laut.de-Kritik

Auf dem Weg zum Pop-Star steht er sich selbst im Weg.

Review von

"An mir klebt das Glück und ich brauch' das Talent nicht. Ich hab' mich verkauft, an Kommerz-Rap verpfändet. Und feier' voll auf Koks ab im Playboy Mansion." Im einleitenden Song seines siebten Soloalbums "Erde & Knochen" macht sich Kontra K geschickt die Haltung all derer zu Eigen, die seinen Aufstieg argwöhnisch beäugen. An die ihn umkreisenden 'Motten' richtet der Berliner eine unmissverständliche Botschaft: "Nimm, was du denkst, und behalt' es in dei'm scheiß Mund. Schluck es runter und mach dich nicht so wichtig." Mit dieser klaren Ansage könnte er das Thema "giftige Schlangen", die ihre "Bastard-Fakten auf Youtube" verbreiten, eigentlich zu den Akten legen.

Stattdessen erhebt Kontra K das Getuschel hinter seinem Rücken zum Dauerthema: "Baut man was auf, wird es Stoff über den sie reden." Insbesondere in "Was Weißt Du Schon" überrascht, wie unsouverän der erfolgsverwöhnte Rapper auftritt: "Wenn ihr sagt, ihr habt mich gemacht, dann kommt doch her und macht den Scheiß besser als ich." Dabei stellt sich für den Hörer zunehmend die Frage, wen Kontra K eigentlich überzeugen möchte, wenn er insistiert: "Merkt euch, Kinder, ich bin sicher nicht durch Zufall hier."

"Ich zerschneid' mein tiefstes Inneres und teil' es in den Strophen." Zu den Stärken Kontra Ks gehört der angstfreie Umgang mit der eigenen Emotionalität, die sich auch hörbar in seinem Vortrag spiegelt. In Verbindung mit den teilweise poppigen Produktionen von Songs wie "Oder Nicht", "Fußstapfen", "Zwischen Himmel & Hölle" oder "Besser Geh" dürfte dies der Grund dafür sein, dass der Berliner über eine für Genre-Verhältnisse spektakulär breite weibliche Fanbase verfügt. Für den durchschnittlichen Rap-Hörer stellt es sich als völlig neue Erfahrung dar, wenn Kontra K bei Live-Auftritten mit der Darbietung seines freien Oberkörpers und verletzlicher Sensibilität für Kreisch-Alarm sorgt.

"Ich Hab Dich" geht von einer trappigen Strophe in einen schlager-ähnlichen Refrain über. Dabei kommt Kontra K entgegen, dass er auch ohne markante technische Hilfsmittel einen passablen Sänger abgibt. Auch seine Rap-Parts kommen nicht mit dem Holzhammer daher. Ganz im Gegensatz zu einigen Gästen, die sich eher raubeinig aufführen. Zudem scheinen sich seine Kollegen dahingehend abgesprochen zu haben, ihren thematischen Schwerpunkt auf das Urogenitalsystem zu legen. Während Fatal unter seinen Genre-Kollegen "Anus-Probleme" ausgemacht haben will, referiert Dr. Gzuz im Anatomiekurs: "Eine Pussy hat nie Eier." SSIO rundet das Thema schließlich mit Einblicken in autoerotische Stimulationsmethoden ab: "Deutsche Rapper fingern sich Minimum die Prostata."

"Blut vor Freundschaft, Freundschaft geht vor Geld", definiert Kontra K in "Fußstapfen" seine persönliche Prioritätenliste. Das "Blut" verbindet er dann etwa mit bedingungsloser Geschwisterliebe, die er in "Geschwister" an der Seite von BTNG über eine Trap-Produktion mit überschaubarer Halbwertszeit lobpreist. Geld inspiriert ihn da trotz vermeintlicher Nachrangigkeit zu den kreativeren Ergebnissen. So reflektiert er in "Hunger" gekonnt über das Wesen des Kapitals: "Du hast recht, es ist einfach nur Papier. Doch es überzeugt, es bezahlt und es schmiert. Es lässt Leute schweigen oder kooperieren. Weil diese Scheiße einfach jeden kontrolliert, funktionierts." Dazu unterstreicht der treibende, regelrechte Dance-Sound die Jagd nach dem Mammon.

