laut.de-Kritik

Ein Tohuwabohu aus Aggro-Bangern, Liebes-Gesülz und Emo-Trap.

Review von

In einer Ära monotoner Ein-Trick-Deutschrapalben, tut es eigentlich ganz gut, mal wieder ein richtig chaotisches Projekt zu hören. Nach seinem aggressiven Durchbruchs-Hit "KK" war Kasimir1441 wohl der am schnellsten vom Untergrund in den Mainstream durchgereichte Rapper aller Zeiten und durfte kaum ein paar Monate später mit dem Nummer Eins-Hit "Ohne Dich" so richtige Radio-Luft schnuppern. Sein Debütalbum "Eya" versucht nun, beiden Demographien gerecht zu werden und würfelt eine Tracklist aus Aggro-Bangern, Liebes-Gesülz und Emo-Trap. Es ist ein ziemliches Tohubawohu und Kasimir wirkt darin manchmal wie ein werdendes Pop-Genie und manchmal wie der inkompetenteste Trottel der Welt. Nur eines ist sicher: Langweilig wird er nicht.

Warum sich auch auf einen Charakter einigen, wenn man alles mögliche vorlegen kann? Im Laufe von "Eya" begegnen uns viele Kasimirs: Uns begegnet der gemeine Straßen- und Wiesen-Kasimir, der auf Songs wie "Bis Es Klappt" oder "Wo Ist Kasimir" halb-authentischen Tough-Talk ableistet. Wir treffen den tiefschürfenden Sadboy-Kasimir, der auf Songs wie "Birthday" oder "Tattergreis" versucht, Lebensweisheit und Emotion zu verbreiten. Schließlich begegnet uns noch der in Plastik geschlagene Pop-Kasimir, der runde Gesangshooks auf glatten Pop- oder Dancehall-Beats darbietet. Und auch, wenn man ihm abnimmt, dass all das Facetten derselben Person sind, machen die alle zwei Minuten einsetzenden Stimmungsschwankungen das Pacing etwas stressig.

Die schrägste Song-Abfolge kommt im Mitteteil: Auf den liebestollen, radio-freundlichen Pop-Hit "Gedicht" mit gesäuselter Hook und BHZ-Feature kommt der Titeltrack "Eya" mit cringy "Bitches ain't shit"-Kredo ums Eck und packt etwas zu stolz Lines wie "deine Schlampe feiert mich so sehr, sie macht sich ein Tattoo" auf den generischen Beat. Vielleicht gibt es Sinn, dass daraufhin "FDK" (kurz für "Fick den Klassenlehrer") daran erinnern soll, dass Kasimir offenbar 13 Jahre alt ist. Denn selbst zwei Wochen nach der Mittelstufe wäre dieser Lil Pump-Gedächtnis-Song, diese Folge Typisch Andy für TV Straßensound, jeder Matschbirne peinlich gewesen.

Dann stehen also Songs wie dieser, auf dem er über Hausaufgaben abledert, gegen ein gutes Stück Songs, auf denen er die tiefschürfenden Härten des Lebens beschreiben will. Und manchmal, da beschleicht einen das leise Gefühl, dass Kasimir einfach nicht der klügste Mensch der Welt ist. "Birthday" zum Beispiel entdeckt im melodramatischsten Tonfall die Tatsache, dass Menschen verschieden wohlhabend sind. "Der Junge weint, er bekommt das falsche Auto (Fuck, Mann) / Der andere weint, weil er nichts bekomm'n kann, ey (Ey, fuck)" und gipfelt in der poetischen Line "Mama kann es ihm nicht zurecht machen / Aber Mama weint viel mehr, als er, wenn er sagt / 'Du kannst es mir nicht zurecht machen'". Ja.

Und das gemeine ist: Egal, wie hirnrissig der Text von "Birthday" auch sein mag, es funktioniert trotzdem ein bisschen. Vor allem deswegen, weil Kasimirs Stimmeinsatz so intensiv und drüber ist, dass man ihm die Emotionen abnimmt. Wenn er "Oh happy day, oh happy day" singt, dann killt die Hook, genau wie sie es auf "Ohne Dich", "Gedicht" oder "Wein Für Mich" tut. Selbst Lines wie "Ich hab' keine Tochter, die Melodie heißt / Aber wenn ich eine hätte, schwör' ich auf Melodie, fuck" will man dem Jungen verzeihen, weil seine Vocals einfach dermaßen gut klingen.

Wirklich ungenießbar wird das Album nur an den Stellen, an denen er so richtig hirnlose Banger machen möchte. "Riba" zum Beispiel macht Trap mit mexikanischem Sample und einer Hook, die wieder und wieder "Arriba" auf "Tequila" reimt und ist in etwa das Äquivalent davon, beim Dorfdisco-Karneval mit Poncho, Sombrero und aufgeklebtem Schnauzer rumzulaufen. Unangenehm. Das Kool Savas-Feature ist in der Tat "Uninteressant" und auf manchen Songs haben sehr unterwältigende Gastbeiträge wie von Chapo102 oder von $oho Bani deutlich mehr Spielzeit als der Gastgeber.

Ein bisschen erinnert "Eya" an die XXXTentacion-Alben vor dessen Tod: Auch die waren von vorne bis hinten mit inkohärent zusammengewürfelten Songkonzepten voll und zeigten einen übertalentierten Typen, der es einfach nicht zustande bekommt, sich auf einen Sound zu fokussieren und diesen großartig zu machen. Kasimir teast Großartigkeit in einer ganzen Stange Disziplinen, aber unterwandert die mit so viel Blödsinn, schlechten Lines und komischen Song-Entscheidungen, dass man das Gute im Album nicht für sich sehen kann.

In seinen besten Momenten ist er eine stimmliche Abrissbirne und schreibt Hooks, die in Pop- und Rap-Kontexten herausragen. Aber dazwischen liegen komplette Rohrkrepierer wie "Riba" oder "FDK", eine ganze Stange mieser Features und ein wirres Pacing. Dass Kasimir ein Riesentalent ist, daran besteht nach dieser Platte kein Zweifel. Man kann nur hoffen, dass sein nächstes Album ein bisschen mehr Zeit für Konzipierung und Fokus verwendet.

Trackliste

  1. 1. Bis Es Klappt
  2. 2. Wo Ist Kasimir (feat. WILDBWOYS)
  3. 3. Birthday
  4. 4. Wein Für Mich (feat. WILDBWOYS)
  5. 5. Gedicht (feat. Monk & Ion Miles)
  6. 6. Eya
  7. 7. FDK (feat. WILDBWOYS)
  8. 8. Spiel Ein Spiel
  9. 9. Riba (feat. Diloman & WILDBWOYS)
  10. 10. Ohne Dich (feat. Badmómzjay & WILDBWOYS)
  11. 11. Kaputt
  12. 12. Innerlich Zerbrochen
  13. 13. Tattergreis (feat. $oho Bani)
  14. 14. Uninteressant (feat. Kool Savas)
  15. 15. Lauf Los (feat. Lauin)
  16. 16. Melodie
  17. 17. 1,50 (feat. Chapo102)

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