laut.de-Kritik

Escape statt Copy/Paste.

Review von

"Jetzt oder nie ist die beste Reisezeit", denkt sich Keno völlig zurecht. Er bahnte sich zwischen anstrengenden Moop Mama-Touren seinen Weg von Istanbul durch Osteuropa nach München zurück. Die Erfahrung des Reisens ließ ihn zwar seine Akkus wieder aufladen. Zugleich nährte sie aber auch die Wut: Seinen Unmut über die Profit-gesteuerte Gesellschaft, über Zustände bei der Essensproduktion und scheinbar willkürlich gezogene Grenzen kanalisiert er in "Paradajz Lost".

Dass es sich dabei um ein Wortspiel handelt, erkennt man erst auf den zweiten Blick - oder mit Kroatisch-Kenntnissen: 'Paradajz' heißt Tomate. Keno erklärt den Albumtitel im Interview: "Diese Thematik der verlorenen Tomate hat mich auf Reisen irgendwie verfolgt. Dann habe ich damit begonnen, den gleichnamigen Song zu schreiben. Darin geht es ja auch um Essen bzw. um die Produktion desselben. Als ich einige Songs fertig hatte, ist mir aufgefallen, dass sich die Thematik von Paradies bzw. Religion durch das Album zieht. Der Titel beschreibt den Inhalt des Albums sehr gut."

Damit steckt sich der Moop Mama-Frontmann sein Themenfeld großflächig ab. Im Kleinen zu denken, ist eh nicht sein Ding. Das große Ganze zu begreifen, die weite Welt sehen und sich davon inspirieren lassen: Dieses Streben lugt immer wieder schüchtern zwischen den Zeilen hervor. "Ich komme erst zurück, wenn ich wieder höre, sehe, fühle", schließt er im einleitenden "Backpacker". "Nix planen, mal wieder nach dem Weg fragen, keine Maps googeln." Keno ging in die Welt hinaus, um wieder echtes Vogelgezwitscher zu hören, abseits von "Terminen in Excel-Tabellen auf Mac-Rechnern. Escape statt Copy/Paste."

In dem, das der Münchener rappend beschreibt, dürften sich viele Reisende wiederfinden. Das Bedürfnis, wegzukommen, die Welt mit anderen Augen betrachten, Dinge sehen, wie sie sind, Unterschiede erkennen, Wertschätzung für Kulturen und anders denkende Menschen, die Umwelt, der von der Industrie geforderte lückenlose Lebenslauf: Keno spricht all das an und damit vielen Backpackern aus dem Herzen.

Von Weitem sieht manches ganz schön entfernt aus. Keno jedoch schaut auch aus der Ferne ganz genau hin und erkennt ein Konsumverhalten, das den Homo Sapiens Sapiens zum Schnäppchen-Jäger und Punkte-Sammler degradiert. "Digitale Freunde, analoger Käse." Er zeichnet ungewohnt wütend einen "Kreislauf" nach, in dem man die Scheiße der Fast-Food-Ketten in sich hineinfrisst und sich nach dem Kacken mit dem Sanifair-Bon noch mehr davon kaufen soll.

Die Produktion stammt ausschließlich von Flying Pussyfoot, der die von Keno mitgebrachten Samples verarbeitet. Den türkischen psychedelischen 70er-Jahre-Rock mit orientalischen Einflüssen zerschnippelt er gekonnt und setzt die einzelnen Bausteine mit Samthandschuhen wieder zusammen. Die sanften, stimmungsvollen Boom-Bap-Beats passen ausgezeichnet zur Reise-Thematik. Keno lässt dem Produzenten-Neuling die Freiheit, ein reines Instrumental auf der bereits recht kurzen Track-Liste zu platzieren.

Zehn Songs: Manchmal braucht es einfach nicht mehr, und es ist alles gesagt. Unzählige Kollegen Kenos sollten sich davon eine fette Scheibe abschneiden.

Die Chronologie startet beim erwähnten Drang, in die Welt zu ziehen und deren Missstände zu erläutern, und endet im verträumten "Per Anhalter", mit dem Keno und seine Hörer wieder zu Hause ankommen. "Meine Erfahrung ist die Tochter vieler Vaterländer." Er zieht Schlüsse, weiß, dass man nie da ankommt, wo man hinwollte, und dass ein Plan auch schief gehen kann. So endet nach einer starken halben Stunde eine Reise, auf die man immer wieder aufs Neue gehen möchte.

Trackliste

  1. 1. Backpacker
  2. 2. Über Den Wolken
  3. 3. Der See
  4. 4. Pij
  5. 5. Wie Sie Sind
  6. 6. Geschlossene Gesellschaft
  7. 7. Interlude
  8. 8. Paradajz Lost
  9. 9. Kreislauf
  10. 10. Per Anhalter

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1 Kommentar mit 2 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Zitat "Diese Thematik der verlogenen Tomate ... " Zitatende
    "lost" heißt bei immer noch verloren, nicht verlogen... oder hab ich einfach ein wortspiel nicht gerallt....?

    • Vor 3 Jahren

      Vielleicht wollte er nur auf "die Tomate/das Paradies" aus dem Albumtitel eingehen und bezeichnet sie/es im Zuge dessen als verlogen - losgelöst also vom Albumtitel als ganzes.
      Mag aber auch einfach n Tippfehler sein verlogen / verloren
      ...
      Oder Dummheit :)

    • Vor 3 Jahren

      nene, schon ein Tippfehler... Sorry *hust*