laut.de-Kritik

Beep-Bup, Menschen, ich bin hier, um über Gefühle zu singen.

Review von

Das neue Album von Max Giesinger ist schlecht. Donnerwelle, werdet ihr da erwidern, ein Musikmagazin findet Max Giesinger schlecht, wo gibt es denn sowas? Aber was will man hinzufügen? Der Mann dreht über die vierte Platte und mit Anfang dreißig immer noch Ehrenrunden durch die After-Abi-Australien-Phase. Er produziert den selben Murks und singt die selben Phrasen, die mit jedem Jahr ausbleibender Reife und mit jeder Stelle auf dem Konto immer mehr nach Selbstparodie klingen. Auf "Vier" finden sich Songs, wie sie auf "Reise" sein könnten, sein Katalog wuchert in die Breite wie Schimmel. Aber was der Bauer kennt, frisst er. Also, Max Giesinger die Vierte, (sigh) – here we go again.

Wir fangen an mit schmachtender Sehnsucht, das Handy ins Meer zu werfen und aufs Land zu ziehen. Ewig nehme er sich das vor, aber nie mache er es. Natürlich wird er es auch nach "Irgendwann Ist Jetzt" nicht tun, denn seine Sehnsucht nach Freiheit hat Substanz wie Smalltalk am Montagmorgen. Aber selbst der Kollege in der Buchhaltung hat wenigstens die Güte, sein pampig gegähntes "woah, ich könnte schon mal wieder Urlaub vertragen" nicht als gewollt-peppige Akustik-Gitarren-Nummer aufzuführen.

Reisen steht fettgedruckt in seiner musikalischen Vita, auch wenn er hier erneut nicht klarmacht, warum eigentlich. Würde man es nicht besser wissen, denkt man, er hätte das in seinen Lebenslauf geschrieben wie andere da Word oder Excel notieren. Nach Australien und Amerika und nach Fuerteventura und in die Berge zieht es ihn. Ich schätze, es ist in der Max Giesinger-Lore verankert, dass das Reisen irgendetwas mit Sinnsuche zu tun hat. Geht man aber nicht instinktiv von Giesingers Tiefgang aus, klingt dieses Album eher so, als hätte der Mann seine letzten Jahre vor allem mit Pauschalreisen verbracht. Das würde zumindest erklären, warum er innerlich so tot klingt.

Max G-Singer klingt in seinem Versuch, eine emotionale Rock-Stimme zu machen, halb gelangweilt und halb klinisch depressiv. Dafür hat er aber auch gute Gründe: Immerhin hat er Sorgen. Und Zweifel. Manchmal kommen sogar Ungewissheiten dazu, von all den Unsicherheiten ganz zu schweigen. Und auch erst mit den Frauen: Überall Zweifel. Und Ungewissheiten. Und Unsicherheiten. Sorgen, geradezu. Und überhaupt erst, mit dem Leben: Zweifel. Ungewissheiten. Unsicherheiten. Sorgen. Ja, da ist einiges los bei Herrn Giesinger, das er uns nicht erzählen wird, weil das unterbinden würde, dass Leute ihre eigenen dramatischen Probleme in diese emotionalen Malen-nach-Zahlen-Bilder projizieren. Man tut gut daran, nicht allzu genau zuzuhören, denn er scheint selbst nicht ganz zu wissen, was Gefühle sind und/oder wie sie funktionieren.

Er redet von Zweifeln wie jemand über einen Film reden würde, den er nicht gesehen hat. "Mein Herz lädt uns nicht mal mehr auf / Es kann uns einfach nicht helfen", singt er zum Beispiel auf "Das Letzte Prozent". Und man sieht ihn im Studio dastehen und "Beep-Bup, das ist, wie Menschenherzen funktionieren, oder? Beep-Beep" sagen. Okay, ich werde albern. Außerdem klingen seine im Poetry Slam in der Vorrunde ausscheidenden Klumpfuß-Metaphern immer noch besser, als die Momente, in denen er sich an Ehrlichkeit versucht.

