laut.de-Kritik

Die Dreiviertelstunde wird zur Achterbahnfahrt.

Review von

Obwohl Kobito bei TickTickBoom ein zweites Zuhause gefunden hat, mit Sookee als Deine Elstern musikalisch aktiv ist und Zeckenrap auf "Schlechter Scherz" unterhaltsam auf die Schippe nimmt, greift diese Genrebezeichnung doch etwas zu kurz. Die 12 Songs und drei Skits von "Für Einen Moment Perfekt" halten neben bissiger Kritik an sozialen und politischen Missständen melancholische Selbstreflexion, Humor und sogar massentaugliche Pop-Momente bereit.

Wenn Kobito in "Uhrzeigersinn" von Alltagstrott und Vergänglichkeit, verfehlten Zielen und verpassten Chancen erzählt, wird schon beim ersten Track deutlich, was den Berliner auszeichnet: Nüchtern, aber eindringlich, einfach, aber bildgewaltig, kritisch, aber ohne erhobenen Zeigefinger reflektiert er über die Sehnsucht nach besseren Zeiten ("Warten Auf Die Sonne"), alkoholgeschwängerte Nächte ("About Blank") und seinen eigenen Werdegang.

Obwohl seit einer Dekade musikalisch aktiv, die einem schon mal wie "100.000 Kilometer" vorkommen können, hat der 30-Jährige nie einen festen Platz in der Deutschrap-Szene gefunden. Nicht weil es ihm an Talent und Muße fehlen würde - sondern weil er nie danach gesucht hat. Abseits von Twitter-Beefs und Kollabos mit dicken Fischen haben sich die rund 20 Künstler und Künstlerinnen von TickTickBoom ihre eigene kleine Nische erschaffen und ziehen nur selten die Aufmerksamkeit der Fachpresse auf sich.

Dass sie diese durchaus verdient hätten, stellen Kobitos Feature-Partner unter Beweis, allen voran Amewu und Spezial-K. Letzterer steuert einen wutgeladenen Part zu "The Walking Deutsch" bei, das mit rund 155.000 Youtube-Klicks in Zeckenrap-Gefilden als viraler Hit bezeichnet werden darf. Die Single erschien im Herbst vergangenen Jahres, während die mediale Aufmerksamkeit bezüglich Pegida ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte:

"Versteckte Symptome der Wut, und sie tun besorgt / Wer Hilfe sucht, wird verflucht, sie jagen ihn fort / Taub für jede Antwort, aber wollen alles fragen dürfen / Sie wollen nichts hören, aber alles sagen dürfen / Sie sind unsere Geister von gestern, von heute und von morgen / An der Seite, Angst vor tausend Jahren, sie ist nie gestorben / Spucken Blut, voller Wut, denn sie sind das Volk / Werden mehr, kommen näher - The Walking Deutsch."

Mit Zwille und Steinen kommt man gegen derlei Schrecken vermutlich nicht an. Aber die gelungene Verflechtung zweier populärer und doch so unterschiedlicher Themen stellt ein ums andere Mal Kobitos lyrische Qualitäten unter Beweis. Die kommen – einen verwandten Sachverhalt betreffend – auch in "Stadt Der Freiheit" zum Vorschein.

Der Berliner verfügt vielleicht nicht über eine übermäßig außergewöhnliche Stimme oder Raptechnik. Doch die geschickte Platzierung der inhaltlich und auch musikalisch so verschiedenen Tracks – Mistermos und Riffsns Bandbreite reicht von Uptempo-Nummern über atmosphärische Balladen bis hin zu oldschooligen Boombap-Nummern – tröstet über die eine oder andere plakative Bemerkung hinweg. So wird die Dreiviertelstunde mit Kobito am Ende zur wahren Achterbahnfahrt.

Trackliste

  1. 1. Uhrzeigersinn
  2. 2. Stadt Der Freiheit
  3. 3. Warten Auf Die Sonne
  4. 4. Fluch Der Akribik
  5. 5. About Blank
  6. 6. Werbetexter
  7. 7. Schlechter Scherz
  8. 8. The Walking Deutsch
  9. 9. Aus Papier
  10. 10. Dorine Niezing
  11. 11. Alles In Bewegung
  12. 12. Hausmeister
  13. 13. 100.000 Kilometer
  14. 14. Die Nacht
  15. 15. Freier Fall

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"Was ist ein Musiker heutzutage, wenn nicht eine Kombination aus Bild und Ton?", fragt der Berliner "Zeckenrapper" auf seiner Homepage. Nur logisch also, …

2 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    "taub für jede Antwort, aber wollen alles fragen dürfen / Sie wollen nichts hören, aber alles sagen dürfen" weil kobito und die anderen zeckenrapper auch so tolerant sind für meinungen, die von ihrem weltbild abweichen :koks:

    "Werden mehr, kommen näher - The Walking Deutsch." keine ahnung. ich weiss nicht wo kobito lebt. aber wenn ich hier bus fahre, sehe ich deutsche mütter mit einem vllt höchstens zwei kindern. diejenigen mit dunklerer hautfarbe hingegen haben im schnitt drei bis vier blagen. und einen kinderwagen mit säugling. ich weiss nicht, wie der da auf "Mehr werden" kommt :suspect:

    • Vor 3 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 3 Jahren

      Das ist natürlich völliger Humbug. Ein Unrecht rechtfertigt kein anderes, zumal das andere Unrecht nicht mal als solches zu bezeichnen ist, weil es hier darum geht, dass intolerante Vollschmocks zurecht angeprangert werden. Und das hat ja nichts mit Intoleranz zu tun, hinter der man sich als Angesprochener ohnehin nicht verstecken sollte, wenn man sich aus unbegründeten Ängsten unliebsamen Mitmenschen entledigen möchte. Mit "Zeckenrap" hängt das also weniger zusammen :)

    • Vor 3 Jahren

      nein. es stimmt schon. nur du bist halt genau so verblendet und umerzogen. aber da kann ich auch nichts ändern.
      aber schön, dass du die deutungshoheit hast, was wann unbegründet ist :)
      ich hör hin und wieder die "spuck auf rechts" lieder- wahrharft gelebte toleranz. wirklich. und alleine der ganze hate und die schmähungen gegen die afd
      ich gönn kobito schon seine meinnug. der kann gerne hier neger importieren wollen, bis er selber schwarz wird. aber er muss auch damit leben, dass es eben leute gibt, die das nicht wollen. und das kann von den zeckenrappern kaum einer.
      und weil die zahl derer, die das nicht wollen, größer wird, wächst der hate.
      memo an rande, wenn "Blutbanner" ein lied über "walking deutsch" aus der gegenperspektive schreiben, klopft der staatsschutz an.

  • Vor 3 Jahren

    Finde es gut, dass der Künstler sich mit dem hoffentlich unironischen Begriff "Zeckenrap" klar seiner Selbst bewusst positioniert, so dass ich direkt weiß, woran ich bin und mich nicht näher mit ihm beschäftigen muss.

    Die Idee mit "Walking Deutsch" und so war ja z.B. ganz nett. Aber hätte mir da eher eine neutrale Herangehensweise gewünscht, vielleicht sogar aus der Sicht eines Anhängers. Mit so Politstatementsongs kann ich absolut nichts anfangen, war schon beim Thema Amokläufe so schlimm. Da könnte man sich noch viel von anderen Genres abschauen, in denen solche Themen subtiler und kunstvoller erschlossen werden. Wenn natürlich auch dort sehr selten, sollte klar sein.