laut.de-Kritik

Handgemacht von fremder Hand.

Review von

Puh. Kelly-Mania. Releaseflut. Weihnachtsgeschäft. Keine Frage, bis zu einem gewissen Grad wirkt es, als rezensiere man nach "We Got Love" und "We Got Love Live" hier zum dritten Mal denselben Quark.

Zeit für einen anderen Blickwinkel: Wer nicht einfach nur ein Weihnachtsgeschenk für Mutti sucht, sondern sich tatsächlich von den Live-Qualitäten der wiedergeborenen Familienklitsche überzeugen mag, ist mit "We Got Love – Live At Loreley" wohl ganz gut bedient. Das zweite Konzertrelease ist wesentlich klarer gemischt als der Live-Vorgänger, der Fokus bleibt freilich immer schön auf dem Gesang.

Den Nostalgikern vor der Loreley-Bühne ist das recht. Auch wenn aus Stehplätzen mittlerweile Sitzplätze geworden sind: Sie sind gekommen, um die Kellys zu sehen. Gekommen, um die Lieder ihrer Jugend zu singen. Dafür campen sie auch zwanzig Jahre später gerne noch einmal vor der zweifelsohne zeitlosen Loreley-Kulisse. "Uns fehlen die Worte, weil ihr seid auch nicht mehr 14", kommentiert Patricia Kelly. Recht hat sie.

Und auch die Kellys sind nicht mehr die Jüngsten. Waren sie aber mal – das lässt sich der der Deluxe Edition beiliegenden Loreley-DVD von 1995 ganz genau entnehmen. Was man dort sieht: Eine neunköpfige Familie, die ihre folkigen Gute-Laune-Melodien ohne externe Unterstützung auf die Bühne bringt. Neu-Schlager-Queen Maite Kelly am Bass, Solomusiker Paddy als Showmaster und Multiinstrumentalist. Selbst war die Family.

Da es dem gemeinen Kelly-Fan selbstverständlich auch heute insbesondere um Stimmen und Stimmungen geht, soll die Verpflichtung von Berufsmusikern ja auch freilich okay gehen. Warum auch angesichts ausgebuchter Arenatourneen auch ein Risiko eingehen? Die Bezeichnung "Gastmusiker" für die musikalisch meist die Gesamtverantwortung tragenden Profis im Hintergrund kommt natürlich dennoch irgendwo dreist daher.

Die DVD zeigt das Kelly-Prinzip im Jahr 2018 ganz deutlich: Ein bis zwei Leadstimmen pro Song, die anderen Geschwister meist an Akustikgitarren geklammert. Lautstärke selbiger häufig gegen Null. Durchgehend abliefern tut eigentlich nur Vollblut-Rampensau Angelo, der die Drums übernimmt – und das mehr als solide.

Bei allem Schmäh zeigt "We Got Love – Live At Loreley" als direkter Vergleich zwischen den Jahren aber dennoch eines: Die Folk-Pop-Rock-Kompositionen sind in Teilen durchaus gut gealtert – und klingen 2018 wesentlich frischer und aufgeräumter. Ohne radiotauglichen Pop-Rock kann man sich die Welt ja ohnehin nicht mehr vorstellen. Und angesichts dessen kommen Neunziger-Hits wie "Nanana" und "Thunder" irgendwie eben doch wesentlich gehaltvoller und handgemachter daher als "Radioactive" und "Fairytale Gone Bad". Auch wenn diese Musik eben mittlerweile andere Hände machen.

Der akustische Mittelteil des Konzerts hingegen gestaltet sich wesentlich interessanter – und für den Großteil der voreingenommenen Leserschaft wohl auch sicher (noch) unerträglicher. Hier musizieren die Kellys teils gänzlich eigenständig – und zwar in feinster vorzeitlicher Straßenmusiker-Manier. Ob vor den Neunzigern alles besser war, sei einmal dahingestellt, das generische "Let It Be"-Cover ist aber natürlich mit keinem Nostalgierausch der Welt zu entschuldigen.

Dafür kann dann aber noch einmal Kathy Kelly als gelernte Opernsängerin in alten Folk-Traditionals wie "Sick Man" "The Rose" und "Only Our Rivers Run Free" glänzen. Eigens gespielte Flamenco-, Geigen- und Akkordeon-Soli zeigen, dass hier wohl so einiges an alter Stärke zu schlummern scheint. Leichte Setlist-Variationen im Vergleich zur letzten Platte machen sich an dieser Stelle zumindest bezahlt.

Aber da drängt er sich dann eben wieder an die Oberfläche, dieser Reizfaktor: Knallbunte Outfits, religiös anmutende Zwischenrufe und eine Limited-Edition-Verpackung in Kelly-Bus-Optik. Auch wenn die Instagram-Filter-Romantik des Artworks darüber hinwegtäuschen mag – diese Reunion-Tournee hat einen ganz großen, mutigen Pluspunkt: Denn die Kelly Family bereut nicht. Warum auch? Am lautesten schreien ja letzten Endes eh nur diejenigen, die sich letzten Freitag im Irish-Pub noch selbst zu "Wearing Of The Green" und ähnlichem Liedgut besoffen haben.

Trackliste

  1. 1. Thunder
  2. 2. No Lies
  3. 3. I Can't Help Myself
  4. 4. Come Back To Me
  5. 5. Why Why Why
  6. 6. Imagine
  7. 7. First Time
  8. 8. Key To My Heart
  9. 9. Fell In Love With An Alien
  10. 10. Father's Nose
  11. 11. Red Shoes
  12. 12. We Got Love
  13. 13. Loch Lomond
  14. 14. The Rose
  15. 15. Let My People Go
  16. 16. Let It Be
  17. 17. When The Boys Come Into Town
  18. 18. Keep On Singing
  19. 19. Sick Man
  20. 20. Drum Solo
  21. 21. Please Don’t Go
  22. 22. The Wolf
  23. 23. Cover The Road
  24. 24. An Angel
  25. 25. Only Our Rivers Run Free
  26. 26. Dan O'Feefes (Irish Jig)
  27. 27. Wearing Of The Green
  28. 28. Good Neighbor
  29. 29. Nanana
  30. 30. Take My Hand
  31. 31. Who'll Come With Me (David's Song)
  32. 32. Brothers And Sisters

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