10. Dezember 2015

"Willst du neben Unheilig stehen?"

Interview geführt von

Juse Ju ist auch nach über 15 Jahren Rap und einer beachtlichen Freestyle-Battle-Karriere immer noch im Untergrund gut aufgehoben - und darauf auch ein klein bisschen stolz. Wir haben uns den Rapper, Radio- und DLTLLY-Moderator mal geschnappt. Ein Gespräch über sein neues Album "Angst & Amor", Rap als Jugendkur, Kritik und ernste Witzemacher.

Ironie im Rap ist ja so 'ne Sache. Damit hat der bosstransformierte Kosmos oft ebenso große Schwierigkeiten wie mit Selbstkritik. Beides scheint in der Rezeption immer wieder Nährboden für Fehlinterpretationen und Schubladendenke par excellence. Da kann auch Juse Ju ein Lied von singen. Der hat nämlich auch auf seinem dritten Album "Angst & Amor" wieder großen Spaß an ironischen Brechungen und auch kein Problem damit, auf Albumlänge nicht nur die Selbstverliebtheit aller BWL- und Rap-Avengers auf die Schippe zu nehmen, sondern auch sich selbst. Wie viel Ernst aber in all dem Witz und wie viel Gesellschaftskritik in den Selbstvorwürfen steckt, erzählt uns der quirlige Fatoni-Sozius und Nach-Berlin-Gezogene im Gespräch.

Du bist ja schon über 15 Jahre dabei und beschäftigst dich als DLTLLY-Interview-Host und Radiomoderator auch beruflich viel mit Rap. Was hält dich denn mit Ü30 noch in dieser Szene?

Dass immer wieder etwas Neues passiert! Viele Leute, mit denen ich zur Schule gegangen bin, haben damals, als Aggro Berlin kam, gesagt: "Interessiert mich nicht mehr.", also dieses typische Ding: Jetzt bin ich Student, jetzt hör' ich keinen Rap mehr. Aber für mich war diese Szene immer interessant. Es gab immer neue Leute, die neue Musik gebracht und textlich neue Facetten aufgemacht haben. Diese ganzen Rapper sind ja auch eine Art Jugend-Kur. Wenn ich einen LGoony oder einen Hustensaft Jüngling höre, bietet das ja auch Einblick, wie Zwanzigjährige heute im Gegensatz zu uns damals ticken, schon anders. Aber ein bisschen muss man das auch relativieren: ich habe zwar eine Radiosendung, die sich mit Rap auseinandersetzt, aber das ist ja nicht mein Hauptberuf. Ich verdiene mein Geld nicht hauptsächlich mit dieser Sendung, sondern mit Sachen, die gar nichts mit Rap zu tun haben. Zudem höre ich auch sehr viel andere Musik, auch wenn Rap das ist, womit ich mich am besten auskenne.

Deiner Musik hört man an, dass du viel Liebe für Rap und gerade auch den Untergrund-Rap übrig hast, gleichzeitig bekommt man an der ein oder anderen Stelle aber auch den Eindruck, dass du mit Einigem, was in der Rap-Welt so läuft, nicht ganz einverstanden bist und da auch eine Portion Hass mit dir rumträgst.

Was ich hasse ist Dummheit. Das geht mir auf den Sack. Bei mir selber, aber auch bei anderen. Ich finde es halt schade – aber das ist auch wieder die Sicht von einem Dreißigjährigen – dass die schlechten Künstler erfolgreich sind und die guten nicht. Da bin ich ja selber auch in so einer Blase gefangen. Ich hör' schon sehr lange Rap und wenn dann irgendwelche Kids mit 15 der Meinung sind, Kay One sei der beste Rapper und er deshalb auf eins geht, während ein Morlockk Dilemma z.B. relativ gesehen nicht so viel verkauft, ärgert mich das schon. Aber davon muss man sich komplett lösen, denn eigentlich hat das mit der Szene und der Musik, mit der ich mich beschäftige, nichts zu tun. Insofern ist es mehr eine Liebe zu den guten Sachen.

Auf "Angst & Amor" gibt es den Song "Untergrund bedeutet" in Anlehnung an eine alte Savas-Line. Wie wichtig ist dir denn deine eigene Untergrund-Credibility?

