7. August 2006

"Nichts, wofür man sich schämen müsste ..."

Interview geführt von

Was haben ein bombastisches Musical, Big Brother und die südkoreanische Fußball-Mannschaft mit Krypteria zu tun? Die Geschichte dieser Band ist relativ ungewöhnlich - Grund genug für einige Fragen!Was macht ein Musiker, der mit seiner Musikproduktionsfirma Leute wie die Big Brother-Stars, Nino De Angelo und LaFee produziert, damit große finanzielle Erfolge verzeichnet, aber trotzdem eine Leere verspürt? Er erfüllt sich einen Herzenswunsch und gründet eine Band, in der er spielen kann, worauf er Bock hat.

Doch ich greife vor. Krypteria ist ursprünglich das gleichnamige Musicalprojekt von Christoph Siemons, zu dem 2003 ein Doppelalbum erscheint. Thema ist eine fantastische Liebesgeschichte, die bombastische Produktion bewegt sich zwischen den Genres Rock, Pop, Metal und Klassik und zeigt ordentlich Prunk und Pathos. Die daraus entnommene Single "Liberatio" ist im TV zur Untermalung der Spendenaufrufe für die Opfer der Tsunami-Katastrophe zu hören und erreicht Platz drei der Single-Charts. Wegen des Erfolgs des Albums wird das Projekt zu einer Band, die man am ehesten dem Genre Gothic Metal zuordnen kann.

Am 4. August veröffentlichten Krypteria die neue EP "Evolution Principle", deren Titel auch aufgrund der ungewöhnlichen Bandgeschichte Fragen aufwirft. Also nutze ich die Gelegenheit, mit Chris Siemons über die Evolution seiner Band, den Erfolg in Korea und die Erfüllung von Herzenswünschen zu plaudern.

Eure EP heißt "Evolution Principle". Hat der Titel auch etwas mit eurer Evolution vom Projekt zur richtigen Band zu tun?

Genau. Das ist die Idee dahinter. Wir wollen den Leuten darlegen, wie sich das Ganze entwickelt hat. Unsere Geschichte ist ja nicht ganz gewöhnlich verlaufen. Normalerweise geht man in den Proberaum, dann macht man einmal ein Demo und bekommt vielleicht einen Plattenvertrag. Das war ja bei uns nicht so. Frank, Kuschi und ich machen ja schon seit fünfzehn Jahren zusammen Musik und haben auch immer in verschiedenen Projekten gespielt. Ich war als Produzent schon sehr erfolgreich, aber irgendwann bemerkt man dann so eine Leere und möchte endlich das machen, worauf man selbst Bock hat. Mit Krypteria konnte ich mir einen Herzenswunsch erfüllen.

Du hast ja eine Musikproduktionsfirma namens "Twoformusic" und Musik für die Big Brother-Stars, LaFee oder Nino de Angelo geschrieben. Wie geht das mit dem einher, was du mit Krypteria machst?

Das alles, was du eben erwähnt hast, ist nichts, wofür man sich schämen muss, aber es ist auch nichts, was unbedingt hilft, wenn man selbst mit seinem eigenen Projekt auf der Bühne steht. Das wird logischerweise immer miteinander vermischt und das verstehe ich auch. Aber ich sehe das so: Manche Leute müssen, damit sie die Musik machen können, die sie wollen, irgendeinen Job machen. Sie arbeiten am Fließband, an der Tankstelle. Und bei mir ist es halt ein Studio, das auch finanziert werden muss. Ich habe hier auch Leute, die von mir leben. Da muss man halt so etwas machen.
Krypteria ist eine absolute Herzensangelegenheit, aber nichts, womit man momentan reich werden könnte. Wir Musiker leben zwar alle davon, aber meine Musikproduktionsfirma könnte ich von Krypteria nicht mit ernähren. Das ist auch der Grund, warum ich mit dem Fernsehen zusammen arbeite. Meine Medienkontakte sind natürlich auch für Krypteria gut. Aber meine Person als Gitarrist hat nichts mit dem Menschen zu tun, der Big Brother gemacht hat. Frank, Kuschi, Ji-In und ich machen auch nichts anderes mehr. Denn irgendwann klappt das nicht mehr. Du kannst nicht mehr Musik machen, um Geld zu verdienen. Ich habe mich jetzt aus den anderen Projekten zurückgezogen und andere Leute dafür eingesetzt.

