laut.de-Kritik

Eigenwillige, aber interessante Compilation.

Review von

2021 haben Judas Priest gleich zwei Gründe zum Feiern: Sänger Rob Halford ist am 25. August 70 geworden, dazu existiert die Band seit einem halben Jahrhundert. Letzteres war eigentlich schon 2019 der Fall und trifft im engeren Sinne nur auf den Namen zu, da das letzte Gründungsmitglied, Sänger Alan Atkins, 1973 durch Halford ersetzt wurde, aber so genau wollen wir es nicht nehmen. Dass der 2011 im Streit ausgetretene Ex-Gitarrist KK Downing dazwischenfunkt und zwei Wochen vor Erscheinen des vorliegenden Jubiläumswerks seine erste Soloplatte "Sermons Of The Sinner" auf den Markt gebracht hat, dazu mit dem provozierenden Namen KK's Priest, lassen wir auch mal außen vor.

Jubiläumsalbum bedeutet hier ausnahmsweise mal nicht Best Of. Bescheiden, wie sie nun sind, bieten Judas Priest exklusiv auf ihrer Webseite eine überwältigende Sammlung an, bestehend aus allen Studioalben plus bisher unveröffentlichtem Studiomaterial und Livemitschnitten, insgesamt rekordverdächtige 42 CDs für 345 Pfund. In Euro theoretisch unwesentlich mehr, aber Zoll- und Versandkosten treiben den Preis nach dem Brexit ordentlich in die Höhe. Zum Paket gehören unter anderem ein Buch, persönlich signierten Autogrammkarten und eine "nummerierte 'British Steel' Metall-Rasierklinge (stumpf)".

Wer auf letztere verzichten kann und es kompakter mag, greift zur CD/2LP-Version, letztere aus schickem rotem Vinyl. Die erste Scheibe bietet eine Übersicht aus Studiowerken, jeweils ein Lied aus Platten von 1977 bis 2018, und bereits veröffentlichten Liveaufnahmen, aber keine Kracher wie "Breaking The Law" oder "Painkiller". Ein Stück sticht heraus, jenes "Dissident Aggressor", das Priest 1977 veröffentlichten und ihnen ihren bislang einzigen Grammy eingebracht hat. Allerdings erst 2010, als Auszug ihres Konzertmitschnitts "A Touch Of Evil: Live" (2009).

Die zweite Scheibe enthält bislang unveröffentlichtes Livematerial. Hier wird es interessanter, angefangen bei "Victim Of Changes", das die Band 1976 aus zwei alten Stücken zusammenstellte: "Whiskey Woman" von Ex-Sänger Alan Atkins und "Red Light Lady", das Halford von seiner Ex-Band Hiroshima mitgebracht hatte. Der Sänger stellte seinen beeindruckenden Stimmumfang unter Beweis, während Downing und Glenn Tipton mit ihren Gitarren die Blaupause erarbeiteten, mit der nicht nur Priest, sondern viele weitere Metal-Bands, darunter Iron Maiden, bis heute arbeiten.

"The Green Manalishi (With The Two Prong Crown)" war eines der letzten Stücke, das Peter Green für Fleetwood Mac schrieb und das Priest auf einer Livescheibe von 1979 zum ersten Mal coverten. Ein Schmankerl ist auch die 1978 erschienene existentielle Ballade "Beyond The Reams Of Death", die ruhig anfängt und sich in ein furioses Finale steigert.

Währenddessen kann man sich die Fotos in der Innenhülle anschauen. Gnädigerweise haben Priest Downing nicht herausgeschnitten, wie andere Bands es getan hätten. Die Vinylversion wartet zudem mit einem geprägten Cover auf.

Ist nun alles veröffentlicht? Rob Halford berichtet in seiner lesenswerten, im Corona-Lockdown fertig gestellten Autobiographie "Ich Bekenne" von einer Aufnahmesession 1986 mit Stock Aitken Waterman. Genau, die Typen, die Rick Astley und Kylie Minogue "erfanden" und die 1980er maßgeblich beschallten. Er sei halt schon immer eine Diskoschlampe gewesen, bekennt Halford. Die Bänder sind damals nicht veröffentlicht worden und bleiben selbst bei der 42-Platten-Ausgabe im Tresor.

Danke dafür. And a happy fucking birthday! Vor allem aber gute Besserung an Richie Faulkner, Nachfolger von KK Downing und noch lange nicht auf der Welt, als die Band gegründet wurde. Bei einem Konzert von Priest im Vorprogramm von Metallica platze ihm Ende September die Hauptschlagader, passenderweise bei "Painkiller". Zum Glück schaffte er es gerade noch in eine nahe gelegenen Klinik. "Fünf Teile meiner Brust wurden durch mechanische Komponenten ersetzt ... Ich bin jetzt buchstäblich aus Metal", berichtete er Anfang Oktober auf der Bandwebseite. Das passt ja dann schon wieder.

Trackliste

  1. 1. Let Us Prey / Call For The Priest
  2. 2. You Don't Have To Be Old To Be Wise
  3. 3. Fever
  4. 4. Eat Me Alive
  5. 5. All Guns Blazing
  6. 6. Never The Heroes
  7. 7. Dissident Aggressor (Live)
  8. 8. Out in the Cold (Live)
  9. 9. Running Wild (Live)
  10. 10. Victim Of Changes (Live at the Agora Theatre, Cleveland, 1978)
  11. 11. The Green Manalishi (With The Two Pronged Crown)
  12. 12. Bloodstone (Live at The Omni, Atlanta, 1982)
  13. 13. The Ripper (Live at Irvine Meadows Amphitheatre, Irvine, 1991)
  14. 14. Beyond The Realms Of Death (Live at The Mudd Club, New York, 1979)
  15. 15. The Hellion / Electric Eye (Live at The Summit, Houston, 1986)
  16. 16. Sinner (Live at New Haven Veterans Memorial Coliseum, New Haven, 1988)

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