laut.de-Kritik

Wenn dein Tattoo tanzt, geh schnell zum Schamanen.

Review von

50 Jahre zusammen! Es gibt Kaiserpinguine, die sich untreuer sind als Magnum-Bandleader und Gitarrist Tony Clark und Sänger Bob Catley. Die beiden haben sogar als Duo weitergemacht, als Magnum Mitte der 90er mal aufgelöst waren. Man hat es hier also mit ganz zähen Legenden zu tun, die weiterhin einen beeindrucken Output aufweisen – und zuletzt ihren Kultband-Status mit beeindruckenden kommerziellen Erfolgen ein Stück weit ablegten. "Dance Of The Black Tattoo" ist eine Kompilation, die sich als rockiges Gegenstück zu "The Valley Of Tears – The Ballads" aus 2017 versteht. Die hier vorliegende, angeblich rockigere Auswahl, beschränkt sich dabei fast ausschließlich auf Remastered-Versionen von Songs der letzten zehn Bandjahre. Das spricht für die 1972 gegründete Band. Allein vier Songs kommen von der Live-DVD "Escape From The Shadow Garden" von 2015. Damit ist die prägende Absonderlichkeit dieser Zusammenstellung schon genannt: Es handelt sich größtenteils um Live-Versionen. Hier wird es dann schräg, Radio-Edits, also gekürzte Versionen. Wer auf diese Idee kam, hat zu viel vom Zaubergras erwischt.

Aber das Album startet stark mit "Black Skies" – Dramatik pur, Untiefen und Höhen, tolle Übergänge, keine Angst vor der ganz, ganz großen Geste zum richtigen Zeitpunkt. Magnum spielen hier all ihre Stärken gekonnt aus. Melodic Rock hat so seine Daseinsberechtigung. Gleichzeitig wird aber klar: Den Terminus 'rockig' interpretieren Magnum so wie Poison oder Meat Loaf, die Gitarre ist also ein Dezibel lauter gedreht als die Keyboard-Streicher.

Das heißt aber keineswegs, dass Magnum auf die immergleiche Metal-Ballade gebucht wären. "All My Bridges" atmet den Geist der 80er und hört sich stellenweise an wie Duran Duran mit mehr Gitarren. "On A Storyteller's Night" verströmt einen Hauch von Mark Knopfler. Dieser Song lebt, ebenso wie die anderen Glanzstücke dieses Albums davon, dass Catley sich nicht zu schade ist, sein Organ zu verbiegen, immer wieder abkühlende Sprechpassagen einzubauen, bevor er sich in die Höhe schraubt. Clark hat den Sound gut im Griff, gefühlt wetteifern vier Keyboards gleichzeitig um Aufmerksamkeit. Seine Rolle als Bandleader führt auch dazu, dass Magnum für eine Melodic Rock-Band sehr wenig Gegniedel einbauen. Eine Wohltat, die die Songs trotz Pom straff hält. So behält auch eine kitschige Kinderreim-Nummer wie "Your Dreams Won't Die" genug Dynamik, um nicht im eigenen Kitsch zu ersaufen.

Dann gibt es aber noch Nummern wie "Freedom Day", denen genau dieses Quäntchen mehr fehlt. Unbeholfen an einer halbgaren Songidee aufgehangen und so alt klingend wie die Band nun mal ist, erreichen Tracks wie "Dance Of The Black Tattoo" Hardrock-Genrestandard, aber eben nicht mehr. Midtempo-Stücke wie "Twelve Men Wise And Just" geraten egal, da ihnen die Dramatik fehlt, die diese Band eigentlich auszeichnet. Und dann merkt man eben, dass das Gerüst dahinter eher routiniert runterskizziert ist.

Richtig übel wird es auf "Dance Of The Black Tattoo" leider auch noch mit dem Radio-Edit des pseudo-weihnachtlichen Anti-Kriegs-Song "On Christmas Day". Der ist nämlich Bob-Geldof-Scheiße und entlarvt endgültig die vollkommen absurde Entscheidung, Radio-Edits auf ein Best Of zu packen. Mir erschließt sich nicht im Geringsten, wie dieser Entscheidungsprozess vonstatten ging. Die auf ihren Alben jeweils zu den schlechtesten Tracks gehörenden Radio-Edits von "Show Me Your Hands", "Not Forgiven" und "Madman Or Messiah" sind dann auch richtige Nullnummern, die zum unteren Balladenregal der Band gehören. Herauszufinden, warum für das vermeintlich rockige "Dance Of The Black Tattoo" nicht Stücke wie "Blood Red Laughter" oder "Where Are You Eden" genommen wurden, das muss ein mutigerer Rittersmann als ich auf seiner Queste herausfinden.

