laut.de-Kritik

Ein Rapper wie du und ich.

Review von

Im Hip Hop-internen Schwanzvergleich hat J. Cole dieses Jahr die Nase vorn. Zumindest, wenn es um die so gefragten Erstwochenverkäufe in den USA geht. Komisch eigentlich, was macht Cole denn so verdammt populär? Abgesehen von einer Handvoll verheißungsvoller Mixtapes sind ein mittelprächtiges Debüt und ein starker, aber nicht zwingender Nachfolger nicht die besten Indikatoren, um nicht nur als nächstes großes Ding gehandelt zu werden, sondern augenscheinlich das nächste große Ding zu sein.

Die Antwort dafür ist schlicht und irgendwie auch erfreulich: denn J. Cole ist, von dem ganzen Ruhm mal abgesehen, wie du und ich. Ein nicht abgehobener Überflieger, der nicht nur vorgibt, sich mehr um Fans als um Stacks zu scheren, sondern dies auch ganz offensichtlich tut. Doch was machen, wenn man nach dem Roc Nation-Deal in einer mittelschweren Identitätskrise steckt und sich zusehends doch im schillernden Hip Hop-Himmel selbst verliert?

Logo, sich auf seine alten Stärken besinnen und alles andere bestmöglich ausblenden. Heißt im Falle von J. Cole: keine Featuregäste, keine Single, den Löwenanteil der Platte selbst produzieren und ja, sie nach seiner Kindheitsanschrift "2014 Forest Hills Drive" benennen. Ein Album vollgepackt mit Erinnerungen und Einblicken an vergangene Tage und den Aufstieg zum Ruhm. Die lyrische Tiefe, die eine solche Thematik selbstredend mit sich bringt, setzt Cole aber leider nicht immer um.

Insbesondere wenn man sich auf seiner Version von Jay Zs "December 4th" (hier: "January 28th") zusammen mit Rakim als den God MC preist und auf verdiente Legenden wie Big L, Big Daddy Kane, Slick Rick oder auch Drake und Kendrick Lamar herunterblickt. Denn bei dem, was direkt darauf folgt, handelt es sich um alles andere als Klassikermaterial. Klar, für die Ehrlichkeit alle Ehre, aber wer zur Hölle hört sich einen Song wie "Wet Dreamz", der sich um das erste Mal mitsamt allen Peinlichkeiten ("I'm thinking how that body look naked when you laying on the bed/ Teacher, please don't make me stand up") dreht, denn mehr als zweimal an?

Trotzdem ist "2014 Forest Hills Drive" das beste Album in Coles Karriere und macht ganz vieles richtig. Es diggt die richtigen Samples ("G.O.M.D."), vereint unterschiedliche Vibes ("Apparently" vs. "A Tale Of 2 Citiez"), wird in den wichtigen Momenten politisch und ist doch vor allem eines: das Selbstbild eines sich selbst hinterfragenden Künstlers, den man in jeder Sekunde verstehen kann und muss.

Ob Storytelling in seiner reinsten Form auf "03' Adolescence", das den holprigen Start nach dem Umzug vom idyllischen Fayetteville nach New York nachzeichnet, oder konzeptartiger in "A Tale Of 2 Citiez", das eine Novelle von Charles Dickens zum Vorbild nimmt und die beiden Städte in ihrem Einfluss auf den Menschen vergleicht – J. Cole verpackt seine intimen Geschichten jederzeit drückend, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Anteil daran hat sicherlich auch der rumpelige Sound, der von seiner starken Sample-Auswahl lebt, in manchen Momenten aber zu sehr plätschert. Von Hit-Tauglichkeit ganz zu schweigen. Trotzdem, oder gerade auch deswegen, fällt "2014 Forest Hills Drive" nie ab und bleibt konstant auf einem angenehmen Level.

