laut.de-Kritik

Ich heule, du heulst, alle heulen.

Review von

Eigentlich müsste "Legends Never Die" uns mitnehmen. Die Geschichte des jung verstorbenen Juice WRLD ist so tragisch wie sein Aufstieg zum Ruhm kometenhaft. In zwei Alben drang seine Stimme, sein Gespür für Melodien und seine Person so schnell zum Zeitgeist trauriger Kids durch, dass er kaum je einen stetigen Sound fand. "Legends Never Die" liefert den aber nicht nach. Lässt man den schmerzhaften Kontext beiseite, wirkt das Album nicht stetig, sondern statisch. Die vom Label arrangierte Kompilation übrig gebliebener Songs klingt steril, gentrifiziert und leider verdammt monoton.

"The Man, The Myth, The Legend (Interlude)" fasst die Probleme des Projekts zusammen. Dieser Song besteht aus Rapper-Interviews, die Juice WRLD absurd über den grünen Klee loben, dass man es nicht ernst nehmen kann. War er talentiert? Keine Frage. Sehr sogar. Aber nein, er war weder vor seinem Tod der beste lebende Songwriter noch die Antwort dieser Generation auf Tupac oder Biggie, wie G Herbo da ohne Not behauptet. Dann lobhudelt Lil Dicky (dessen Meinung zu nichts jemals irgendetwas gegolten hat) seinen Freestyle-Fähigkeiten und behauptet, er würde in drei Minuten einen Hit in der Booth improvisieren, den nächsten Beat anmachen und den nächsten Hit aufnehmen.

Das wäre eindrucksvoll, wären die sechzehn Songs vorab kein Gegenargument. Schlecht sind die Nummern mitnichten, ziemlich trocken aber allemal. Die Songs stammen aus einer ertraglosen Übergangsphase. Juice war auf dem Weg weg vom Hip Hop, hin zum reinen Emo-Popstar. Das belegen die Standouts: Die ergreifende Single "Righteous" und die Pop-Punk-Stücke "Man Of The Year" und "Come & Go (feat. Marshmello)". Die lassen aus dem Halbschlaf aufzucken, haben mehr Tune und Dampf auf dem Köcher als weite Strecken des Restalbums zusammen.

Der tapst dagegen noch mit einem Fuß in der Soundcloud-Ära. Die Beats und Mischen klingen dabei trotzdem so sehr nach Mainstream-Glätte, dass nichts an frühere Großtaten wie "Lucid Dreams" oder "Robbery" heranreicht. "Conversations", "Blood On My Jeans" oder "Tell Me U Love Me" klingen nach Juice WRLD im Autopilot, die einzigen Gastrapper Polo G, Trippie Redd und The Kid Laroi kommen und gehen kraftlos. Die selben Phrasen, die selbe grundsätzlichen Ideen; aber die Hooks klicken nicht, die Beats klingen anonym und die Gefühle schlagen kaum durch. Einem Künstler, der von Rohheit lebte, tun zehn Schichten Lack und Politur nicht gut.

Schlimmer machen es noch die melodramatischen Interludes und eine generell kitschige Aufmachung. Eigentlich hätte es ein posthumes Album nicht nötig, so vehement auf Tearjerker zu machen. Die Tragik ist dem Projekt inhärent und man wird das Gefühl nicht los, dass aus den angeblich tausend unveröffentlichten Tracks die welpenäugigsten gewählt wurden. Damit man die Tragödie mit dem größtmöglichen Effekt verscherbeln kann. Passt auch dazu, dass kaum Rap-Features, dafür aber Halsey und gleich zwei mal Marshmello auftauchen. Keine Frage, dass Juice WRLD zu den begabteren Stimmen seiner Generation gehört hat. Aber "Legends Never Die" biedert sich unangenehm an das Easy-Listening an. Die Effekthascherei wirkt in ihrer Vehemenz fast schon unaufrichtig.

Trackliste

  1. 1. Anxiety (Intro)
  2. 2. Conversations
  3. 3. Titanic
  4. 4. Bad Energy
  5. 5. Righteous
  6. 6. Blood On My Jeans
  7. 7. Tell Me U Luv Me (feat. Trippie Redd)
  8. 8. Hate The Other Side (feat. Polo G, The Kid Laroi & Marshmello)
  9. 9. Get Through It (Interlude)
  10. 10. Life's A Mess (feat. Halsey)
  11. 11. Come & Go (feat. Marshmello)
  12. 12. I Want It
  13. 13. Fighting Demons
  14. 14. Wishing Well
  15. 15. Screw Juice
  16. 16. Up Up And Away
  17. 17. The Man, The Myth, The Legend (Interlude)
  18. 18. Stay High
  19. 19. Can't Die
  20. 20. Man Of The Year
  21. 21. Juice WRLD Speaks From Heaven (Outro)

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