laut.de-Kritik

Texte, Attitüde, stockdüstere Beats - der Leipziger fletscht die Zähne.

Review von

Man stelle sich vor, irgendjemand nimmt Textas Huckey, verabreicht ihm Helium, zwingt ihn mit der Gerte zur Adaption von Sinuhes undefinierbarem Dialekt und sperrt ihn ein paar Tage in den Zwinger. Nun setzt man ihn auf Nahrungsentzug und piekt ihn hin und wieder mit nem spitzen Stock dahin, wo's weh tut. Was im Endeffekt in den Ring gefetzt kommt, blutdurstig und wütend ohne Ende, das ist Morlockk Dilemma.

Wer in der oberflächlichsten aller Szenen mit dieser Schlumpfstimme einen derartigen Hype entfachen kann, muss es an anderen Stellen mehr als dicke haben. Und, so viel steht fest: Der Leipziger ist kein Leichtgewicht. Texte, Attitüde, stockdüstere Beats - beinahe jeder der zwanzig Tracks knurrt und fletscht die Zähne, bereit, sich sofort in die Knöchel eines jeden zu verbeißen, der nicht genau aufpasst.

Als ob es nicht beeindruckend genug wäre, eine derartige Aufs-Maul-Atmosphäre dauerhaft durchzuhalten, liefert der Rapper/Beatbastler in seinen Battlereimen auch noch eine zweite Ebene. Ob Liebeslied an die AK47, die es immerhin auf Mozambiques Nationalflagge geschafft hat, einer Hymne an die Abgestumpftheit ("Es Kümmert Mich Nicht") oder das Remake von Torchs "Blauem Schein" ("Fuffie") - Kritik trieft aus den Zeilen wie Blut aus seinen zahlreichen Opfern, wenn ein "Wunderschöner Tag" im Amoklauf endet.

Doch selbst bei den thematisch tiefgreifenden Texten - beispielsweise seziert er den eigenen Stolz während einer typischen Pöbelszene in der Bahn - verliert der Leipziger nie seine dicke Hose. So wandert seine Attitüde ebenso auf dem Grat zwischen Ehrlichkeit und Psychose wie seine Texte zwischen Genie und Wahnsinn. An sich ein astreines Gesamtpaket mit hohem Faszinationsfaktor.

Der vielfach gezogene musikalische Vergleich mit Wu-Tang-Frühwerken trifft nur bedingt ins Schwarze. Richtig ist, dass MD eine ähnliche Atmosphäre zu kreieren versucht wie der junge RZA und sich dabei um Ecken, Kanten und rhythmische Genauigkeit recht wenig schert. Leider tut er das auch allzu oft rhythmisch: So beeindruckend die Reimsalven sind, die der Rapper feuert, so sehr wünschte ich mir stellenweise, er würde mehr auf die beeindruckenden Beats eingehen, die er da zusammenbastelt.

Letztlich verhindert ausgerechnet Morlockk Dilemmas Übereifer, dass "Omnipotenz In D-Moll" zu dem Klassiker werden kann, zu dem es hochstilisiert wird. Zudem verlieren die einzelnen Stücke durch ständige Beatvariationen und -wechsel ihre Prägnanz.

Mit "Assiklatsche" und "11.09." setzen sich nur zwei Tracks wirklich fest im Ohr fest - abgesehen von Desert Ds rekordverdächtig cooler Eröffnung "Du willst mein Blut vergießen wie Hutu-Milizen?". Doch obwohl das Album letztlich Mixtapeflair verbreitet: Mit MD ist in der Raplandschaft ein ungemein interessanter neuer Gipfel gewachsen.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Bootlegdeath
  3. 3. Es Kümmert Mich Nicht ft. Mike Fiction
  4. 4. 11.09. (Happy Birthday Dilemma)
  5. 5. Ak47
  6. 6. Acht Auf Dein Mund' ft. Goretex & WN
  7. 7. Fuffie ft. Damion Davis
  8. 8. Ruff Rugged 'n' Raw Pt.2 ft. Desert D & Choleriker
  9. 9. Wunderschöner Tag
  10. 10. Feuer
  11. 11. Der Zorn ft. V-Mann
  12. 12. Evolution
  13. 13. Unterwegs
  14. 14. Skit
  15. 15. Assiklatsche
  16. 16. Wittenleipzig ft. Lakmann
  17. 17. Gentleman
  18. 18. Nur Worte
  19. 19. Outro
  20. 20. Nachtrag

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39 Kommentare

  • Vor 11 Jahren

    Zugegebenermaßen tat ich mich anfangs schwer mit Morlockk Dilemmas stark gewöhnungsbedürftiger Stimme. Nachdem ich ihm und auch mir die Zeit gab, die Platte auf mich wirken zu lassen, kann schlussendlich doch noch ein positives Fazit über "Omnipotenz in D-Moll" gezogen werden.
    So überzeugt der Leipziger mit großartigen neuen Ideen ("Evolution"), bereitet bereits dagewesenes überzeugend auf ("Fuffie" oder "AK47"), zersplattert bootlegende Journalisten ("Bootlegdeath") und Passanten ("Assiklatsche") und beschreibt die dramatische Geschichte seines 20. Geburtstages ("11.09. (Happy Birthday Dilemma")). Als Gäste hat er sich hierfür Mike Fiction, V-Mann, Lakmann, Damion Davis, Goretex, Lun, Desert D, Choleriker, Hawkeye und Vocal-Cuts von Domian mit ins Boot geholt, welches auf größtenteils selbst produzierten Beats sicher in den Hafen einfährt.
    Anstatt ausführlich auf Einzelheiten der jeweiligen Tracks einzugehen, möchte ich Sie dazu ermutigen, selbst in dieses Werk hineinzuhören und den Rapkosmos des Morlockk Dilemma für sich zu entdecken.

    Wertung: 4,5/6

    Review (http://herrmerkt.blogspot.com/2008/03/morl…)

  • Vor 11 Jahren

    Welch ein Zufall. Hör ich gerade. Seine Stimme ist wirklich gewöhnungsbedürftig, aber wenn man sich konzentriert ist der Kerl wirklich krass!

  • Vor 11 Jahren

    @Serpentine (« Welch ein Zufall. Hör ich gerade. Seine Stimme ist wirklich gewöhnungsbedürftig, aber wenn man sich konzentriert ist der Kerl wirklich krass! »):

    morlockk dilemma ist der shit für mich, zurzeit mein absoluter lieblingsrapper. was ich mich aber frage, wieso kriegt ein "talentierter" rapper wie swiss 5/6 und morlockk dilemma 4,5/6?