laut.de-Kritik

Das Ende einer Ära und prophetischer Blick in die Zukunft.

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Unter den sieben klassisch-kanonischen Alben von Iron Maiden in den Achtzigern nimmt "Seventh Son Of A Seventh Son" eine Sonderstellung ein. Die Platte mit dem ikonischen Polar-Eddie-Artwork markiert das Ende einer Ära und beweist einen beinahe prophetischen Weitblick in die Zukunft der Band im neuen Jahrtausend. Und doch stimmt hier jedes Detail, und im Vergleich zu den teils aufgeblasenen Spätwerken beginnend mit "Brave New World" über "The Final Frontier" bis hin zu "The Book Of Souls" passt auch die Länge in Form einer 44-minütigen Vinyl.

In den Jahren 1987/88 verschwendet keiner der Bandmitglieder einen Gedanken an die ferne Zukunft. Maiden sind eine perfekt geölte Maschine, die mit wenigen Ausnahmen rollt und rollt und rollt. Der Einstieg von Bruce Dickinson 1982 und sein markerschütternder Einstand "The Number Of The Beast" hieven die fünf jungen Briten auf den Metal-Olymp. Diesen Platz zementieren Steve Harris und Co. in den folgenden Jahren.

Für "Somewhere In Time" erhält die Air raid-Sirene zum ersten Mal seit der Platte mit der berühmten Zahl "666" keine Credits. Stattdessen stößt sich Dickinson die Hörner ab, veröffentlicht einen Roman und übt sich in der Kunst des Fechtens. Steve Harris hingegen registriert die Unzufriedenheit seines Fronters und bemerkt gleichzeitig die große Rolle, die Adrian Smith mittlerweile im Bandkontext spielt. Dessen Beiträge zu "Somewhere In Time" finden in Form zweier Singles richtig Gehör ("Wasted Years", "Stranger In A Strange Land"). Und doch läuft die Band aus Sicht von Manager Smallwood und Bandkopf Harris Gefahr, zu sehr in Richtung Stadionrock der Marke Bryan Adams oder Def Leppard abzudriften.

Harris nimmt seinen Sänger zur Brust und flüstert ihm die Idee, es mit einem Konzeptalbum zu versuchen. Dickinson dockt direkt an die Gedankengänge des Bassisten an. Hat da jemand etwa Konzeptalbum gesagt? Der Sänger ist Feuer und Flamme. Die siebte Platte mit der Story um den siebten Sohn eines siebten Sohns zu verbinden, klingt in seinen Ohren brillant. Harris residiert derweil zufrieden auf seinem Anwesen mit hauseigenem Pub und Fußballplatz und schraubt an den Songs.

Die Scheibe nimmt im Februar und März 1988 in den Musicland Studios in München unter der Ägide von Haus- und Hofproduzent Martin Birch Form an. Hier erblickten bereits Werke von Queen oder "Rising" von Rainbow das Licht der Welt. Maiden entdecken in den lieblosen deutschen Gemäuern neben dem theatralischen Spirit auch eine Vorliebe für Weizenbier, das in allen Varianten für höllische Kopfschmerzen sorgt.

1988 erscheint ein weiteres Konzeptwerk, das die Metal-Gemeinde fortan prägt. Bruce Dickinson und "Operation: Mindcrime" verbindet eine Liebe, die ein wenig den Blick auf das hier gewürdigte Werk verstellt. Nach der Produktion des siebten Albums seiner eigenen Band Iron Maiden hört er eines Tages ein Advance-Tape des Queensryche-Meilensteins im Auto und hält ungläubig und postwendend an. 'Fuck, das ist die Platte, die wir hätten veröffentlichen sollen', schießt es ihm durch den Kopf. Dabei war er doch Feuer und Flamme gewesen, als es an das Songwriting für "Seventh Son Of A Seventh Son" gegangen ist. Aus Dickinsons Sicht ist die Maiden-Scheibe nicht konsequent zu Ende gedacht. Er hätte es gerne gesehen, wäre die Veröffentlichung von einer Graphic Novel flankiert gewesen.

Bei Maiden gibt es nur ein loses Konzept, während Geoff Tate und Co. auf Storytelling setzen. Der textliche Überbau von "Seventh Son" wirkt auf lange Sicht dennoch nicht ermythend. Auch vom Thema Reinkarnation kann die Band ein Lied singen ("Deja-Vu"). Der transhumanistische Polar-Eddie, der halb Wesen, halb Wirbelsäule grimmig-grinsend ein Herz in das Bild hält, rundet das Ganze ab.