Die ist scheißegal. Es geht nicht darum, ob Untergrund oder nicht. Den Song hab ich eher als eine Coming-of-Age-Geschichte gedacht. Darin geht es um meine Jugend bzw. die Zeit, seitdem ich angefangen habe zu rappen, also eigentlich hauptsächlich meine Zwanziger bis heute. Es geht natürlich schon auch darum, was es bedeutet Untergrund-MC zu sein, aber eher in Form der Erfahrungen, die man da gemacht hat. Viele Leute denken, das sei so ein Untergrund-Representer, auf dem ich sage: "Yeah, Untergrund ist geil." Aber eigentlich wollte ich nur ein wenig erzählen. "BWLer denken, dass das alles dummer Stolz ist / Aber ich berichte lediglich, was Untergrund bedeutet ." Naja, ein bisschen Stolz ist da tatsächlich auch drin, denn ich habe das Gefühl, dass sich die Einstellung dem Untergrund gegenüber gerade in den letzten Jahren verändert hat. MOR, Bassboxx und viele andere Rapper, die da waren, als ich angefangen habe, waren stolz darauf, dass sie keinen Mainstream-Erfolg hatten. Weil der Mainstream ja auch dumm ist! Ganz im Ernst: Willst du denn wirklich neben irgendwelchen Leuten wie Unheilig oder Silbermond stehen? Willst du da hin? Ich habe das Gefühl, heutzutage rennen die Leute rum und sagen: "Was? Du bist nicht in den Charts? Du bist Untergrund? Das ist ja voll peinlich." Nein! Das kann einfach bedeuten, dass du Musik machst, die halt nicht behindert ist. Hört doch mal auf die Mucke! Untergrund bedeutet auch oft wacke Rapper, gar keine Frage. Aber für mich sind auch Rapper wie die Sichtexoten, Prezident oder Edgar Wasser Untergrundrapper, denn sie finden wenn überhaupt nur in HipHop-Medien statt. Und viele Rapper, die im Untergrund sind, können nicht davon leben. Das sind aber ja krasse Künstler, super Musiker! Und die sind nur deshalb Untergrund, weil es nicht genug schlauere Menschen gibt, die das hören. Hiob ist doch kein schlechter Rapper, nur weil er nicht in den Charts ist. Das ist einer der besten Rapper in Deutschland. Bei diesen ganzen Leuten, die dann rumrennen und sagen: "Hahaha, der verdient ja gar kein Geld!", bring ich immer ein Zitat aus Batman: "All you care about is money. This town deserves a better class of criminal." Kommt mal klar! Gute Mucke verkauft sich eben nicht! Genauso wenig wie gute Ideen. Kuck doch mal ins Kino! Da verkauft sich irgend so einen dumme Beziehungskomödie besser als ein geiler Film. Scheiße wird sich immer besser verkaufen.

Heißt das im Umkehrschluss, dass alles was im Mainstream stattfindet Scheiße ist?

Nein, aber es gibt nur ganz wenige Leute, die diesen Spagat schaffen, gute Mucke zu machen bzw. immerhin in ihrer Kunst konsequent zu bleiben und trotzdem erfolgreich zu sein. Bushido ist ein gutes Beispiel. Der fickt ja heute immer noch Mütter. Lacht. Das hat er ja nicht geändert, um erfolgreich zu werden. Oder Kollegah, der ist immer noch der Boss. Der hat ja nicht auf einmal Pop-Mucke gemacht, sondern hat vor zehn Jahren schon genauso gerappt. Dann finde ich das in Ordnung, auch wenn beides nicht mehr meine Musik ist. Es gibt auch Künstler, die im Mainstream erfolgreich sind, die ich gut finde. Casper ist so ein Fall. "Hinterland" ist ein gutes Album. Der hat da was geschafft, was nur ganz wenige Leute schaffen. Aber ein Großteil der Rapper, die auf eins gehen, finde ich einfach schlecht. Und da reden wir nicht nur von Spongebozz. Wenn das irgendein Kriterium für Musik ist, dann ist das halt der Teufel. Gut, dass ein Casper auf die Eins geht, d.h. nicht alle Leute sind völlig geschmacklos.

"Viele Sachen, die ich sage, meine ich nicht ironisch."

Du arbeitest ja sehr viel mit humoristischen Elementen und ironischen Brechungen und hast großen Spaß daran, dich selbst in Szene zu setzen. Wie viel Humor verträgt denn Rap, ohne dabei an Ernsthaftigkeit zu verlieren?