Nach den beiden Nummer-Eins-Alben "Labyrinth" und "Gute Nacht" sollte sich Kontra K finanziell gut aufgestellt haben. Umso erstaunlicher, dass der Rapper in "Fame" plötzlich Mitleid für den mühsam erlangten Ruhm einfordert: "Nichts ist umsonst und erst recht nicht Erfolg." Im Anschluss an all die Predigten, den steinigen Weg zu Glanz und Gloria zu bestreiten und sich gegen Hater und Neider durchzusetzen, bemängelt Kontra K wenig schlüssig die Entbehrungen eines Star-Daseins: "Ich hoffe, du wirst niemals fame, denn erst dann merkst du, was wirklich fehlt."

"Besser geh so weit weg von mir, wie du kannst. Um mich liegt nur Asche auf Beton." Nach den omnipräsenten Kämpfen gegen seine zahlreichen Gegner, die nichts anderes im Schilde führen als ihn zu boykottieren, stellt Kontra K in "Besser Geh" selbstreflektiert fest, selbst nur verbrannte Erde zu hinterlassen. Zugleich schlägt er mit dem als Outro fungierenden Song versöhnliche Töne an: "Die Kunst ist es wohl, glücklich zu sein und nicht in allem gleich das Böse zu seh'n." Wenn es ihm gelänge, diese Regel zu befolgen und sich ganz auf sich und seine Themen zu konzentrieren, könnte Kontra K, unabhängig von der Rap-Blase, zum waschechten Pop-Star avancieren.

Trackliste

  1. 1. Motten
  2. 2. Ganz OK
  3. 3. Himmel
  4. 4. Zu Leicht
  5. 5. Oder Nicht
  6. 6. Respekt (mit Fatal)
  7. 7. Was Weißt Du Schon
  8. 8. Ellenbogen Raus (mit SSIO)
  9. 9. Setz Dich (mit AK Ausser Kontrolle und Gzuz)
  10. 10. Egal Wer Kommt (mit Bausa)
  11. 11. Fußstapfen (mit Rico)
  12. 12. Hunger
  13. 13. Geschwister (mit BTNG)
  14. 14. Fame (mit RAF Camora)
  15. 15. Ich Hab Dich
  16. 16. Zwischen Himmel & Hölle
  17. 17. Ohne Dich
  18. 18. Besser Geh

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LAUT.DE-PORTRÄT Kontra K

"Der Hund ist des Mannes bester Freund." Heißt es ja so schön. Ein Hund ist vor allem eines: loyal. Gibts nicht mehr so oft, im frühen 21. Jahrhundert.

4 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor 5 Monaten

    "Kopf hoch, Homäh"-Motivationsrap ala Curse/Azad, nur (noch) uncooler.

    Aber der SSIO-Track wird gecheckt.

  • Vor 5 Monaten

    Hm, zumindest der Track mit SSIO ist echt ganz stabil, obwohl oder gerade weil Kontra mit seinem Singsang-Flow auf dem typischen AON-Beat etwas wie Mos Def klingt, hat was.