Dass sich Cole dabei wieder selbst gefunden hat und seinen Fokus auf die wichtigen Dinge im Leben lenkt, beweist das zusammenfassende "Love Yourz". "Always gon' be a bigger house somewhere, but nigga feel me/ Long as the people in that motherfucker love you dearly/ Always gon' be a whip that's better than the the one you got/ Always gon' be some clothes that's fresher than the ones you rock/ Always gon' be a bitch that's badder out there on the tours/ But you ain't never gon' be happy till you love yours".

Und damit schließt sich der Kreis, denn: auch wenn Cole den Klassiker so sehr wollte, gibt es zumindest dieses Jahr weitaus bessere Platten da draußen. Wichtiger ist, dass Jermaine Lamarr Cole den inneren Frieden mit sich selbst geschlossen hat und sich ganz augenscheinlich auf dem besten Weg befindet, irgendwann zu den ganz Großen zu gehören.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. January 28th
  3. 3. Wet Dreamz
  4. 4. 03' Adolescence
  5. 5. A Tale Of 2 Citiez
  6. 6. Fire Squad
  7. 7. St. Tropez
  8. 8. G.O.M.D.
  9. 9. No Role Modelz
  10. 10. Hello
  11. 11. Apparently
  12. 12. Love Yourz
  13. 13. Note To Self

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6 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 4 Jahren

    Wow Leute, das ist aber besser als 3/5. Jeder Beat ist stark, manche überragend, die Texte sind abwechslungsreich, tiefschürfend und ehrlich. Ganz klar eins der besten Alben des Jahres.

  • Vor 4 Jahren

    Der Typ ist einfach langweilig und uninterresant.Würde nie eim Album von dem hören.

    • Vor 4 Jahren

      Nur weil er keine Lady Gaga oder ein Justin Bieber ist, die sich mit Skandalen in den Zeitungen halten?! Er ist eigentlich ein Vorzeigekünstler, weil er auf dem Boden geblieben ist und sich durch seine Musik populär hält.

  • Vor 3 Jahren

    Dieses Album ist irgendwie ein Phänomen. Es hat sich am Anfang gut verkauft, aber ist eins dieser Alben, die immer weiter verkauft werden. Im Juni zum zwei-millionsten Mal.

    Ich stimme der Kritik im Wesentlichen zu. Das ist alles andere als überragend und zwar aus verschiedenen Gründen, die hier auch ganz gut zur Sprache kommen. Auch wenn man damals vielleicht noch nicht genau sehen konnte, welchen Status der Song entwickeln würde, frage ich mich allerdings, wie eine Rezension des Albums ohne ein Wort zu "No Role Modelz" auskommen kann. Vielleicht sollte Thomas Haas nicht am nächsten Tag wieder Metallica-Alben rezensieren müssen. ;-)

    • Vor 3 Monaten

      Du hast an sich absolut Recht, aber auch wiederum gar nicht, denn der Status den ein Song eventuell (sogar erst Jahre) später entwickelt spielt ja im ersten Moment überhaupt keine Rolle wenn ich eine Rezension schreibe. Daher finde ich es auch ehrlich (auch wenn ich die Meinung absolut nicht teile da ich den Song großartig finde, besonders Beattechnisch) dass er „Wet Dreamz“ so absägt, obwohl der Song auch ein großer Erfolg wurde. Als ich das Album zum ersten Mal hörte kannte ich nur das besagte „WD“ und „GOMD“, und „Role Modelz“ hat mich beim 2.-3. Hörgang extrem überzeugt, von daher hätte das ohnehin eine besondere Erwähnung erhalten.

      Wenn dem Rezensoren natürlich diese beiden Übersongs schon nicht wirklich gefielen, dann kein Wunder dass es die Bewertung im Ganzen runterzieht. Für mich bleibt es ein Klassiker-Album welches auch 5 Jahre später noch Bombe ist.

  • Vor 2 Jahren

    gutes album, definitiv besser als 3/5

  • Vor 2 Jahren

    Euer Ernst das Album ist 5 Sterne wert ihr idioten

  • Vor 3 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Monaten durch den Autor entfernt.