Kommt darauf an, was für ein Rapper man ist. Es gibt ja Rapper, die vollkommen ohne Ironie auskommen. Da wären wir wieder bei Casper. Wo ist der ironisch? Das ist er ganz selten und dann finde ich es eher peinlich. Lacht. Das kommt auf deinen Stil und dein künstlerisches Konzept an. Und auch darauf, was für ein Mensch du bist. Ich bin halt eher so Typ Marke Dummerspruch/Klassenclown, also der Typ, der aus der Klasse geflogen ist, weil er zu viel Scheiße gebaut hat, nicht der introvertierte Denker. Ich bin jemand, der einfach vieles nicht ernstnehmen kann. Neunzig Prozent der Sachen, die sich selbst ernstnehmen, sind aber ja auch lustig und dumm. Das muss man ja mal so sagen dürfen. Manchmal vergessen die Leute auch, dass es um Musik geht. In Deutschland wird das immer so dichotom gesehen: entweder bist du ironisch oder nicht. Ganz oft meine ich die Sachen schon ernst, weiß aber, dass ich in meinen eigenen Gefühlen dumm bin. Oder irgendwo lächerlich. Deshalb schimmert das dann so durch. Aber viele Sachen, die ich sage, meine ich nicht ironisch.

Ja, ich hatte neulich ein Gespräch mit jemandem, der u.a. meinte, dein Berlin-Song vom letzten Album sei ein Diss gegen alle Nach-Berlin-Gezogenen, obwohl das ja tatsächlich ein Stück deiner Bio ist.

Ja, da ging's nur um mich. Um meine Welt.

Ich habe schon den Eindruck, dass du öfter zu Unrecht so rezipiert und in diese Ironie-Schublade gesteckt wirst.

Die Leute sind halt oft nicht in der Lage, Texte richtig zu hören. Ich seh das auch bei anderen Künstlern. Edgar Wasser wird auch oft komplett falsch interpretiert, wo man denkt: wenn du da jetzt mit ihm drüber reden würdest, würde er das aber garantiert anders sehen. Die Leute machen ihr Ding auf: "Oh, da ist Ironie! Das muss ich jetzt da reinschieben." Ja fickt euch halt! Wenn ich den Menschen in meinen Songs sage, sie sollen sich ficken und ich hasse sie, dann meine ich das ernst. Hundertprozent. Ich hasse euch wirklich. Ich finde viele Sachen lustig und viele Sachen auch wirklich ironisch doof, aber ich habe wirklich eine tief empfundene Abneigung gegen viele Menschen. Und wenn ich das so auf einem Song sage, dann meine ich das auch so.

Du nimmst dich selbst also ernst in deiner Musik?

Ja voll. Man sagt ja auch, die ernstesten Menschen machen die Witze. Denn das sind genau die, die wahnsinnig werden würden, wenn sie die Witze nicht machen würden. Ich habe auch mal gehört, Helge Schneider solle privat voll der ernste Typ sein – glaub ich sofort. Ich habe schon bemerkt, dass man oft darauf angesprochen wird, wenn man Stilmittel wie Ironie verwendet oder auch selbstkritisch ist. Aber das liegt an dieser Szene! In anderen Musik-Szenen reden Leute ganz selbstverständlich darüber, dass sie sich selbst als gescheitert oder fail ansehen – z.B. Emocore … Lacht. Nur im Rap macht das keiner, weil da alle einen Supermann-Komplex haben. Rihanna singt ja auf "FourFiveSeconds" Juse fängt an zu singen: "See all of my kindness is taken for weekness." Ja, das stimmt halt. Wenn man sich selbst kritisiert, denken die Leute, sie können mich auch kritisieren. Nein. Wenn ich mich kritisiere, ist es was anderes, wie wenn du kommst und sagst: "Hahaha, Juse Ju, du bist ja voll der Spasti! Hahaha, du Hund, ich hasse dich." Wenn du das zu mir sagst, dann bist du mein Feind. Das ist ein großer Unterschied, wer da was zu wem sagt.

"Viele Vorwürfe, die ich mir mache, entnehme ich der Gesellschaft."

Diese Selbst-Demontage hat bei dir ja von Release zu Release zugenommen, kann man sagen.

Ja, das heißt dann wohl, mein Selbstbewusstsein ist über die letzten Jahre immer mehr gesunken. Aber ich glaube, Selbstkritik nimmt tatsächlich im Alter auch einfach zu. Wenn man jünger ist, macht man gerne seine Umwelt für sein Scheitern verantwortlich, aber wenn man älter wird, merkt man dann: Hmm, vielleicht bin's ja doch ich.

Wie viel Selbstinszenierung ist da denn aber auch dabei?