"In Meinen Gedanken" adressiert er seine Oma: Sie habe so viel geopfert, aber jetzt fährt er mit ihr im Herzen durch die Welt nach New York und Australien und nimmt jeden Moment auch für sie mit. Huch, möchte man denken, süß, die tote Oma so zu adressieren, das kann doch gar nicht schief gehen. Niemand würde so etwas madig machen wollen. Oder? Pustekuchen. Nach all dem sentimentalen Wischiwaschi kickt er in Part zwei die Line "tut mir Leid, dass ich viel zu selten anruf", gefolgt von einer Beschreibung des langweiligen Lebens, das sie führt. Warte, wie jetzt? Erst sülzt du davon, dass nach all ihren Opfern du für sie leben musst? Aber sie hockt jetzt gerade in irgendeinem Kaff gelangweilt da und wird nicht einmal von dir angerufen? Brudi, sie hat Zeit, du hast Geld, was soll denn diese Bullshit-Nummer, du kannst ihr einen Flug buchen und ihr könntet schon morgen zusammen Touristen-Klischees erfüllen!

Vielleicht interpretiere ich hier böswillig, aber der Mann hat sympathisch-sein auch einfach nicht drauf. Auf "Berge" suhlt er sich in nicht näher erläuterter Sadness, die er kuriert, indem er mit "schwerem Portemonnaie" in den Urlaub fährt. Der Song wirkt wie ein musikalisch blutleeres "7 Rings" von Ariana Grande, "cash therapy" adressiert an Stuttgarter Oberschicht in Jack Wolfskin-Jacken. Apropos klingen: Dieses Wort fühlt sich im Kontext dieses Albums übertrieben an. Saftlos dudelt die Deutschpop-Hölle vor sich hin, es gibt drei Songs, auf denen das Prädikat "peppig" klebt, "Hotel" und "Irgendwo Da Draußen" muss man in den Parts kurz angedeutete Flirtation mit elektronischen Produktions-Ideen zuschreiben. Wirklich Props verdient er für einen richtig gelungene Song hier, nämlich "Deine Zweifel", auf dem er gekonnt die Trennung seiner Eltern nacherzählt, sich reflektiert mit den Konsequenzen für seine Psyche auseinandersetzt und doch auf einer süßen, versöhnlichen Note endet. Textlich überschattet das alle anderen Nummern meilenweit und stellt in Frage, wie seine anderen Songs dieses Feingefühl so komplett vermissen lassen. Wenn du zu so etwas fähig bist, was soll denn dieser ganze andere Murks?

Außerdem mündet es eh alles in diesen sentimentalen, gleichförmigen Refrains, die wie Überblenden bei Mitten im Leben klingen. Manche sind Kitsch und Schwulst, andere die reinsten Biergarten-Zombies. Die Sounds hat man in Royalty Free-Datenbanken zusammengeklaubt, die Melodien kamen in dreißig Sekunden Klampfe-Akkord-Suchen zusammen. Für weitere Roasts dieser Sounds, lest einfach irgendeine andere Deutschpop-Review bei uns, glaubt mir, es würde keinen Unterschied machen. Verdammt, ein Song heißt "Das Wunder Sind Wir" - da würde sich ja sogar Campino übergeben.

Menschenskinder, was ist das denn hier schon wieder. Man sollte meinen, Deutschpop habe uns alle genug abgestumpft, aber dann kommt doch ein Album, das einen komplett fertig macht. "Vier" bietet alles, was Max Giesinger schon immer schlecht gemacht hat. Aber über all die Zeit und all die Platten keinen Funken Wachstum zu zeigen, das ist doch reine Provokation. Er ist immer noch grüblerischer Fuckboy mit Bindungsangst, hat immer noch Fernweh für Australien und hat immer noch kaum die Fähigkeit, daraus interessante Musik zu machen.

Alles, was er hat, sind die ausgelutschtesten Sprachbilder der Welt und Indefinitpronomen. Genug Indefinitpronomen, um Nenas "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann" alt aussehen zu lassen. Das Ding ist: Es gibt ja Genres, in denen Texte nicht das Hauptaugenwerk sind. Wenn der Rest catchy und ästhetisch überzeugend gemacht ist, kann man bei den Scooters und den Katy Perrys der Welt durchaus über Kacktexte hinwegsehen. Aber das völlige Ausbleiben von irgendeinem interessanten Aspekt in dieser Musik legt nahe, dass die Leute Schund wie diesen nicht trotz, sondern wegen der Texte hören. Irgendwer muss den Leuten im Radio ja Sachen wie "man weiß nicht, was man hat, bis man es verliert" sagen. Und wenn das nicht gruselig ist, dann weiß ich auch nicht.

