laut.de-Kritik

Wie Malle-Urlaub, nur zuhause.

Review von

Welches Jahr bräuchte dringender den auf CD gepressten Spanien-Urlaub-Ersatz als das turbulente 2020? Und welcher Titel wäre für das Album passender als "Turbulento"? Klingt spanisch, versteht aber auch jeder Karl-Heinz. Die Band selbst erklärt es am Besten: "Wir sind eine turbulente Band, die Zeit, die wir gerade alle erleben, und in der das neue Album entstand, ist überaus turbulent. Vor allem aber haben wir immer auch die lässigen Vibes des Tanzens, das Ausgelassene im Auge, das ja bekanntlich oft zu positiven Turbulenzen führen kann." Manchmal, wenn man fliegt, sagt der Pilot auch irgendwas von Turbulenzen. Und dann gibts noch turbulente Strömungen in Flüssen. "Turbulento" gehts also wirklich überall zu.

Wenn eine Band die deutsche Sehnsucht nach den überfüllten Stränden von Palma de Mallorca für sich nutzt, ist es mit Sicherheit Marquess. Seit 2006 transportieren die Hannoveraner geneigte Hörer mit ihren Songs vom heimischen Balkon nach El Arenal oder gleich in die Karibik. Da der gemeine Deutsche gerade so "hola!" und "cerveza" sagen kann, fällt auch kaum auf, dass die Texte und Aussprache von Sänger Sascha Pierro in etwa so authentisch spanisch sind, wie eimerweise Sangria durch Strohhalme zu schlürfen. Das schlimme ist nur: Obwohl die Band sich Rhythmen, Instrumentation und Melodien aus der gesamten Hispanophonie mopst und in einen Topf wirft, erwischt man sich immer wieder beschämt dabei, mit den Füßen zu wippen. Irgendwie funktioniert der ganze Quatsch also leider und deswegen wird das Album auch sicher wieder in die Charts gekauft werden.

Aufgenommen hat die Band schon in der im Mai erschienen ersten Single "Pista De Baile" klar gemacht, dass sie weiterhin ZDF-Sommergarten-tauglich bleiben. Mit süßlichem Gitarren-Geschrammel und nervigem Gepfeife bittet der Track darum, die nächste Werbung der "Apotheken Umschau" zu untermalen. Worum geht's? Um "una vida buena" und einen "momento magico", Dinge aus der ersten Lektion fast jedes Spanisch-Lehrbuchs. "No Me Llevas" ist Reggaeton in noch leichter verdaulich und eigentlich weiß man ja jetzt schon, was einen bei den restlichen Songs erwartet, aber dann: Kommt "Morena" und überrascht mit einer Trap-Hi-Hat. Hoffen wir mal, dass Marquess mit dieser Funktionspop-Vereinnahmung den Trap-Beat nicht dem Tode geweiht hat. Aus unerfindlichen Gründen fängt Pierro mittendrin an, auf Deutsch zu singen: "Hätte ich nicht gedacht, hätte ich nicht geglaubt, hätte ich doch mal richtig geschaut / Das was mir vorher wichtig war, wird zu Luft und Staub". Seltsam losgelöst stehen die paar deutschen Fetzen mitten im Song, aber immerhin hat man nun die Sicherheit, dass das Floskelhafte und Vage der Lyrics nicht nur dem Spanischen geschuldet ist.

"Autopista" erinnert an den charmanten Reggae von Manu Chao, ist nur schlicht und ergreifend weniger gut, dafür kalkulierter und harmloser. Der Song ist gleichzeitig einer von denen, die man noch etwas besser über sich ergehen lassen kann, immerhin klingt der Rhythmus nicht ganz verkehrt. Deutlich weniger angenehm wirkt beispielsweise "La Rima", das ähnlich wie das bereits erwähnte "Pista De Baile" zu zuckrig klingt und einem unbeschwerte Sommervibes geradezu aufzwingt. Wer da nicht willfährig genug ist, schaltet ab. In "Mirala" bekommen wir deutsche Kalendersprüche der Giesinger-Art: "Bleib mal stehen / Hör auf zu suchen / Das was du brauchst / Liegt vor dir". Dazu Gitarren-Spiel, das an Mark Forsters "Wir Sind Groß" erinnert. Noch erbaulicher wirds kurz darauf: "Schließ‘ deine Augen / Und du wirst sehen / Es liegt in deiner Hand". Dann kippt der Song plötzlich wieder ins Spanische und dudelt davon. Der Closer "Adiós" gehört zur selben fiesen Schnulzen-Sorte und lullt einen mit einem billigen Flamenco-Gitarren-Versatz ein.

