laut.de-Kritik

Das Ende der Illusion einer heilen Welt.

Review von

Um den Elefanten ganz schnell aus dem Raum zu bugsieren: Ja, jeder, der dem Output von Mike Skinner aka The Streets auch nur ein wenig abgewinnen kann, hat mit dem neuen Longplayer von Kate Tempest seine helle Freude. Damit hat sich das auch erledigt. Die Lyrikerin aus Südlondon hat mehr als verdient, von ihren Vorgängern losgelöst behandelt zu werden. Mit "Let Them Eat Chaos" veröffentlicht sie einen musikalischen Roman mit 13 Kapiteln und entledigt sich aller Vergleiche.

Auf ihrem zweiten Album verfrachtet Kate Tempest die in Europa herrschenden Missstände in die intimen Umgebungen von Londoner Appartements und erzählt eine bildgewaltige Geschichte von urbaner Einsamkeit, Entfremdung, Ratlosigkeit und schlaflosen Nächten in den Ameisenkolonien, die wir Großstädte nennen. Dabei verfällt sie keinesfalls in politische Brandreden, sondern zeigt auf, dass die großen Krisen der Welt für ein winziges Zahnrad in der Maschinerie kaum greifbar erscheinen.

Die Metropolen des Kontinents atmen und pulsieren wie gewohnt, doch etwas scheint in ihren Eingeweiden zu faulen. "People are dead in their lifetimes / Dazed in the shine of the streets / But look how the traffic keeps moving / The system's too slick to stop working", beobachtet sie in "Europe Is Lost". Der Brexit, die Angst vor Terror, der immer größer werdende Einfluss von Rechtspopulisten in Europa und die soziale Vereinsamung trotz Facebook und Tinder: Tempest raubt dem westlichen Wohlstandsbürger die Illusion einer heilen Welt.

Erzählerisch geschieht das aus der Sicht von sieben ganz verschiedenen Menschen, die jedoch eine Gemeinsamkeit teilen: Sie alle finden um 04:18 Uhr morgens keinen Schlaf. Da gibt es Pete, der sich als Bühnenbauer für Live-Events über Wasser hält, seinen Lohn aber regelmäßig auf Sauftouren verbrät. Volltrunken versucht er, seinen Schlüssel in das Schloss der Wohnungstür seines Vaters zu fummeln, während Bradley in einem anderen Appartement wach liegt und sich fragt, warum zum Teufel er kein Auge zubekommt.

Wie schon auf dem Vorgänger "Everybody Down" und in ihrem Buch "Worauf du dich verlassen kannst" erschafft die 30-Jährige lebendige Szenen, die sie mit so vielen Details ausschmückt, dass man sich tatsächlich in eine schummerige Bude mit kaputten Jalousien versetzt fühlt.

"Let Them Eat Chaos" setzt ein Ausrufezeichen in Sachen Storytelling. Tempest beleuchtet im Verlauf des Albums die verschiedenen Figuren, um am Ende die einzelnen Handlungsstränge im elektrisierenden Finale "Tunnel Vision" zusammenzuführen. Zu sehr darüber ins Detail zu gehen, käme einem dicken Spoiler aktueller Netflix-Serien gleich, weshalb jeder selbst die Episoden der verlorenen Londoner Seelen erleben sollte. Vom "perfekten Kaffee" der immer gleichen Ketten im fremdg ewordenen, gentrifizierten Viertel ("Perfect Coffee") bis zur Unfähigkeit zu lieben ("Grubby"): Kate Tempest beschreibt die Ängste und die Verzweiflung einer Generation, die ständig nach Erfolg strebend im Überfluss lebt und sich dennoch emotional leer fühlt.

Auch musikalisch steht die Lyrik von Kate Tempest klar im Vordergrund. Immer wieder holen die Beats Luft, um den Texten Raum zu geben. Im Intro "Picture A Vacuum", mehr Spoken Word als Hip Hop, beschreibt Tempest die Weiten des Alls, in dem unsere Erde elliptisch um die Sonne kreist. Von einem unendlich weit entfernten Punkt zoomt ihre Geschichte in die Wohnungen der sieben Protagonisten. Die unvorstellbare Bedeutungslosigkeit des Einzelnen wiegt dadurch noch schwerer.

Setzen die Beats ein, begleiten sie Tempests Verse meist kühl, aber nachdrücklich. Das industrielle Hämmern aus "Europe Is Lost" lässt an rauchende Schornsteine und ununterbrochene Fließbandarbeit denken. Dagegen wirkt der flirrende Synthie in "Tunnel Vision" fast schon versöhnlich. Ein Weckruf aus dem betäubten Alltag.

Die Produktion stellt sich nicht als Dreingabe zu Kate Tempests Texten hinten an, sondern verstärkt den roten Faden, den die Britin spinnt, immens. Das macht auch der Song "Pictures On A Screen" deutlich, der die Story von Bradley erzählt. Er windet sich trotz aller Vorzüge im Leben schlaflos in seinem Bett. Der warme Ambient-Sound spiegelt die Stimmung, die entsteht, wenn man nachts am Fenster steht, auf eine Häuserreihe voller dunkler Zimmer blickt und nur das eigene Licht noch brennt.

"Let Them Eat Chaos" ist eines dieser Alben, von denen man schwärmt, aber bestenfalls zwei Titel namentlich nennen kann, da das Ding immer in einem Rutsch durchläuft. Ein lyrisch wie musikalisch geschlossenes Werk, das trotz aller Komplexität mit einer recht simplen Botschaft daherkommt: "Wake up / And love more."

Trackliste

  1. 1. Picture A Vacuum
  2. 2. Lionmouth Door Knocker
  3. 3. Ketamine For Breakfast
  4. 4. Europe Is Lost
  5. 5. We Die
  6. 6. Whoops
  7. 7. Brews
  8. 8. Don't Fall In
  9. 9. Pictures On A Screen
  10. 10. Perfect Coffee
  11. 11. Grubby
  12. 12. Breaks
  13. 13. Tunnel Vision

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