Trackliste

  1. 1. Irgendwann Ist Jetzt
  2. 2. Fenster
  3. 3. Deine Zweifel
  4. 4. Irgendwo Da Draußen
  5. 5. Berge
  6. 6. Der Letzte Tag
  7. 7. In Meinen Gedanken
  8. 8. Seit Es Vorbei Ist
  9. 9. Hotel (feat. Madeline Juno)
  10. 10. Das Wunder Sind Wir
  11. 11. Stuntman
  12. 12. Das Letzte Prozent

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14 Kommentare mit 24 Antworten

  • Vor 22 Tagen

    Musik die nach toter Oma mieft

  • Vor 22 Tagen

    Bin mit ihm zur Schule gegangen tatsächlich und kann Bestätigen: Lappen.
    "Der Mann dreht über die vierte Platte und mit Anfang dreißig immer noch Ehrenrunden durch die After-Abi-Australien-Phase" ist der akkurateste Satz den ich je über ihn gehört habe.

    • Vor 22 Tagen

      I admire this kind of inner circle Intel despite having gathered reliable Intel on some things somewhat alike mysellf...

      but... it"s not enough . I need more. Nothing seems to satisfy...

    • Vor 22 Tagen

      und wie war er so im bett?

    • Vor 22 Tagen

      Um genau die wiederholt gestellte Frage in ihre oder gar meine Richtung zu vermeiden hab ich mir z.B. die eh schon übertrieben RL-klischeegeflutete Ankedote mit den stellvertretenden Erfahrungen einer Ex-Romanze von mir in Sachen Schweighöfer bisher so erfolgreich überall verkniffen wie wohl keine andere meiner anderen Starlet-Tales jemals vor oder nach dieser... :lol:

    • Vor 21 Tagen

      naja, wie man im film "das wilde leben" begutachten konnte, ist der gute matze auch in dieser angelegenheit nicht mit "größe" gesegnet ^^

      kann mir vorstellen, dass deine ex-romanze nicht ganz auf ihre kosten gekommen ist, es sei denn, er ist ein massiver "grower" :koks:

    • Vor 11 Tagen

      Lappen gefällt mir als Bezeichnung. Gegen Lusche hätte ich auch nichts einzuwenden.

  • Vor 22 Tagen

    Yannik kriegt ja echt fast nur Müll-Alben in letzter Zeit :D

    Starke Rezi!

    • Vor 22 Tagen

      mit meinem dayjob als müllmann verdiene ich mein anrecht k-pop und limp bizkit zu reviewen

    • Vor 22 Tagen

      also ist müll deine passion :P

    • Vor 22 Tagen

      da haben dich die kollegen aber ganz schön abgezogen. geben einfach vor k-pop und limp bizkit reviewen zu wollen. :lol:

    • Vor 22 Tagen

      Muss ich mir merken. Wenn jemand meine Hundehaufen wegmacht, darf er zur Belohnung auch meine eigenen entfernen... Ich biete es nur an.

    • Vor 19 Tagen

      Ich finde auch, dass Hr. Gölz in letzter Zeit recht oft "Qualitativ fragwürdige" Alben rezensiert. Ich finds zwar auch immer sehr amüsant diese Rezensionen zu lesen aber ich frag mich was es darüber hinaus bringt. Liest das einer der die Musik wirklich mag und denkt sich dann: "Fuck, ich muss meinen Musikgeschmack ändern!"?

      Jeder, der wirklich in Musik interessiert ist, hört doch sogar nicht. Ich freue mich zwar auch in Zukunft auf die Verrisse von Yannik aber vielleicht kann er ja sein Talent mehr für die Suche nach neuen oder unbekannten Künstlern nutzen und diesen eine Bühne bieten.

      Für so einen seichten Schmarren wie den oben reicht meiner Meinung nach "Yanniks Yakschiss der Woche"