laut.de-Kritik

Bei Matthias ist nicht immer Malle, sondern auch mal Montagmorgen.

Review von

Um den geschätzten Kollegen Gölz zu paraphrasieren: Ich habe das neue Matthias Reim-Album gehört und finde es nicht gut. Potzblitz aber auch. Hätte ich vorher zehn Euro drauf gewettet, hätte ich jetzt zehn Euro plus noch einmal genau so viel, weil ich die Wette gewonnen hätte.

Andererseits würde ich "Matthias" der letzten Max Giesinger oder einem ähnlich niederträchtigen Produkt jederzeit vorziehen. Der Vergleich ist nicht böswillig konstruiert, denn alle machen sie Schlager, aber Matthias Reim steht auch dazu.

Hier bumst der Vier-Viertel noch ehrlich geschmacklos nach vorn, und das klingt, siehe oben, nach meinen Begriffen scheiße, dass wir uns da nicht falsch verstehen. Aber ich kaufe ihm in jeder Sekunde ab, dass er das genau so haben will und zu jedem Wort steht, was er da gesangsknödelt, weil er weiß, dass auch seine Fans das genau so haben wollen. Die Art und Weise, wie Matthias Reim singt, wie er die Noten ohne Rücksicht auf Verluste und Zwischentöne durch seinen stolzgeschwellten Kehlkopf in die Welt presst, erinnert mich schwer an den Typen von Creed. Besser kann ich das leider nicht beschreiben.

Schlager muss nicht zwingend offensichtlich sein. Er kann durchaus mit doppelbödigen Texten und ausgefeilten Arrangements arbeiten. Matthias Reim tut das nicht. Er arbeitet stattdessen zum einen mit besagtem, maximal unsubtilen Unz-Unz-Bass für die euphorischen, schnellen Songs. In dieser Kategorie präsentiert er sich in der ganzen Bandbreite seiner Wandlungsfähigkeit zum Beispiel als "Daddy Cool"-Matthias Reim ("Bon Voyage"), "Freed from Desire"-Matthias Reim ("Blaulicht"), als der Matthias Reim für den Mittelaltermarkt um die Ecke ("Reise Um Die Welt feat. Versengold"), sowie als derjenige Matthias Reim, der als Frontmann einer Journey-mäßigen Stadionrockband die Mehrzweckhalle in Suhl oder Mühlheim zum Kochen bringt ("Acht Milliarden Träumer"). Das ist alles nicht schön, scheißt dabei aber so konsequent auf jegliche zeitgeistige Vorstellung davon, was musikalisch ästhetisch ist, dass es mir schon wieder Respekt abnötigt. Hier weiß einer, was er will.

Bei Matthias Reim ist nicht immer Malle im Kopf, sondern manchmal auch Montagmorgen. Das drückt er aus in den balladigeren Dingern. "Balladig" meint hier die Logik der US-amerikanischen Powerballade. Man kennt das Spiel, dass er auf "Du Liebst Mich Auch", "Reisen Durch Die Zeit" oder "Typisch Anders" spielt, allzu gut. Ích werfe an dieser Stelle die Stichworte "Akustikgitarre", "kathartischer Refrain", "Gitarrensolo" und "einen Halbton nach oben" in den Raum, aus denen jeder sich zusammenpuzzlen kann, wie das jeweils klingt, denn es ist mir zu müßig, dieses tausendfach recyclete Prinzip ausführlich zu beschreiben, und mir fallen dazu auch keine lustigen Vergleiche ein. Dafür hätten die sich mit der Musi echt ein bisschen mehr Mühe geben müssen.

Die Texte sind eine Sache für sich. Ich kann nicht behaupten, dass ich an ihnen keinen Spaß habe. Man höre zum Beispiel "Typisch Anders": In diesem Song singt er davon, dass all die anderen Frauen ihm egal sind, denn so typisch anders, so bist nur du, was du auch tust. Dabei erwähnt er mit keinem Wort, wie sie denn jetzt eigentlich ist und was sie eigentlich tut. Die Einzigartige bleibt maximal unkonkret. Ich finde das witzig. Niemand kann mich daran hindern, den Song als gewiefte Parodie auf heteronormative Schablonen in Popmusiktexten zu hören.

Gekriegt hat er mich auch mit "Kindertraum". Matthias wollte kämpfen für das Gute, für die gerechte Welt. Für alle Menschen, die ihn brauchen, vor die er sich beschützend stellt. Er wollt' ein Schwert und auch ein Schild sein, ein strahlend großer Held. Er wollte Hoffnung geben, Licht sein für die Welt. Yo. Das klingt zwar eher nach Julian Reichelt, der Sonntag früh etwas zu tief in den Spiegel auf dem Tisch schaut, als nach den Gedanken eines Kindes, aber genau deswegen bereitet es mir Freude.

In "Acht Milliarden Träumer" heißt es: "Und alle Menschen werden Brüder / da gibt es Frieden weit und breit / und der Weg bis dorthin / ist gar nicht mehr so weit / und ich bin mir einfach sicher / es kommt die Zeit". Hier muss man ihm zwar inhaltlich widersprechen, denn der Weg ist immer noch fucking weit, und die Zeit, von der er da spricht, kommt nicht einfach irgendwann, wie dieser eine verpeilte Freund, der sich regelmäßig zwanzig Minuten verspätet, sondern muss herbeigeführt werden. Aber mit dem Grundgedanken sympathisiere ich natürlich ganz arg.

Realtalk: Ich finde es gut, dass Matthias Reim in seinen Schlagertexten versucht, den Weltfrieden herbeizuknödeln, anstatt den Gabalier zu machen. Könnte er ja. Musikalisch müsste sich nicht viel ändern. Man munkelt, dass einige mit sowas ganz gut verdienen. Gabalier zum Beispiel. Auch Reims Oden ans weibliche Gegenüber sind nie abwertend, sondern immer aus einer unbeholfenen Verehrung heraus in ebenso unbeholfenen Versen erzählt. Sympathisch. Relatable. Einfach Matthias Reim. Ich wünsche mir, dass er bis ans hoffentlich weit entfernte Ende seiner Tage noch zwanzig weitere Alben in genau diesem Stil produziert und damit seine Fans wie auch sein Bankkonto sehr glücklich macht. Zum Glück muss ich mir sie nicht anhören.

Trackliste

  1. 1. 4 Uhr 30
  2. 2. Bon Voyage
  3. 3. Blaulicht
  4. 4. Du Liebst Mich Auch
  5. 5. Reise Um Die Welt feat. Versengold
  6. 6. Typisch Anders
  7. 7. Paranoid
  8. 8. Acht Milliarden Träumer
  9. 9. Reisen Durch Die Zeit
  10. 10. Gar Nichts
  11. 11. Kindertraum
  12. 12. Schick Mir Einen Engel
  13. 13. Nächsten Sommer - 2022 Edit

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