laut.de-Kritik

Weit mehr als nur der ewige MoTrip-Sidekick.

Review von

"Moin Moin" – so begrüßt man sich im Norden und so heißt der aus Bremen stammende JokA die Hörer auf seinem dritten Album "Augenzeuge" willkommen. Die brachiale Untermalung des einstimmenden Representers stammt von Produzent Sinch, der für zwei Drittel der abwechslungsreichen Instrumentals verantwortlich zeichnet. JokA beweist unterdessen, dass weit mehr ihn ihm steckt als der ewige Sidekick und Live-Support von MoTrip, als der er lange wahrgenommen wurde.

Besagter darf auf der umfangreichen Liste der Featuregäste selbstverständlich nicht fehlen und liefert mit seinem Kollegen gleich zwei Kostproben exzellenter Zusammenarbeit. Während "Gestern Nacht Hab' Ich Geträumt" nachdenklich bis melancholisch erklingt, glänzt das um Sido ergänzte Trio mit "Immer Noch MC" mit einer leidenschaftlichen Ode an Musik im Allgemeinen und Hip Hop im Besonderen. Den guten ersten Eindruck vermag der Longplayer aber leider nicht über die volle Spielzeit aufrecht zu erhalten.

"Wayne" zum Beispiel wirkt extrem aus der Zeit gefallen und hätte in Sachen Text und Elektro-Sound weitaus besser auf ein Deichkind-Album gepasst. Trotz der energetischen, beinahe rockigen und definitiv auf Live-Performance ausgelegten Zurschaustellung des "Drecksjob" verleitet hier spätestens die Hook zum Skippen: "Wir machen jeden Drecksjob, Job, Job, ihr macht jeden Drecksjob, Job, Job / Ich mache jeden Drecksjob, Job, Job, doch habe irgendwie gar kein' Bock."

Ansonsten präsentiert sich der 30-Jährige jedoch überdurchschnittlich wortgewandt, reflektiert und ideenreich: Auf "24/7" praktiziert er ein ähnliches Spielchen wie schon MoTrip auf "Mathematik", nur dass JokA die Zahlen von eins bis 24 zu einer sinnvollen Geschichte zusammenschustert. In "Himmelspforte" schlüpft er in die Rolle dreier Männer, die Petrus an der Schwelle zur Erlösung begegnen. Das überzeugend dichte Storytelling vernachlässigt nur den musikalischen Aspekt.

Ausgewogener glücken sowohl der starke Titeltrack als auch "Polaroid" und "Leb' Wohl". Vordergründig eine stinknormale Trennungsgeschichte, entpuppt sich Letzterer als emotionalster Track der Platte: Der an Krebs erkrankte Protagonist verlässt seine unwissende Partnerin, um sie vor dem lauernden Schmerz und Elend zu beschützen. Hat man sich auf die zugegeben nicht ganz neue Story vollkommen eingelassen, lässt sich Gänsehaut kaum vermeiden.

JokAs nicht allzu abwechslungsreicher Vortrag fällt aufgrund der bereits genannten illustren Runde der geladenen Gäste nicht weiter auf: Sowohl der eher unbekannte Lenny Morris als auch die Sänger Sebastian Hämer und Flo Mega passen wie die Faust aufs Auge zu den jeweiligen Tracks. Insbesondere "Geschenk" mit Flo Mega versprüht so viel Flow und Funk, dass der Inhalt schon beinahe nebensächlich wird. Noch überzeugender gelingt es nur Megaloh auf einem luftigen Beat von Ghanaian Stallion, die Hörer auf eine Reise "Einmal Um Die Welt" zu entführen.

Zum Schluss lässt JokA es sich nicht nehmen, noch einmal in "Nostalgie" zu versinken und seine Liebe zur Musik zu beschwören. Obwohl man ihm diese bedingungslos abkauft, klingt "Augenzeuge" stellenweise einfach zu bemüht, so als wolle der Künstler mit aller Macht eine Vielseitigkeit erzwingen, die in diesem Ausmaß nicht unbedingt von Nöten gewesen wäre. Mithilfe von Talent und lyrischer Raffinesse macht er aber auch dem letzten Zweifler klar, dass in der Hansestadt weit mehr geht als "Bremen-Spiel und Backfisch".

Trackliste

  1. 1. Moin Moin
  2. 2. Immer Noch Mc
  3. 3. Wayne
  4. 4. Drecks Job
  5. 5. 24/7
  6. 6. Einmal Um Die Welt
  7. 7. Geschenk
  8. 8. Augenzeuge
  9. 9. Himmelspforte
  10. 10. Pechtag [Part 2]
  11. 11. Polaroid
  12. 12. Freundeskreis
  13. 13. Gestern Nacht Hab' Ich Geträumt
  14. 14. Leb' Wohl
  15. 15. Nostalgie

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