laut.de-Kritik

Es ist unmöglich, einen Kaizer zu übersetzen.

Review von

Eigentlich ist die norwegische Sprache gar nicht so schwer zu verstehen. Nimmt man zum Beispiel die Platte von Kaizers Orchestra "Maskineri" hat man schon eine Vermutung, was die Norweger damit wohl meinen könnten. Genau, "Maschinerie", wird auch wie das deutsche Wort ausgesprochen. Aber natürlich ist das nicht immer so einfach und der Cheftexter der Kaizers, Janove Ottesen, ist auch der Meinung, dass man seine kleinen Geschichten, wenn überhaupt, nur im Original richtig verstehen kann. Na, dann mal los zum VHS-Kurs.

Kaizers Orchestra singen also traditionsbewusst auf Norwegisch. Dennoch findet man auf der offiziellen deutschen Fanpage (www.kaizers.de) die Übersetzungen und wenn man die mal durchliest, fragt man sich nur, meint der Janove das wirklich so? Klingt doch irgendwie seltsam. Nehmen wir zum Beispiel mal das Titelstück "Maskineri". Da heißt es: "Das Wasser steht bis zu den Knien, mein Boot hat ein Loch, ich stecke mein Holzbein hinein." Hmm, dann lieber gar nichts verstehen. Der Beat des Songs stammt übrigens von einer alten Maschine. Janove hörte diesen Sound eines Tages in seiner Heimatstadt Bergen und war sehr inspiriert davon. Sofort wurde dieses massive Teil aus dem 18. Jahrhundert gesampelt, mehrfach geloopt und in das Stück eingebaut.

2003 rockten bereits die Kaizers mit ihrem Debüt Ompa Til Du Dor auch bei uns die Bühnen. Eine wilde Mischung osteuropäischer Traditionen mit Bluesnoten, wie man sie sonst von Tom Waits kennt und dieser rockige Walzer-Schritt.

"Ompa Til Du Dor", was soviel heißt wie "Ompa Till You Die" gilt noch heute als die erfolgreichste Rockplatte in norwegischer Sprache. Während das erste Album sehr viel dreckiger klang und irgendwie rotziger, sind die neuen Stücke auf der mittlerweile vierten Platte sehr viel eingängiger geworden. Das Hitpotenzial bemerkte man schon auf der letzten Veröffentlichung Maestro.

Allein der Opener "Moment" kommt mit seinem Trompetenspiel sehr beschwingt daher. Man merkt, dass da ein neuer Produzent mit gemischt hat. Mark Howard arbeitet bereits erfolgreich mit Tom Waits, U2 oder Bob Dylan. Einen Tapetenwechsel gönnten sich die Nordlichter auch für ihre Studioaufnahmen. Raus aus dem heimischen Bergen und hinein in die legendären Hallen des ehemaligen DDR-Rundfunkstudios in Berlin-Schöneweide. Der Außenbezirk entpuppte sich als hervorragende Umgebung für neue Klangvariationen. Immer mehr entfernen sich die Kaizers von ihrem ursprünglichen Polka-Punk-Image, aber verschiedene Geräusche, Rasseln, Klingeln und Geschepper bleiben charakteristisch.

Insgesamt gibt es auf "Maskineri" mehr ruhige Momente, die Gitarren klingen straighter, die Harmonien und der Gesang stehen im Mittelpunkt. So, als würden The Beach Boys mit The Hives auf Tour gehen und im Bandbus stets The Kinks hören ("9 mm"). Zum ersten Mal gibt es beim kaiserlichen Orchester auch ein Duett zu hören. Bei "Den Andre Er Meg" (Ich bin der andere) darf Gastsängerin Ragnhild, die Frau von Gitarrist Terje Wintersto Röthing, mit auf die Männerbühne. Sie ist keine Sängerin, aber Janove mag ganz einfach ihre Stimme und ihren Dialekt sehr gerne. Für die leidvolle Liebesromanze war diese Kombination genau richtig.

Eigentlich muss man Texte nicht immer verstehen. Bei Sigur Ros zählt ja schließlich auch, neben der herausragenden Stimmgewalt, vor allem die Musik und die Energie im gnadenlosen Soundspektrum. Das empfinden auch die Kaizers so. Ihre eigene Lyrik halten sie sowieso nicht für dramatisch wichtig. Es hat schließlich nichts mit Poesie zu tun. "Wenn unsere Texte so wichtig wären, würden wir eher Bücher schreiben", so der Frontmann. Dennoch bleibt eine gewissen düstere Grundstimmung, was man auch an Liedtiteln wie "Apokalyps Meg" erahnen kann. Und sogar den kann man sich leicht übersetzen.

Trackliste

  1. 1. Moment
  2. 2. Apokalyps Meg
  3. 3. Den Andre Er Meg
  4. 4. Bastard SÖnn
  5. 5. Maskineri
  6. 6. Toxic Blood
  7. 7. 9mm
  8. 8. Volvo I Mexico
  9. 9. Enden Av November
  10. 10. Med En Gpng Eg NÅr BÅnn
  11. 11. Kaizers 115. Dröm
  12. 12. Ond Sirkel

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1 Kommentar

  • Vor 11 Jahren

    tja, mit der beschworenen energie ist das so eine sache.
    ich wage mal zu behaupten, daß der geneigte leser wegen des u.a. waits-produzenten mark howard (tom waits:real gone) ein energieberstendes album erwartet, welches den rauhen und ungeschliffenen touch der live-gigs verkörpert.

    aber fehlanzeige!

    im vergleich zu dem live at vega-album oder dem debut ompa til du dör fällt die produktion hier deutlich zurückhaltender aus.
    howard scheint sich (leider?) hier mehr an seinen rem und u2 arbeiten zu orientieren.
    die schrägen soundelemente sind natürlich allesamt noch vorhanden. gleichwohl ist hier alles schräge ein wenig gebügelt und in den hintergrund verfrachtet worden.
    viele der songs kann man jetzt auch im radio spielen. da wird für einige sekunden mal die arabische volksmusik angecheckt; dann wieder ein leichter reggae zwischen den polkatönen angedeutet. doch ist - meines empfindens nach - die melodietransportierende gesangslinie hier mehr in den vordergrund gemischt.
    verbunden mit den (wie immer) songwriterischen melodieperlen ist das ganze werk sicherlich die insgesamt poppigste bzw erwachsenste arbeit der wikinger.

    die freunde des rein punkfolkigen sounds werden hier den ausverkauf wittern.
    alle anderen werden die tracks nach dem 2. hören lieben, da das album eben die geglückte suche nach dem perfekten popsong darstellt, ohne die eigene musikalische identität zu verraten.

    schön auch: in end av november werden sogar 2-3 noten aus dem gleichnamigen tom waits-song zitiert (t.w.: november, auf the black rider, 1993)