laut.de-Kritik

Der Mindener tritt mit seinem Solo-Debüt die Tür ein.

Review von

"Hip Hop ist verreckt, ab jetzt gibt's nur noch Pop / Denn sogar Rap dreht sich jetzt rasend schnell im Kreis und muss bald kotzen." Diesem Eindruck kann sich selbst der hartgesottene Fan (besonders der!) zuweilen nur schwer entziehen. Glücklicherweise pulverisieren Alben wie das vorliegende immer wieder alle Zweifel. "Was Ist Mit Hip Hop?!" Kein Anlass zur Besorgnis, Welt! Hip Hop geht's bestens.

Wer, vielleicht mit Ausnahme des Kollegen Johannesberg, erinnert sich schon noch an den Klan? Nein, zugegeben: Ich habe weder mit Lord Scan noch mit einer derart wuchtigen Rückmeldung auch nur ansatzweise gerechnet und kassiere die Quittung in Form eines schweren Wirkungstreffers, der mich debil grinsend auf die Bretter schickt.

Authentizität und ebenso irre wie filmreife Szenerien, glaubwürdige Selbstreflektion und bizarre Traumwelten, Vergangenheitsbewältigung und kranke Zukunfts-Phantasien lassen keine Wünsche offen. Scan ist nicht nur vollständiger Sätze mächtig, er erweist sich als geradezu meisterhafter Geschichtenerzähler. Der Writer steckt in jeder zweiten Zeile, der C64-Computernerd in jedem Ton: Monster-Synthiebeats treiben nicht nur Nostalgikern die Tränen in die Augen.

Lord Scan übt sich im Einzelkämpfertum. Text, Musik, 36 Booklet-Seiten grafische Gestaltung sowieso - er macht's jetzt komplett alleine. (Konsequenterweise erfolgt die Veröffentlichung auf dem eigenen Label Schädelbasis Export.) Gäste sind ebenso abwesend, wie sie überflüssig wären. "Ich Bins!" präsentiert einen Alleinunterhalter allererster Güte. "Es ist niemand mehr in Weg, und auch niemand, den ich brauch' / Ich find wieder zu mir selbst und fahr' wieder aus der Haut / Wie Weihnachtsmann und Christkind / Scheiß doch auf Bling-Bling / Nix weiter als ich / Scan macht sein Ding."

"Nicht ansatzweise geeignet für die Serienproduktion"? Schade, eigentlich. Andererseits auch wieder ganz gut: Scan hat ohnehin Ideen für drei. Wabernder Sound unterstreicht die unwirkliche Stimmung in "Elvis Im Wunderland". Ich bin mir nicht sicher, ob ich Träume dieser Art haben möchte. Ganz sicher will ich aber mehr solcher Rap-Tracks. "Machtübernahme" arbeitet einen Plan zur Erlangung der Weltherrschaft aus, der dem Pinky und dem Brain alle Ehre machen würde - und hört und fühlt sich dabei an, als sei man versehentlich in "Mars Attacks!" gelandet.

Bei aller Absurdität zeichnet "Ich Bins!" doch ein sehr privates Bild. Das Gefühl, den Mann am Mikrofon und einige der Affen in seinem Kopf persönlich kennengelernt zu haben, lässt sich nur schwer wieder abschütteln. Ganz ohne Wehleidigkeit blickt Scan auf seinen holprigen Lebensweg zurück und versucht, auch die positiven Seiten zu sehen. Das gelingt in "Das Leben Ist Schön", ohne in Happyhappy-Joyjoy-Attitüde zu ersaufen. Scan hat seine Lehren gezogen: "Bleib am Ball, mach was draus / Irgendwann zahlt sich's aus." In einer fairen Welt wäre dafür jetzt ein angemessener Zeitpunkt.

In diesem Fall betätige ich mich doch gerne als Wahlhelfer:

"Für den desolaten Zustand: Wählt Lord Scan.
Für kranken Funk aus dem Computer, bitte: Wählt Lord Scan.
Für den echt defekten Wahnsinn,
Für die beste Rap-Dynamik,
Für den Flash und für die Panik rat' ich: Wählt Lord Scan.

Fürs Acryl in eurer Nase: Wählt Lord Scan.
Für das Gefühl und die Ekstase, bitte: Wählt Lord Scan.
Fürs Geisterfahren ohne Pitstop,
Für die Styles aus meinem Dickkopf,
Für die geilste Sicht auf Hip Hop rat' ich: Wählt Lord Scan."

Dem noch ein fettes WORD angehängt, und von meiner Seite ist alles gesagt.

Trackliste

  1. 1. Ich Bins!
  2. 2. Wählt Lord Scan
  3. 3. Flashbacks Teil 2
  4. 4. Bleib Am Ball
  5. 5. Macht übernahme
  6. 6. Lackschnüffeln
  7. 7. Elvis Im Wunderland
  8. 8. Load "$",8
  9. 9. Chromfinger Skit
  10. 10. Chromfinger
  11. 11. Was Is Mit Hip Hop?!
  12. 12. Latsch Aufm Zahnfleisch
  13. 13. Abfack (Rmx)
  14. 14. Ich Denke Zuviel
  15. 15. Das Leben Ist Schön
  16. 16. Reicht Das?
  17. 17. Durch
  18. 18. Das Ist Hi-Fi

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24 Kommentare

  • Vor 13 Jahren

    Aaalso: Ich habe die Platte noch gar nicht gehört, aber zur Review bleibt nur zu sagen: Ich werde sie mir auf jeden Fall kaufen und das eben WEGEN der Review^^

    Sehr nett geschildert finde ich vor allem die Stelle, an der freddy debil grinsend zusammensackt. Wer von Hip Hop so "berührt" wird, darf sich denke ich als echten Head bezeichnen. :D

    Nun, ich habe jedenfalls großes Verlangen auf diese Platte bekommen, danke für die gute Review, hat mich köstlich amüsiert.

  • Vor 13 Jahren

    hab mal eben ins snippet reingehört, und mein geschmack ist es definitiv nicht...0815 stimme und irgendwie derbst anstrengende und nervige beats...