Der Pressetext verrät, dass natürlich auch der Aufnahmeprozess von "Turbulento" durch die Corona-Maßnahmen eingeschränkt war: Die Bläser wurden in Abwesenheit der Band aufgenommen. Dass die Platte trotzdem fast genauso klingt wie der Vorgänger, "En Moviemento", ist in unseren "tiempos turbulentos" irgendwie auch beruhigend. Manche Dinge bleiben gleich, selbst wenn es auf der Welt mal ein wenig verrückter zugeht. In diesem Fall heißt gleich nur einfach: weiterhin nicht gut.

Trackliste

  1. 1. Pista De Baile
  2. 2. No Me Llevas
  3. 3. Abre Tu Mundo
  4. 4. Mama
  5. 5. Plaza Principal
  6. 6. Autopista
  7. 7. Vuela
  8. 8. Morena
  9. 9. El Tiempo
  10. 10. La Rima
  11. 11. Mírala
  12. 12. Adiós

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7 Kommentare mit 19 Antworten

  • Vor 10 Monaten

    Ihr müsst mal viel lockerer werden. Marquess machen Sommer-Pop, der lebensbejahend ist(siehe das Sex-Beispiel) und positiv rüberkommt. Und glaubt mir: Mit ultrabrutalem Metal samt Kuttenkluft kann man in diesem Sommer nicht bei den Mädels punkten. Die stehen nämlich auf Marquess und genießen das schöne Leben anstatt sich mit destruktivem Alles-ist-scheiße-Metal im Keller zu verbunkern. Also nix gegen Metal; ich höre selbst welchen. Aber irgendwann sollte man auch einmal aus seiner düsteren Parallelwelt emporsteigen und sich mit den sonnigen Seiten des Lebens auseinandersetzen. Marquess liefern den perfekten Soundtrack dazu.

    In Zeiten von Rezession, Abhörskandalen und steigender Armut, bin ich froh darüber, dass es Musik wie die von Marquess gibt, die in diesen elenden Zeiten Trost spendet und die Welt ein klein wenig besser macht. Aber naja, wahrscheinlich macht Ihr hier einen auf harten Macho, wenn aber ein Song von Marquess im Radio läuft, werdet ihr mitsingen, weil man sich ihren Feel-Good-Melodien einfach nicht entziehen kann.

    Ihr mögt das alles als Mädchen-Musik abtun, jedoch sage ich Euch eines: Ich persönlich verbringe meine Nachmittage lieber mit der Musik von Marquess und ein paar netten Mädels, als irgendwo in einem zugemauerten Verlies ohne Fenster vor dem Computerbildschirm zu sitzen und mir die Ohren von Metal zerknüppeln oder von brutalem Fäkal-Sprechgesang a la Bushido beschmutzen zu lassen. Das habe ich in der Vergangenheit getan(also Metal, Bushido never) und ich habe gemerkt, dass das Leben dort einfach nicht stattfindet. Wie gesagt: Wer sich über den Sex-Song echauffiert, ist wohl ein wenig verklemmt?

  • Vor 10 Monaten

    Bin heute mal auf's Ganze gegangen und vorhin schön prollig mit der Karre vor der Eisdiele vorgefahren, "Turbulento" auf Anschlag im CD-Player am laufen. Tja, und was soll ich sagen? Es wirkt! Sofort bildete sich eine Traube aus leicht bekleideten Mittelstufenschülerinnen um meinen Wagen, schon beim ersten Refrain begannen die einige von ihnen, sich mit der Zunge über die popstick-gesüßten Lippen zu fahren und ihre Hintern in den abgeschnittenen Hotpants an meiner Autotür zu reiben Eine versuchte auch durchs Sonnendach auf den Beifahrersitz zu klettern um mit mir zu schwoofen - was durch ihr Hüftgold verhindert wurde.

    Ich fahre einen 2006er Hyundai Atos, Neupreis 7.999€

    Danke an Marquess für das einzige Album, mit dem tatsächlich JEDER diesen Sommer bei den Mädels voll punkten kann!

  • Vor 10 Monaten

    Mit Marquess bringt man bei den warmen Temperaturen einfach jede Tanzfläche zum Kochen. Das klappt mit melancholischer Mimimi-Musik nun mal nicht. Man sollte doch öfters mal das Leben genießen und mit anderen Menschen eine gute Zeit haben. Das geht mir in diesen egoistischen Zeiten zunehmend verloren. Dafür liefern Marquess die Musik, wie das Leben sein sollte. Viva la vida!