Was für ein Publikum möchtet ihr mit Krypteria ansprechen? Auf eurer Website bezeichnet ihr euch als Gothic Metal-Band.

Irgendwie braucht man eine Schublade. Nachdem wir unsere neue EP fertig hatten, haben wir eine paar Leute gefragt, als was sie uns sehen würden. Der Vergleich mit Nightwish ist auch immer schnell da, was durch unsere Sängerin ja logisch ist. Das tut uns auch nicht weh, muss ich sagen. Ob das jetzt wie Nightwish klingt oder Wiener Walzer ist uns egal. Wenn unsere Songs entstehen, ist die Melodie für uns das wichtigste, eine catchige, gute Melodie ist das zentrale Element. Und wir möchten gute Stimmung erzeugen. Wir versuchen, mit dem Song eine Geschichte zu erzählen. Mich interessiert auch nicht, ob ich damit Platten verkaufe. Ich möchte endlich die Musik machen, auf die ich wirklich Bock habe, mit meinen Freunden zusammen. Und unsere Plattenfirma hat gesagt, okay, wir glauben an euch, macht das Album, das ihr für richtig haltet. Es ist das erste Mal, dass ich keinen Druck von außen habe. Das haben wir dann gemacht und daraufhin die Leute gefragt, wie wirkt das auf euch. Und dann sagte jemand Gothic Metal! Wir haben uns gedacht, nehmen wir diese Bezeichnung. Aber eigentlich wollen wir, dass sich jeder Zuhörer sein eigenes Bild macht. Entweder sie finden es gut oder auch nicht so gut, das ist alles okay. Obwohl wir natürlich am liebsten hätten, wenn es allen gefällt (lacht). Manche Leute glauben, dass wir unseren Sound aus Berechnung heraus machen. Die stellen dann meist aber sofort fest, dass wir voller Leidenschaft dahinter sind.

"Alles, was sich gut verkauft, wird per se als negativ gesehen."


Meinst du, deine Tätigkeit bei "Twoformusic" und euer Charts-Erfolg könnte euch beim Metal-Publikum Probleme bereiten?

Auf jeden Fall. Wenn ich mir das überhaupt anmaßen darf, ist das der einzige Kritikpunkt, den ich an den Metal-Fans habe. Nämlich, dass sie alles, was sich gut verkauft, per se schon als negativ ansehen. Dabei ist doch Toleranz das Wichtigste. Was ich mir erhoffe ist, dass man uns eine Chance gibt und uns wenigstens einmal anhört. Die Leute bilden sich hoffentlich ein eigenes Bild und beurteilen uns nicht nach dem, was wir vorher gemacht haben. Wenn man hinter die Fassade blickt, sind meine Wurzeln im Heavy Metal-Bereich. Ich habe unter anderem bei Paul Gilbert Gitarrenunterricht gehabt. Ich habe mein ganzes Leben Metal gemacht, nur von irgendwas muss ich auch leben. Es zählt zwar nicht immer die Ausrede "Ich bin jung und brauchte das Geld ..." Aber es war in der Tat so (lacht).

Im Juni wart ihr in Deutschland Vorgruppe von Deep Purple. Wie war das für euch?

Die ganze Geschichte war sehr kurios, denn bei Deep Purple will ja jeder mal vorspielen. Für das Vorprogramm haben sich viele Bands beworben, und sie haben sich uns ausgesucht. Ich selbst bin zwar nur mit Achtziger-Metal groß geworden, aber auch Deep Purple waren immer ein Thema. Und da ist man dann natürlich total geehrt. Vor allem, weil die Band uns wie Gentlemen behandelt hat. Nach dem Auftritt hat uns Ian Gillan die Hand gegeben und gemeint, es war super. Die Erfahrung war außergewöhnlich. Auch beim Publikum kamen wir zum Glück gut an. Der Tourmanager hat uns erzählt, dass auch schon Bands von der Bühne runtergebrüllt worden sind. Um so schöner ist es, dass wir gut angekommen sind.

Wie seid ihr auf eure Sängerin Ji-In Cho gestoßen?

