, nun hat er ein neues M-Wort gefunden: Populismus. Vorbei die in Teilen amüsanten Attacken gegen Fleischkonsumenten, die Pelzindustrie, das Königshaus oder Journalisten (die lügen!), nun trägt Morrissey stolz das Abzeichen der rechten Splitterpartei "For Britain", die von sich behauptet, "unbequeme Wahrheiten offen auszusprechen". Da haben sich zwei gefunden. Neben einem klar islamophoben Kurs steht "For Britain" für die Rettung britischer Kultur, warnt vor Überfremdung und hegt auch sonst schwer erträgliche Vorstellungen zu Pulverfassthemen wie Identität und Nationalismus.

Doch "For Britain"-Chefin Anne Marie Waters ist nicht einfach nur rechts, sondern auch lesbisch und pro LGBT, und außerdem kämpft sie vehement für den Tierschutz. Wie praktisch, muss sich der rückwärtsgewandte alte Sänger gedacht haben, der Halal-Metzger schon mal mit IS-Terroristen vergleicht, wenn es gerade passt. Weitere seit "Low In High School" veröffentlichte xenophobe Ausfälle und empathielose Trottel-Aussagen erspare ich euch. Mit dem alten Ideal Punkrock verbindet Morrissey heute nur noch eine Wut aufs Establishment, doch der Vordenker der Pop-Linken hat die Seiten gewechselt und niemand fühlt sich berufen, ihm zu erklären, warum sein Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen heute ein Geschmäckle hat.

Ach so, die Musik: Könnte ich mir unter glücklicheren Umständen selbstverständlich schön hören. "California Son" ist ein solides, meist unspektakuläres Album geworden, kaum vergleichbar mit den beiden musikalisch interessanten Vorgängern. Die gute Nachricht: Es sind alles Coverversionen, man schwoft also nicht versehentlich zu Breitbart-Folk. Vielleicht eine bewusste Entscheidung des Sängers nach all den jüngsten Irrungen.

Wer spontan drei Songs am Titel erkennt, darf sich Musikexperte nennen (ich schon mal nicht): Wie so oft regiert hier Nerdwissen. Weltbekannte Idole wie Bowie bleiben außen vor, stattdessen covert er den als Bowie-Wiedergänger bezeichneten US-Glamrocker Jobriath, dessen von seiner eingespielten Band voluminös in Szene gesetzte Nummer "Morning Starship" zu den Highlights zählt.

Mit Bob Dylan ("Only A Pawn In Their Game") oder Joni Mitchell ("Don't Interrupt The Sorrow") wählt er interessanterweise Songs von seinen Helden der späten (linken) 60er-Jahre-Gegenkultur aus, das steht für Morrissey in keinster Weise im Widerspruch zu seinen öffentlichen Aussagen. Erklärte Idole wie die Sparks distanzierten sich bereits ("Ich habe das alles gelesen und war schockiert. Es war dumm. Unsere Meinung zum Thema Immigration ist das exakte Gegenteil", Russell Mael im Interview), doch der Brite findet (noch) genug willige Promi-Gäste.

Auf "California Son" dabei: Ed Droste von Grizzly Bear ("Morning Starship"), Ariel Engle von Broken Social Scene ("Don't Interrupt The Sorrow") und Billie Joe Armstrong von Green Day ("Wedding Bell Blues"), die allesamt kein Mensch heraushören würde. Engle gab als einziger Gast dem Guardian gegenüber ausführlich zu, zum Zeitpunkt ihrer Zusage nichts von Morrisseys politischen Aussagen gewusst zu haben. Produzent Joe Chiccarrelli habe sie angefragt und "ich dachte nur, The Smiths? Klar! Außerdem bekam ich 500 Dollar für zwei Stunden Arbeit." Dies dürfte auch die Beweggründe der übrigen Gäste hinlänglich erklären.