Wie gewohnt stammt das trashige Cover vom hofeigenen Band-Künstler Rodney Matthews und hat nichts mit dem Album zu tun, auf dem es wie gewohnt genreunüblich nur sehr wenig um Kämpfe gegen Fantasiewesen geht. Muss man mögen. Magnum zeichnet ein sehr eigener, manchmal eigenwilliger, aber stets sehr offener Stil aus. Das verkörpert diese Ansammlung gut, als Kompilation und damit letztlich als Album ist sie aber ein inkohärenter Griff ins Klo. Lieber "Into The Valley Of The Moon King" anhören.

Trackliste

  1. 1. Black Skies (live)
  2. 2. Freedom Day (live)
  3. 3. All My Bridges (live)
  4. 4. On A Storyteller’s Night (live)
  5. 5. Dance Of The Black Tattoo (live)
  6. 6. On Christmas Day (radio edit)
  7. 7. Born To Be King
  8. 8. Phantom Of Paradise Circus
  9. 9. No God Or Saviour
  10. 10. Your Dreams Won't Die (live)
  11. 11. Twelve Men Wise And Just (live)
  12. 12. Show Me Your Hands (radio edit)
  13. 13. Not Forgiven (radio edit)
  14. 14. Madman Or Messiah (radio edit)

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LAUT.DE-PORTRÄT Magnum

Magnum bedeutet in der lateinischen Sprache "das Große". Sehr passend, denn die gleichnamige Band aus Birmingham gehört zu den wenigen echten Giganten …

2 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor einem Monat

    Die Zusammenstellung ist nicht zu erklären, da stimme ich mit der Redaktion völlig überein. Das wirkt so, als sei es das Ziel gewesen jede Aufnahme einer Band zu veröffentlichen. Alle Songs, mit Ausnahme der vorliegenden waren schon auf stimmigen Alben verarbeitet, das hier war der Rest. Gaaanz komisch.
    Das Cover ist Magnum und wie immer geil. Die Songs sind auch Magnum. Die "Radionummern" funktionieren auf dem jeweiligen Album in entsprechend längerer Version, hier halt nicht, weil direkt nacheinander drei davon ist schlicht Overkill.
    Ansonsten bleibt halt immer die Frage nach dem "Warum ausgerechnet dieser Song". Was ein übler Song, von einem, (wenn nicht dem einzigen richtig) üblen Album "Rock Art", wie "On Christmas Day", hier auf einer rockigen Zusammenstellung verloren hat...? Das weiß kein Mensch!
    "Phantom..." und "no god..." kannte ich nicht. Die sind ..."neu"? Das ist prima und passt hier ins Bild: Live, neu, Rockig, Ballade, Radio edits...fehlen nur noch Demos...
    Kurz gesagt, ich leg das hier weitestgehend ab und freu mich auf die nächste Studio-Scheibe! Magnum ist nämlich prinzipiell auch in späten Jahren....Magnum!

    • Vor einem Monat

      "Das Cover ist Magnum und wie immer geil."

      Ich wollte schon gestern einen Beitrag schreiben, indem ich mich über diese Art von Covergestaltung, die sich bei Metalbands seit den Anfängen nicht zu ändern gescheint hat, lustig zu machen.
      Was soll das sein? Der böse Dämon, der vom abtrünigen Priester beschworen wird, die 25.986.543te? 12 jährige finden das sicherlich cool...
      Accept Cover ist genauso lächerlich.

      Man kann nur zu gute halten, dass sich die Bandmitglieder nicht in Fellen bekleidet und grimmig guckend für's Cover haben fotografieren lassen.

    • Vor einem Monat

      Ist das nicht genau das, worauf ihr Dunkelheimer steht? Dachte immer, dass euch da direkt die Spitze nass wird... :ill:

    • Vor einem Monat

      naja, das cover eines gewöhnlichen metal albums ist mehr ein siegel als ernstgemeintes artwork. der metal head muss doch wissen, was er kauft

    • Vor einem Monat

      Witzig im Prinzip geht's doch mehr um die Musik als um das Cover.... andererseits sind so Maiden Sachen, Marillion/Wilkinson oder Rush/Syme Cover schon grandioses Artwork. Ich find's nett, wenn's gut aussieht, auch wenn es oft, wie jetzt hier...nicht soooo viel mit der Musik zu tun hat. Die Mucke, oder besser die Auswahl ist aber hier wirklich ….ungewöhnlich....

  • Vor einem Monat

    Cover geht voll in Ordnung. Typisch Magnum halt. Ist mir lieber als ein Foto von ein paar 70jährigen, die einen auf jung gebliebene, harte Rocker machen. Allerdings vermutetet man bei Albumnamen + Cover, dass es sich hier um ein reguläres Studioalbum handelt. Das finde ich eher bedenklich.