Wir mussten einen Song für eine TV-Sendung aufnehmen und Ji-In war bei mir im Studio. Es waren Hunderte Sänger da, aber es gab nur eine, die alle komplett überstrahlte. Das war Ji-In. Sie ist der Anti-Typ von einem Casting-Bewerber. Bei ihr war es fast eine Verzweiflungstat. Sie hat ja ein klassisches Musikstudium hinter sich, hat Gesang und Klavier studiert, und sich gedacht, wenn ich mal was damit machen will, muss ich irgendwann an die Öffentlichkeit gehen. Sie ging ja auch bei der Fame Academy als Siegerin hervor. Ich habe sofort gesagt, das ist die Sängerin, die wir für Kryteria brauchen. Ich habe meine Kollegen mit ins Studio genommen und ihnen gesagt, sie sollen sich diese Frau anhören. Ende 2004 kam sie zu Krypteria.

"Die Mannschaft ist nicht besonders weit gekommen."


Ji-In stammt aus Südkorea, was euch ja auch den Weg nach Asien geöffnet hat. Euren Song "Victoriam Speramus" habt ihr auf koreanisch veröffentlicht. Wie kam das in die Gänge?

In Frankfurt haben wir auf einem deutsch-koreanischen Festival gespielt, zusammen mit großen koreanischen Stars. Dort waren viele Journalisten, die uns sehr wohlwollend aufgenommen haben. Einer hat unsere CD mitgenommen und bei einem Baseballspiel "Victoram Speramus" gespielt. Plötzlich wollte das ganze Land wissen, wer diese Band ist. Unsere Plattenfirma kam auf die Idee, unsere Platte dort zu veröffentlichen. Anfang des Jahres, im Februar, waren wir für anderthalb Wochen auf Promotion-Tour in Korea. Wir hatten Interviews und Auftritte dort. Bei einem der Auftritte kamen dann die Vorsitzenden der Fan-Organisation der Fußball-Nationalmannschaft auf uns zu. Sie fragten uns, ob wir Lust hätten, den WM-Song zu machen. Für uns war klar, dass wir das machen müssen, weil wir alle riesige Fußball-Fans sind. Sie haben sich das Lied "No More Life" von uns ausgesucht und wollten dazu einen Text schreiben. Die Fans der koreanischen Nationalmannschaft haben also einen Text für unser Lied geschrieben und wir haben es dann neu aufgenommen. Der Haken ist nur, dass die Mannschaft nicht besonders weit gekommen ist.

Das lag ja wohl nicht an euch.

Ich hoffe es (lacht).

Ihr arbeitet schon an eurem nächsten Album, das Anfang 2007 erscheinen soll. Was können wir uns davon erwarten?

Es sieht momentan so aus, als würde es schon Ende Dezember 2006 erscheinen. Die EP gibt schon einen guten Vorgeschmack darauf, in welche Richtung es geht. Wir wollen aber auf jeden Fall mehr als nur schöne Melodien, einen schönen Text und harte Musik liefern. Wir wollen auch ein Konzept mit einbauen. An diesem Konzept stricken wir auch gerade noch. Da darf ich aber noch nicht zu viel verraten, zumal ja auch noch nicht alles klar ist. Aber es wird sich auch im Optischen niederschlagen. Wir wollen vom Optischen bis ins letzte Gitarrensolo einen roten Faden haben, der sich durchzieht. Das soll demjenigen, dem es gefällt, die Möglichkeit geben, nach zehn- oder hundertmaligem Anhören noch immer etwas Neues zu finden. Über das Thema möchte ich aber noch nichts sagen, das würde zu viel verraten. Unser Debüt war ja kein reines Musikalbum. Zumindest die Ursprungsversion, die hatte nämlich auch eine Geschichte zwischen den Songs und war sehr aufwändig produziert. Die Leute haben das aber teilweise nicht verstanden, denn es war auch ein Sprecher zwischen den Songs. Es war schwer, den Leuten zu erklären, dass sie eigentlich ein Hörbuch und ein Musik-Konzeptalbum in einem bekommen. Aber wir lieben es einfach, Geschichten zu erzählen.

Habt ihr dann auch vor, euer neues Album in anderen Ländern zu veröffentlichen?

Auf jeden Fall wieder in Korea.

Wie sieht es mit Touren aus, sind weitere geplant?

Für 2007 sind wir auch zu einer Stadiontour nach Vietnam eingeladen worden. Am Ende des Jahres wird es eine Supporttour geben [vermutlich mit Subway To Sally, Anm. d. Red.]. Aber wir werden wohl in den großen Städten in Deutschland sein. Im neuen Jahr geht es dann direkt weiter mit der Vietnamtour.

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