laut.de-Kritik

Eine Stimme, alle Instrumentals zu knechten.

Review von

Jorja Smith kann verdammt gut singen. So verdammt gut, dass alles andere zur Nebensache zu werden scheint. Auf "Lost & Found" war das kein wirkliches Problem, dafür war das Songwriting zu solide und die Instrumentierung gerade noch versatil und lebendig genug. Mit ihrer neuen EP stößt die Britin jedoch an die Grenzen dessen, was ein großartiges Timbre kaschieren kann.

Ihr Feuer ist weit davon entfernt zu erlöschen, es läuft auf "Be Right Back" über weite Strecken jedoch auf Sparflamme. Die Energie ihres Debüts sucht man vergebens. Vergessen sind die großen Emotionen, die hymnischen Refrains, die komplementäre Instrumentation, die auch mal Raum für sich beanspruchte. Stattdessen dominieren minimalistischer Soul und unaufgeregter Trip Hop, die sich fast erfürchtig hinter Jorjas Stimmbändern verstecken, das Klangbild.

Besonders auf "Bussdown" und "Burn" fällt negativ das auf. Das macht die Songs nicht per se schlecht, nur übersteigen sie dadurch eben nicht wirklich das Level angenehmer Hintergrundbeschallung. Immer wieder - wie im großartigen, fast schon Bond-esken Chorus von "Bussdown" - kratzen sie für wenige Momente an der Magie von Smiths Debüt, nur um sich kurz darauf wieder in der musikalischen Unscheinbarkeit zu verlaufen.

Das gilt auch für das persönliche "Weekend", das die EP abschließt. Die gesampelten, abgehackten Vocals bilden eine paranoide Grundstimmung, auf der das relativ uninspirierte und nichtssagende Instrumental nicht wirklich aufbauen kann. Eher bekommt man das Gefühl, dass Smith beginnt, sich zunehmend etwas im Kreis zu drehen. Die von Herzen kommenden Lyrics ändern daran leider auch nicht allzu viel. Im Gegenteil: Eher verkommen sie aufgrund des Tapeten-Charakters der Musik zur kaum wahrzunehmenden Fußnote.

Dass es nicht zwangsweise schlecht sein muss, wenn ihre Stimme an erster Stelle steht, beweisen, das eröffnende "Addicted" und "Home". "What's worse than lookin' at my neighbours pretendin' that they're happy / Is one day lookin' at myself and I'm sayin' that I'm sorry" singt Smith da und beschwört eine mühelose, unaufdringliche Melancholie, die einen umgarnt, sich von Ohrmuschel direkt ins Herz schleicht und von innen wärmt. Besonders auf "Home" kommt dies, auch aufgrund der akustischen Begleitung, in seiner vollen Stärke zur Entfaltung. Es ist nur erneut schade, dass auch dieser Track am Ende sein Potenzial selbst verschenkt, denn gerade als man geneigt ist, zum Taschentuch zu greifen, endet der Song abrupt und unbefriedigend.

Kurz vor Schluss beweist Smith, wie viel eine organische instrumentale Begleitung ausmacht, die nicht kurz vor dem Wachkoma steht, und stellt damit das gesamte restliche Material der EP in den Schatten. "Digging" ist schlichtweg großartig. Die fast schon rituellen Trommeln, die gespenstisch-gehauchten Background-Vocals, die echoende Gitarre: Sie alle verleihen Smiths Vocals Nachdruck, lassen ihr Wehklagen noch dramatischer klingen, machen den Chorus noch eindringlicher und eingängiger. Man spürt schlagartig, wie wunderbar beflügelnd sich ein solch lebhaftes Instrumental auf das Songwriting der 23-jährigen auswirkt.

"Be Right Back" verspricht uns die Engländerin mit einer EP, die die Wartezeit auf ihr zweites Studio-Album verkürzen soll. Dabei schüren diese knappen dreißig Minuten eher eine skeptische Nervosität als unbändige Vorfreude. Dass Jorja die Stimme eines Engels hat, stellt sie erneut eindrucksvoll und mühelos unter Beweis, aber so langsam scheint die vorsichtige Frage berechtigt, ob das ausreicht. Eine deutlich längere Laufzeit würde nämlich unter dem fragilen, minimalistischen Klang-Gerüst, das ihr neustes Outing umspannt, hilflos zusammenbrechen.

"The fire's always there", heißt es jedoch auf "Burn". Es bleibt also zu hoffen, dass ihr nächster Langspieler das auch realisiert und wieder ordentlich Kerosin auf diese entspannt vor sich hin flackernde Sparflamme kippt.

Trackliste

  1. 1. Addicted
  2. 2. Gone
  3. 3. Bussdown (feat. Shay Bo)
  4. 4. Time
  5. 5. Home
  6. 6. Burn
  7. 7. Digging
  8. 8. Weekend

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