    Hach, da wünsche ich mir aber direkt wieder ein neues SSIO-Albung :(

  • Vor 5 Monaten

    Über Jahre auf jedem Album dasselbe zu erzählen und trotzdem alljährlich drölf Songs damit zuzukleistern ist natürlich schon eine gewisse Leistung, auch mag ich selbstverständlich Kontra mit seinem einzigartigen Organ. Dazu der hell raisa Legendenstatus und eine gute Höratmosphäre im Allgemeinen

    Doch was als interessante Abrechnung/Auseinandersetzung mit der Kritik an seinem Schaffen beginnt, verfängt sich zunehmend in einen wüsten Gedankenbrei zu weitesgehend träger Untermalung. Sein manchmal bizarrer und gleichwohl großartiger Beatgeschmack wird ein ums andere Mal auf die Probe gestellt und so wechseln sich wiedermal gelungene, stimmungsvolle Melodien mit üblen Rohrkrepieren ab. Die Features liefern solide (Fatal,Rico, Btng) bis langweilige B-Seitenware (Bausa, Raf) ab, mit der einen oder anderen kleinen Überraschung wie einem launigen Ssio-Feature bei dem der ansonsten durchaus ernste Kontra wie ein Spielverderber auf dem beliebigen Oldschoolteppich wirkt.

    "Setz Dich" ist einer dieser typischen Brecher in Atmo und Sounddesign, die ihn ausmachen und setzt wieder auf einen passablen AK, dessen Bekanntsheitsgrad sich mir immernoch nicht so richtig erschließen will. Gzuz wirkt verheizt.

    In punkto emotion war er auf dem vorherigen Album etwas ungezwungener und direkter unterwegs. Hier wirkts doch mehr als eine Spur Reißbrett und Lückenfüller. Die Schlusstracks fallen so im Vergleich deutlicher ab.

    Die paar guten und wirklich gelungenen Tracks kann man sich wie immer rauspicken. aber dafür brauchts kein ständiges Update. Auf Albumlänge leider langweilig

    Was ihm fehlt sind nicht andere Texte, sondern schlicht flächendeckend gute und spannende Produktionen, auf denen er seine Stärken der Stimmungsmusik voll ausspielen und somit die lyrische Monotonie eleganter umschiffen kann.

    • Vor 5 Monaten

      unterstreich ich so. kontra k irgendwie stabiler typ, kannste nicht haten. musik halt trotzdem langweilig (mittlerweile).

    • Vor 5 Monaten

      true.mehr gibts nicht zu sagen...evtl. kehrt er ja nochmal kurzfristig um und released was untergrundiges über depeka!?

    • Vor 5 Monaten

      Könnt ihr mal Anspieltipps geben, wenn einem "Chrome & Crime" gefallen hat? Motivationsgelaber geht mir null rein, so "Berlin Untergrund"-Raps (mit entsprechendem Flow und möglichst auch entsprechender Thematik) würde ich gerne mehr von ihm hören, habe aber gerade nicht die Muße, mich durch seine Diskografie zu arbeiten. #genrefirmesupportengenrefremde

    • Vor 5 Monaten

      12 runden!

    • Vor 5 Monaten

      Ja, sein letztes komplett uneingeschränkt zu empfehlendes Album. Sicher wird auch dort etwas motiviert, aber die Tracks sind real, deep und vielseitig

      "Generation Crack" ist eine verdammt ehrliche Hymne oder auch die Tracks mit Bones oder Skepsis. "Eigentlich" hat wunderbare Zeilen und Vibe.
      Seitdem kopiert er die Lines eigentlich nur noch ;)

    • Vor 5 Monaten

      Kann mit "12 Runden" leider auch schon nicht mehr viel anfangen. "Dobermann" geht mir persönlich mit am besten rein von ihm.

      Hier ein YT-Link zum kompletten Album:

      https://www.youtube.com/watch?v=lR8EyzdOB8…

      Ansonsten halt die ganzen Tracks mit Skinny Al, die aber in der Qualität stark variieren.

    • Vor 5 Monaten

      https://www.youtube.com/watch?v=Kp0R-nw_Qa…

      Der Track mit Bonez und Skinny ist z.B. ein übles Brett. Gerade auch, wenn man beachtet, dass Bonez Features anno 2010 mehr als rar waren und die Rechnung auf dem Track wunderbar aufgeht.

  • Vor 5 Monaten

    Ganz schlimmer Poprap...war aber nie besser , nur anders