Tja, und nun? Die 60s-Schnulze "Wedding Bell Blues" ist leider richtig toll, ausgerechnet an Roy Orbisons "It's Over" verhebt er sich und "Lady Willpower" könnte endlich sein lange ersehnter ESC-Beitrag sein, nur leider stammt das Original halt von Gary Puckett. "California Son" ist somit Morrisseys "Pin Ups" geworden, das wie bei Bowie im Schatten der Studioalben steht, wenn auch der Nachgeschmack hier weit bitterer ausfällt.

So lange sich Kaliforniens Sohn weiter als Kaliforniens Boris Palmer geriert, den bedeutsame gesellschaftliche Umwälzungen wie die #metoo-Bewegung offenbar intellektuell überfordern, höre ich mir das nicht mehr an. Bin froh genug, wenn ich einen Tag erwische, an dem ich Bock auf die Smiths habe. Nach wie vor unterschreibe ich jedes einzelne Wort von Madness-Sänger Suggs, der lange vor Trump, AfD und Co. feststellte: "Wenn du älter wirst, entwickelst du dich immer in eine von zwei Richtungen. Entweder du wirst konservativ und suhlst dich in deiner Vergangenheit oder du bleibst aufgeschlossen und erkennst, dass jeder seinen Teil zum großen Ganzen beiträgt. Letzteres ist mein Ansatz."

Trackliste

  1. 1. Morning Starship
  2. 2. Don't Interrupt The Sorrow
  3. 3. Only A Pawn In Their Game
  4. 4. Suffer The Little Children
  5. 5. Days Of Decision
  6. 6. It's Over
  7. 7. Wedding Bell Blues
  8. 8. Loneliness Remembers What Happiness Forgets
  9. 9. Lady Willpower
  10. 10. When You Close Your Eyes
  11. 11. Lenny's Tune
  12. 12. Some Say I Got Devil

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15 Kommentare mit 71 Antworten

  • Vor 16 Tagen

    Nach dem letzten Album (ein totaler Reinfall), sieht man musikalisch wieder ein wenig Licht am Ende des Tunnels. Viele Interpretationen halte wirklich für sehr gelungen.

    • Vor 16 Tagen

      3/5 weil „nur“ ein Coveralbum.

    • Vor 13 Tagen

      "Low in High School" war echt vielleicht das schwächste vom Mozzer - aber da war auch ein geiler Song drauf:
      "Home is a Question Mark" und auf der Deluxe-Edition natürlich das Live-Elvis-Cover: "You'll be Gone" und das Live-Pretenders-Cover: "Back on the Chain Gang".

  • Vor 16 Tagen

    Eins vorweg: Ich bin ein großer Fan der Musik von The Smiths und Morrissey und finde California Son ist ein tolles Album. "It's Over" find ich rictig gut. Am besten gefällt mir "Wedding Bell Blues". Da singt Billie Joe Armstron richtig cool. Soviel zum Werk, nun zum Künstler: Ich habe Morrissey immer für seine radikal konsequenten Einstellungen bewundert und war auf vielen Konzerten und es waren immer großartige Erlebnisse, aber dass er sich jetzt auf die Seite von Rassisten ala Gauland stellt, die ich abgrundtief verabscheue, macht mich einfach fassungslos und traurig. Wie passt das zu Songs wie: I will see you in far-off places?

  • Vor 13 Tagen

    Gottseidank bringt dieses Arschloch keine interessante Musik mehr zustande. So erspart man sich den inneren Konflikt.

    • Vor 13 Tagen

      Na ganz so seh ich das nicht. Ich fand z. B. "World Peace..." sehr interessant und "California Son" auch und all die alten Sachen von The Smiths und auch Morrissey solo, willst du die nie mehr hören? Morrissey wollte immer provozieren - das hat mir auch gefallen - aber jetzt is er sowas von daneben. Da geb ich dir natürlich völlig recht. Ich hab den inneren Konflikt. Da muss man halt unterscheiden zwischen Künstler und Werk. Ich würd gern nochmal auf ein Konzert und ihm einiges zurufen...