16. Januar 2013

"Ohne Annette Humpe kann ich nicht mehr schreiben"

Interview geführt von

"Für Frauen ist das kein Problem" heißt das neue Album des fast ausschließlich in Frack und Fliege auftretenden Künstlers Max Raabe. Es entstand erneut in Kooperation mit Annette Humpe. Im laut.de-Interview erklärt Raabe, warum das gerne so weitergehen kann.Max Raabe scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Er könnte irgendwas zwischen Thirty- und Fourtysomething sein, hat aber das halbe Jahrhundert schon erreicht. Und wie er so stramm und adrett vor dem Interviewer steht und den Händedruck sanft zum Gruß erwidert, liegt auf der Kommode des Hotelzimmers noch ein unberührtes Butterbrot vom Vortag. "Ich kann es nicht wegwerfen", wird er kauend nach dem Gespräch eingestehen.

Kennen Sie den Woody Allen-Film "Midnight in Paris"?

Max Raabe: Ja, natürlich.

Owen Wilson, der einen Hollywood-Drehbuchautoren spielt, wünscht sich in das Paris der 1920er-Jahre zurück und landet schließlich auch dort. In gewisser Weise verkörpern Sie diesen Wunsch in eine andere Richtung: Ihre Musik öffnet das Fenster zur Vergangenheit.

Vielleicht öffne ich so etwas wie die Vorstellung von der damaligen Zeit, die man so hat. Für mich liegt etwas Zeitloses im Repertoire der Zwanziger und Dreißiger: Ein sehr eigentümlicher Humor und eine bestimmte Form der Melodieführung, die ein Teil der Gegenwartskultur sein kann - ohne dass man Vorkenntnisse oder nostalgische Gefühle haben muss.

Trotzdem wurden Streicher und Bläser auf "Für Frauen ist das kein Problem" modern, ja fast synthetisch eingemacht.

Dieses Album soll eben keine nachgemachte 20er Jahre-Musik sein. Es kokettiert mit der Popmusik und stellt etwas Zeitgemäßes dar. Die Frage ist: Wie lässt sich diese Haltung der Stücke aus den 20er Jahren in die Gegenwart transportieren, ohne dass man das Gefühl hat, es sei 20er Jahre-Musik? "Für Frauen ist das kein Problem" gibt darauf eine Antwort.

"Annette Humpe entlarvt Sätze, wenn ich sie vorlese oder vorschlage"


In den Liedtexten streichen Sie öfters - freilich nicht ohne Ironie - die Segel und fragen einmal: "Was soll ich tun? Du bist gegen mich immun." Haben Sie eine Schwäche für schiefe Gefühlslagen?

Die Probleme, die da besungen werden, sind so alt wie die Menschheit selbst. Man muss nur eine Wortwahl finden, die passend ist. Denn über Liebe zu schreiben, ohne die alten Klischees zu bedienen, ist eine ziemliche Herausforderung.

Der Text macht also bei Ihnen die Musik?

Nehmen wir das Lied "Ich bin nur gut wenn keiner guckt" als Beispiel. Da schießt dieser Satz durch den Kopf und schon sprudeln die Ideen. Oder sie sprudeln überhaupt nicht. Es ist ein Ringen um Ideen oder um Formulierungen. Andere Stücke schreiben sich fast von alleine. Es gibt keine Regel, aber zunächst entsteht bei uns bis auf ganz wenige Ausnahmen die Idee und der Text, die Musik ordnet sich dann unter.

Annette Humpe, mit der Sie zusammengearbeitet haben, meinte dazu, dass die Melodien in der Luft liegen und man sie bloß einfangen muss.

Das sagt sie als begabte Komponistin. (lacht)

Sie gehen nach dem Bestseller "Küssen kann man nicht alleine" erneut eine kreative Partnerschaft mit ihr ein. Never change a winning team?

Schon vorher habe ich Stücke alleine geschrieben. Das kann ich mir nun gar nicht mehr vorstellen. Ich kann mir auch nicht denken, mit jemand anders zu schreiben. Das, was mir besonders gut gefällt, kann nur mit Annette Humpe gehen.

Was genau zeichnet sie aus?

Annette ist detailverliebt, entlarvt Sätze, wenn ich sie vorlese oder vorschlage und widerlegt Aussagen, die ich getroffen habe. Ich allein wäre wahrscheinlich begeistert von einem Reim, den ich gefunden habe. Sie aber merkt, wenn er einen Zuhörer nicht berührt. Die Schnelligkeit und Begabung, solche Hohlheiten zu entlarven, die hat sie. Dazu kommt ihr Hang zur Präzision, wenn wir gemeinsam nach Formulierungen suchen.

"Die unterhaltende Musik war immer mein Privatvergnügen"


Die Lieder haben den Rhythmus im Blut, ohne großartig auf Schlaginstrumente angewiesen zu sein. Aus Saiten- und Tasteninstrumenten entwickeln sich Rumba- und Samba-Stücke, Wiegenlied und bayerisches Volkslied. Ist das eine Form von Abgrenzung vom beat-definierten Radiorepertoire?

Wir können nicht aus unserer Haut und wollen nur das umsetzen, was uns in dem Moment passend und konsequent erscheint. Ein Schlagzeug gehörte wie schon bei "Küssen kann man nicht alleine" nicht dazu.

Sie sagen von sich, einerseits großer Freund der Volksmusik zu sein - andererseits würde die Distanz zur volkstümlichen Musik aber immer größer. Wie meinen Sie das?

Ich finde die volkstümliche Musik grausam. Hingegen hat wirkliche Volksmusik etwas sehr Klares, Direktes und Berührendes. Das kann von Bergvölkern im Himalaya-Gebirge ausgedacht sein. Oder von Bergvölkern Mitteleuropas, die seit Jahrhunderten ihre Volksmusik haben. Damit meine ich eine Musik, die sozial unabhängig von Kommerz entstanden ist.

Der Albumtitel sowie die erste Single heißen "Für Frauen ist das kein Problem". Sind Frauen das handlungsfähigere Geschlecht?

Dieses Stück ist eine Hymne an die Frau und selbstverständlich wird das durch keinen Kommentar von mir geschmälert. (lacht)

Dass Sie heute ein etablierter Künstler sind, brauchte einen gewissen Vorlauf. Wurden Sie eigentlich während des Gesangsstudiums von den Mitstudenten belächelt, weil Sie bereits im sogenannten "unterhaltenden" und nicht im "ernsten" Fach tätig waren?

Ich habe immer ein bisschen versucht, das geheim zu halten, weil ich dachte, dass das zum Ärger mit den Lehrern führt. Als die dann zum ersten Mal ins Konzert kamen, habe ich mich gefreut und gewundert, dass sie es mochten.

Ich war da selbst viel strenger mit mir als meine Dozenten. Von den Kommilitonen war selbst jeder in einer Band untergebracht, das war ganz normal. Ich habe das ehrlich gesagt auch immer als mein Privatvergnügen betrachtet und war glücklich, damit mein Studium finanzieren zu können. Dass das dann später mal mein Beruf werden würde war nicht vorhersehbar.

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