Porträt

laut.de-Biographie

Kristof Schreuf

Kristof Schreuf gilt als hochwichtiger Vordenker der so genannten Hamburger Schule (Blumfeld, Tocotronic, Die Sterne). Einen Wikipedia-Eintrag über Schreuf aber sucht man im Jahr 2010 noch vergebens. Obwohl er damals schon zu den wichtigen Figuren im deutschen Underground-Rock zählt, sind Informationen über den Künstler, der am 1. Mai 1963 in Frankfurt am Main das Licht der Welt erblickt, noch sparsam gesät.

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Für die FAZ ist Schreuf seinerzeit "der unbekannteste und verschollenste unter den einflussreichen deutschen Popkünstlern". Was aber ist bekannt? Schreuf war Sänger und Texter der Band Kolossale Jugend, die von 1988 bis 1991 existierte und noch heute ob ihrer herausgeschrieenen Texte in einschlägigen Kreisen einen nicht eben geringen Ruf genießt. Kolossale Jugend prägen mit ihrem parolenhaften Underground-Rock eine Nische und sind Ende der 80er ihrer Zeit voraus.

Der Bandname Kolossale Jugend ist dem einzigen Album der britischen Post-Punk-Legende Young Marble Giants, "Colossal Youth", entlehnt. Die Diskografie der Band ist überschaubar: Nach dem 1989 veröffentlichten Debüt "Heile Heile Boches" erscheint mit "Leopard II" ein Jahr später auch schon das letzte Album der Kolossalen Jugend. Zum Line-Up der Band gehören neben Schreuf Christoph Leich (Schlagzeug), Klaus Meinhardt (Bass) sowie Pascal Fuhlbrügge (Gitarre).

Auf der offiziellen Webseite kolossalejugend.com kann man sich via überliefertem Tour-Blog einen Eindruck vom damaligen, wilden Konzertalltag machen (Zitat: "4 zahlende zuschauer + das tresenpersonal und der putzmann ..."), der Clip zum Song "Wohnung" kündet vom anarchistischen Charme der Band. Wie wichtig Schreufs einflussreiches Treiben für die Hamburger Schule ist, belegt nicht zuletzt ein Blumfeld-Song: Jochen Distelmeyer zitiert Schreuf im Song "Anders als glücklich": "Anders als glücklich hat Kristof Schreuf gesagt hier nochmal schriftlich von einem der laut denkt und sich sagt ich seh das ähnlich und bring es zu Papier das macht mich ehrlich und vielleicht hilft es dir."

Nach der Auflösung von Kolossale Jugend gründet Schreuf 1995 die Formation Brüllen. Zur Gruppe gehören nebst Schreuf Luka Rothmann (Bass) sowie Martin Buck (Percussions). 1997 erscheint beim Hamburger Label Buback das einzige Album "Schatzitude". Schreuf allerdings hegt auch Ambitionen im außermusikalischen Feld: 2003 gar wird er von der großen Iris Radisch (Literaturkritikerin der Zeit) für den renommierten Bachmannpreis vorgeschlagen. Beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt darf Schreuf den Text "Wahrheit ist das wovon Männer gerne behaupten, dass es ihnen um sie geht" lesen. Legendär auch das Warten auf Schreufs Buch "Anfänger beim Rocken", das damals in der "Edition Suhrkamp" angekündigt wird, aber nie erscheint.

Auch als Journalist tut sich Schreuf hervor (etwa für die Junge Welt, Spex und taz), ohne auch hier durch besondere Schnelligkeit aufzufallen. Zumindest, wenn man Max Dax Glauben schenkt, dem damaligen Chefredakteur der Spex, der konstatiert: "Kristof Schreuf war im Übrigen noch nie ein schneller, pragmatischer Anpacker. Als Journalist ist er berüchtigt, Texte zu spät abzuliefern ...".

Kristof Schreuf - Bourgeois With Guitar Aktuelles Album
Kristof Schreuf Bourgeois With Guitar
AC/DC, Neil Young und Donna Summer im Akustik-Format.

"Die famoseste Nervensäge, die die Hamburger Popmusik hervorgebracht hat" (taz) aber straft dann doch alle Nörgler Lügen: Im Frühjahr 2010 veröffentlicht Schreuf sein erstes Soloalbum, für das er teils begeisterte Kritiken einstreicht. Auf "Bourgeois With Guitar", produziert von Tobias Levin in dessen Electric Avenue Studio, zitiert sich Schreuf durch die Pop- und Rockhistorie: AC/DCs "Highway To Hell" dient ihm dabei genauso als Ausgangsmaterial wie Neil Youngs "Rockin' In The Free World" oder Donna Summers "I Feel Love". Die spärlich instrumentierten Coverversionen, die gar keine Coverversionen sein wollen, kommen so gut an, dass auch Spegel-Autor Jan Wigger konstatiert: "Die triumphale Wiederkehr eines Naturgenies".

Leider folgen diesem kreativen Ausbruch keine weiteren Veröffentlichungen. Schreuf verlegt sich wieder auf den Journalismus. Am 9. November 2022 stirbt der Songwriter im Alter von 59 Jahren überraschend in Berlin. Seine treue Labelheimat Buback ist untröstlich, auch ob der verpassten Musik: "Wir hätten gern noch so viel mehr Lieder von ihm gehabt. Immer wieder war er im Studio und puzzelte mit Tobias Levin an Songs, immer wieder haben wir darüber gesprochen. Aber dann war er wohl wieder abgelenkt, von den vielen tollen neuen Bands, die er entdeckte und für die er sich so begeistern konnte." Für Tocotronic war Schreuf "ein Vorbild und ein herzlich unbequemer Wegbegleiter (...) sein Enthusiasmus war ansteckend".

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