laut.de-Kritik

Glücklich auf Stevie Wonders Spuren.

Review von

Neue Heimat gefunden, dem langjährigen Label Warp im Guten den Rücken gekehrt, die neue Platte auf der eigenen Plattform Jajulin veröffentlicht und trotzdem zahlreiche alte Wegbegleiter an seiner Seite behalten. Die private Familienseligkeit krönt der neugeborene Sohn. Jamie Lidell ist ein glücklicher Mann, das tönt aus nahezu jeder Note von "Building A Beginning".

Das ist schön. Mehr Freude unter den Menschen, ich begrüße das ausdrücklich. Leider scheint aber an der alten Mär von der Zusammengehörigkeit von Kunst und Qual doch irgendetwas dran zu sein. Besonders spannend oder gar innovativ gestaltet sich Lidells aktuelles Werk nämlich nicht. "A New Beginning" erinnert, wieder einmal, abwechselnd an Prince und Otis Redding, an die Impressions und die Beach Boys, an Marvin Gaye und immer, immer wieder an Stevie Wonder, dessen Geist über dem Geschehen schwebt wie ein durch und durch vergnügter Schutzengel.

Wenn Jamie Lidell seinem Sprössling "Julian" einen Song widmet, schwingt darin das Echo der frischgebacken-väterlichen Begeisterung, die auch schon aus "Isn't She Lovely" tönte. Kein Wunder, dass das Baby am Ende recht zufrieden gluckst. Wie sollte man sich auch schlecht fühlen, eingehüllt in freundliche, warme, melodische Klänge, ausgebreitet von jemandem, der den Zweck seines von Grund auf umgekrempelten Daseins mit "I Live To See You Smile" überschreibt?

Jamie Lidell singt in seiner immer wieder aufs neue verblüffend hohen Tonlage aus allertiefstem Herzen. Er feiert das Aufgehen im Moment und wirkt selbst in den vielen langsamen, Wiegenlied-artigen Momenten geerdet und leichtfüßig zugleich. Sonniger Soul bildet die Grundlage, die allerlei Dreingaben aufrüschen.

Gitarre und Percssion verbreiten in "Me And You" Lagerfeuerromantik. Der Bass, der durch "How Did I Live Before Your Love" pluckert, impft den Track mit einer homöopathischen Dosis Reggae. "In Love Alone" wirkt schon fast weihnachtlich, den richtig großen Gospelbahnhof fährt im Anschluss "Motionless" auf.

Stichwort "langjährige Wegbegleiter": Unter den vielen Kollegen, die Jamie Lidell für "Building A Beginning" zuarbeiteten, finden sich auch Mocky und Gonzales, mit denen er schon zu "Multiply"-Zeiten gemeinsam unterwegs war - und die liegen inzwischen tatsächlich über zehn Jahre zurück. Ersterer spielt, verrät Lidell im Interview mit The Fader, auf drei Tracks Klavier. Zweiterer soll den Kontakt zu den vielerorts stark präsenten Backgroundsängerinnen geknüpft haben.

Viele weitere Köche würzen, ohne ihn wirklich zu verderben, am Brei mit. Insbesondere die Beteiligung von Lidells Gemahlin am Songwriting verleiht der Sammlung von Liebesliedern - um nichts anderes handelt es sich bei "Building A Beginning" im Grunde - einen noch stärkeren familiären Charakter. Mit Ausnahme höchstens von "Precious Years", das das flirrende Saitenspiel mit reichlich Geigengedöns überhäuft und über alledem so dermaßen gar nicht in die Gänge kommt, dass einem die vier Minuten Spieldauer wie satte zehn vorkommen, klingt das alles ganz hübsch.

Trotzdem fehlt ein zwingender Hit vom Kaliber von "Another Day". Man meint, alles irgendwie, irgendwo, irgendwann so oder sehr, sehr ähnlich schon einmal gehört zu haben. Es ist aber auch schwer, nach mehreren Spitzenalben in Folge nicht (zumindest ein kleines bisschen) zu enttäuschen. Die Latte hat Jamie Lidell selbst dorthin gelegt, wo sich diese Jammerei hier abspielt: auf Niveau in luftiger Höhe.

Trackliste

  1. 1. Building A Beginning
  2. 2. Julian
  3. 3. I Live To Make You Smile
  4. 4. Find It Hard to Say
  5. 5. Me And You
  6. 6. How Did I Live Before Your Love
  7. 7. Walk Right Back
  8. 8. Nothing's Gonna Change
  9. 9. In Love And Alone
  10. 10. Motionless
  11. 11. Believe In Me
  12. 12. I Stay Inside
  13. 13. Precious Years
  14. 14. Don't Let Me Let You Go

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