Meinst du, ob dieses Looserding Konzept ist? Ich habe vergleichsweise wenig Konzept für einen Rapper, würde ich sagen. Der Punkt ist aber: man macht das halt im Rap nicht, deshalb wirkt es in diesem Genre vielleicht manchmal komisch. Aber eigentlich ist das eine ganz normale, künstlerische Auseinandersetzung. Als Künstler legst du ja immer einen Schwerpunkt auf etwas, das dich beschäftigt. Ich find mich manchmal auch ziemlich geil, aber dann schreibe ich halt keine Rap-Texte. Das brauche ich dann nicht. Klar überzeichne ich das oft. Fatoni verarscht mich auch immer und sagt: " Was redest du fürn Scheiß? Du bist überhaupt nicht so kacke, wie du in deinen Texten immer sagst." Aber da geht's halt um ein gewisses Gefühl. Wenn ich zu dem Zeitpunkt, an dem ich das schreibe, das Gefühl habe, ich bin irgendwie dumm, dann schreib ich das eben. Das ist auch nicht depressiv oder so. So wie Cro halt nur Songs schreibt, wenn er gut gelaunt ist und nicht, wenn er irgendwen hasst, schreibe ich lieber Songs, wenn ich nicht so gut drauf bin. Das könnte einen Einfluss darauf haben.

Aber ich würde nicht sagen, dass das eine bewusste Inszenierung ist. Ich hab halt auch meinen Spaß daran! Ich mache ja keinen traurigen Piano-Beat an und rapp dann darüber, wie scheiße ich bin. Ich erkenne halt so Macken an mir, wo ich sage: "Ha, fail!", und versuche die dann in eine geile Punchline zu packen. "Scheitern als Chance" – das sind ja alles geile Punchlines ... Siehste, da finde ich mich ausnahmsweise mal geil! Lacht.

Aber ganz viele Vorwürfe, die ich mir da mache – und das ist auch das, was ganz viele Leute nicht verstehen – mache ich mir gar nicht selbst, sondern die entnehme ich der Gesellschaft. In "Rebound Boy" z.B. geht's ja um ein Männerbild, das andere Leute haben, ich aber ja gar nicht erfüllen möchte. Ich verarsche dieses Männerbild. Wenn ich sage: "Du kannst mich mit 'nem Polohemd verkleiden ..." Welcher Spasti trägt denn Polohemd??? Gelächter. Das ist doch so dumm und sieht so kacke aus! Weißt du, was ich mein? Da geht es ja nicht mal darum, dass ICH der Idiot bin, sondern ich mache mich darüber lustig, dass DIE doch die Durchgepeitschten sind, die sich einen Macker vorstellen, der so ist. Wer aber will denn so 'n Macker? Das ist doch ein Diss gegen die anderen, nicht gegen mich. Oder wenn ich sage: "Ich erfülle nicht das hegemoniale Männlichkeitsbild." Nee, tu ich sicherlich auf vielen Ebenen nicht. Das hegemoniale Männlichkeitsbild, wie ich es mir vorstelle, ist aber auch peinlich! Ich will das nicht sein und bin da halt anti. Wenn ich sage, dass ich das nicht erfülle, ist das aber kein Diss gegen mich, sondern ein Diss gegen die Leute, die möchten, dass ich so bin. Ich bin okay damit, dass ich nicht so bin. Das passt schon.

Und jetzt kauft mein Album, man kann's nicht kaufen!

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3 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    OK, Mainstream ist also Dumm und wer Mainstream macht ist behindert? Was ist Mainstream? Wer legt das fest? Ist Indie oder Underground immer super, weil es nicht Mainstream ist? Das ist genau so eine dumme Sülze wie das Alte Lied E-Musik gegen U-Musik! Einer rümpft immer die Nase gegen jemand anders, fühlt sich Elitär und haut am besten auf die drauf, die "Erfolg" haben! Ich halte es da eher mit Louis Amstrong: "Es gibt nur zwei Arten von Musik: gute und schlechte.Es kommt nicht darauf an was du spielst, sondern wie du spielst.". Oder etwas zynisch in die selbe Ecke: "Wenn es die Hörer mitreißt, ist es Unterhaltung, wenn nicht, ist es Kunst."

  • Vor 3 Jahren

    Du hast das Interview schon gelesen, oder?
    Du brauchst übrigens nicht traurig sein, dass dein Idol Kay One nicht gut weggekommen ist. "Lebbe geht weiter"(Dragoslav Stepanović)

  • Vor 3 Jahren

    Ach Juse Ju, nimm dich nicht selbst zu wichtig. Überheblichkeit ist nichts auf das man Stolz sein muss. So So also die meisten hören also SCHEISSE. Iss klar...und die Erde ist ne Scheibe und Pferdeäpfel können fliegen.