laut.de-Kritik

Die Schönheit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes.

Review von

Es gibt verschiedene Methoden, sich diesem Album von Marianne Faithfull anzunähern. Über allem steht die nagende Gewissheit: Das ist es jetzt wirklich gewesen. Nicht das grandiose, lebensgegerbte "Negative Capability" von 2018 ist der fulminante Schlusspunkt ihrer Diskographie geworden. Nach überstandener Covid-19-Erkrankung sitzt die 74-Jährige mittlerweile wieder zuhause im Londoner Stadtteil Putney zwischen Ölgemälden und Bücherregalen, wo sie elf Lieblingsgedichte eingesprochen hat.

"She Walks In Beauty" ist somit zuallererst ein Album, mit dem niemand rechnen konnte, obwohl ja gerade ihre Biographie nicht nur an einer Stelle ein kaum greifbarer Überlebenswille kennzeichnet. Ob sie ohne die Erkrankung das Interesse aufgebracht hätte, ein weiteres Album einzusingen, bleibt Spekulation. Als sie sich im März 2020 infizierte, stand der Entschluss bereits fest, den lange gehegten Traum eines Gedichtalbums in die Tat umzusetzen. Sieben Texte großer britischer Romantiker wie Keats und Wordsworth sprach Faithfull noch ein, danach musste sie ins Krankenhaus, ihr Manager schickte die Gedichte an den langjährigen Freund und Nick Cave-Intimus Warren Ellis, der sie behandelte wie ein Vermächtnis.

"She Walks In Beauty" ist somit nicht in gewohnter Weise konsumierbar, schon der Begriff Konsum verbietet sich. Wer aufgrund der Konstellation Faithfull/Ellis neue ätherische Balladen erwartet, landet hart. Die Platte ist altmodisch im schönsten Sinne, was Spotify-Free-Nutzer mit besonderer Härte spüren - nie war eine Werbeunterbrechung unangebrachter. Selbst Vinylkäufer, während der Vorstellung zu drei Unterbrechungen gezwungen, müssen sich den Fluss des Albums mühsam erkämpfen.

Faithfulls Stimme und die Poesie stehen im Mittelpunkt und verbreiten eine eigentümliche Ruhe, vor der selbst Ellis respektvoll zurück weicht und sich einen rigiden Minimalismus auferlegt. Die Gedichte handeln von der Schönheit und Verdorbenheit des Lebens, über einigen schwebt die Unausweichlichkeit des Todes, vorgetragen von einer Interpretin, die beide Seiten zu kennen scheint. Ein Poesiealbum im doppelten Sinne: Während die Kinderkladde vergessene Details der Kindheit wieder zum Vorschein bringt, ist Faithfulls Poesiealbum eine Reise zurück in ihre Zeit als literaturbegeisterte Schülerin, bevor sie 1964 vom berüchtigten ersten Rolling Stones-Manager Andrew Loog Oldham auf einer Party für eine Pop-Karriere gecastet wurde. "She Walks In Beauty" ist somit auch Faithfulls Sehnsucht nach einer Zeit vor dem Ruhm, vor den entscheidenden Weggabelungen ihres Lebens.

"She walks in beauty, like the night / of cloudless climes and starry skies / and all that's best of dark and bright / meet in her aspect and her eyes / thus mellowed to that tender light / which heaven to gaudy day denies": Zu wabernden Ellis-Synthies wird Faithfull im Titeltrack vorstellig, das ambiente Soundbild, reduziert und eindringlich. Sofort kehrt eine gespenstische Ruhe ein, wenn die sphärischen Klänge die brüchige Stimme der Erzählerin umtänzeln wie sanfte Wellen einen Felssockel. Schon hier erinnert der Sound dezent an Ellis' Arbeit mit Cave an "Ghosteen", ein Eindruck, den der 56-Jährige im Interview vehement von sich weist: "Was diese Alben verbindet, ist meine ständige Suche nach musikalischer Kommunikation, nach einem Dialog, der immer anders ausfällt. Hier war es mein Job, dieser besonderen Stimme zu dienen, die diese wunderbare Poesie vorträgt."

Wie ernst es ihm damit ist, belegt danach Thomas Hoods "The Bridge Of Sighs", ein düsteres Requiem minimalster Klangfarben, das keinerlei Tageslicht gestattet. Wenn man sich darauf einlässt, funktioniert die Platte wie ein Hörbuch, wenngleich es gewiss nicht schadet, als Hörer eine der folgenden Vorbedingungen mitzubringen: Gehobenes Alter, Anglistik-Studium, Ambient-Begeisterung.

Im Mittelpunkt stehen weiche Synthsounds, die Ellis hier und da mit Cello und Glockenspiel anreichert ("To Autumn"). Caves Piano ist weniger auffallend als es seine Teilnahme an fast allen Songs vermuten lässt, und dass Altmeister Brian Eno erst gar nicht erkennbar ist, spricht Bände für die Arrangement-Kunst des Warren Ellis. Gut, gelegentlich schimmern Momente spiritueller Erweckungsmusik durch ("Ozymandias"), die Faithfulls Raufaserorgan besser als zuletzt Iggy Pop auf "Free" schnell zerschlägt.

"So We'll Go No More A Roving" ist der einzige Song ohne Cave, ergo ohne Klavier. Ellis' Bassquerflöte und Vincent Segals Cello tragen das Stück als Duett, und man kann sich Faithfulls Vortrag hier tatsächlich als Gesang vorstellen, was ihr ursprünglich sogar vorschwebte. "The Lady Of Shalott" beschließt die Platte als über elfminütiger Parforce-Ritt, die Musik tritt wieder devot zurück, während Faithfull von Elaine Of Astolat und ihrer unerwiderten Liebe zu Sir Lancelot aus der berühmten Artussage erzählt. Die heimliche Liebschaft des Ritters bemerkt die Lady von Shalott jedoch zu spät und stirbt kurz darauf an gebrochenem Herzen - eine schaurige Parallele zur Interpretin selbst, die 1967 ihren Ehemann für Mick Jagger verließ und später von diesem verlassen wurde.

Wie wichtig die Veröffentlichung allen Beteiligten ist, belegt die liebevolle Gestaltung der Tonträger. Pop Art-Künstler Colin Self, den Faithfull seit den 1960ern kennt, gestaltete das träumerische Cover. Die CD-Version erscheint im edlen Buchformat, das Doppelvinyl mit illustrierten Innenhüllen, ausführlichem Textblatt, einer signierten Postkarte sowie Anmerkungen zu jedem Song.

Marianne Faithfull leidet an Long Covid und muss heute beim Sprechen Ruhepausen einlegen. Sollte "She Walks In Beauty" ihr musikalisches Vermächtnis sein, legt die oft als 60s-Muse abgestempelte Künstlerin hier noch mal ihre wahren Wurzeln frei: Sie offenbart kompromisslos ihre Liebe zu Lyrik und beeindruckt mit einer Bestimmtheit im Vortrag, die allen Schwurblern die Schamesröte ins Gesicht treiben sollte.

Trackliste

  1. 1. She Walks In Beauty
  2. 2. The Bridge Of Sighs
  3. 3. La Belle Dame Sans Merci
  4. 4. Ode To A Nightingale
  5. 5. To Autumn
  6. 6. Ozymandias
  7. 7. From The Prelude
  8. 8. Surprised by Joy
  9. 9. To the Moon
  10. 10. So We'll Go No More A Roving
  11. 11. The Lady Of Shalott

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