"Seventh Son" stellt die Geburtsstunde des flächendeckenden Einsatzes der von Steve Harris so geliebten und von vielen so gehassten Keyboards dar. Bereits auf "Somewhere In Time" kamen die heiß-diskutierten Gitarrensynthesizer zum Einsatz. 1988 treibt es das Quintett auf die Spitze, was sogar zum Einsatz eines Gast-Keyboarders auf der flankierenden Tour führt. Was in Europa abgenickt wird, stößt bei den Fans in Übersee auf Unverständnis. Gerade Amerika surft auf der Thrash-Welle um die Big Four Metallica, Megadeth, Slayer und Anthrax. Die Verkaufszahlen stagnieren. Sind Maiden etwa weich geworden? Steve Harris fasst es in der Biografie "Run To The Hills" gewohnt diplomatisch zusammen: "Ich weiß noch, dass ich dachte: Scheißamerikaner. Sie verstehen uns einfach nicht, verdammt noch mal."

Wer "Can I Play With Madness" als zu cheesy abstempelt, sollte sich tunlichst den unwiderstehlichen Mittelteil zu Gemüte führen.  Welcher dreieinhalb-Minuten Song verfügt überhaupt über einen Mittelteil? Was ist denn ein Mittelteil, fragen all die selbsternannten, gleichgescheitelten Super-Songwriter heutzutage.

Wie verhält es sich mit dem Titelsong: Zu viel? Zu wenig? Genug! Punkt. Aus. Basta. Und morgen geht die Sonne wieder auf. Anleihen an die Übermutter "Rime Of The Ancient Mariner" finden sich gerade im Mittelteil, der wiederum in ein sakrales Finale mündet. Der hier präsentierte Longtrack verkörpert die philosophische Essenz des Albums: Der Weg ist das Ziel. Dies unterstützt auch die zentrale Platzierung des Songs in der Titelliste, anders als etwa "To Tame A Land" oder "Alexander The Great" als Abschluss auf den Vorgängern.

Ähnlich episch fällt der zweite Song aus. "Infinite Dreams" beginnt mit einem bluesigen Gitarrenlick. In der Strophe spielen sich Dickinson und Gitarrist Dave Murray die Noten nur so zu. Majestätische Akkorde rahmen den Refrain, bis Nicko McBrain an der Temposchraube dreht und ein wahrhaft manischer Teil beginnt.

Besondere Erwähnung verdient das sorgsam montierte Ideen-Festival "The Prophecy". Die brillante Gesangsleistung sowie die Einbettung der Stimmfonie im Mix, der kurze eruptive Solobreak und das entrückte Outro auf der Akustik-Gitarre sind nah an dem Ideal, das in den kommenden Jahren unter dem Label Prog Metal für Furore sorgen wird. Props auch an Drummer Nicko McBrain, der behände seine Schlagzeug-Parts platziert und mit dafür sorgt, dass der Song nicht zerfasert. Und doch haben Maiden den Prog Metal nicht erfunden. Diese Ehre gebührt "Awaken The Guardian" von Fates Warning. Ein Frevel hingegen, dass "The Prophecy" bis heute nie live zur Aufführung gekommen ist.

Der flinke Bassbreak in "Only The Good Die Young" im Anschluss an Adrian Smith nicht minder geniales Solo steht Pate für die immense Detailfülle, die die Saitenfraktion zu Gehör bringt. Die modalen Wendungen in den Refrain-Harmonien tragen ebenfalls zur Langzeitwirkung bei. "Moonchild" ist ein Lehrstück in Sachen anspruchsvoller Gitarrenbegleitung. Auch wenn mancher Power-Chord gestreut wird. In der Fülle wabern gebrochene Akkorde aus der Anlage, die zudem mit interessanten Optionstönen versehen sind. Adrian Smith zeigt sich in Bestform und liefert neben "2 Minutes To Midnight" und "Wasted Years" seinen stärksten Song ab. "The Evil That Men Do" gelingt zupackender und kraftvoller, aber nicht minder melodisch einprägsam. Einzig das zu sehr auf live getrimmte "The Clairvoyant" bietet wenig Innovation.

Eben jener Smith verlässt nach der "Seventh Tour Of A Seventh Tour" die Band und widmet sich Hardrock-kompatiblen Sounds. Den Auflösungserscheinungen zum Trotz hält Kapitän Harris das Schiff in den Folgejahren auf Kurs. Trotz kreativer Wellenbewegungen mit "No Prayer For The Dying" oder den beiden Alben mit Blaze Bailey schlägt das Herz der Band weiter, bis die beiden verlorenen Söhne - neben Smith verlässt auch Dickinson 1992 die Gruppe - 1999 zur triumphalen Reunion zurückkehren.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Moonchild
  2. 2. Infinite Dreams
  3. 3. Can I Play With Madness
  4. 4. The Evil That Men Do
  5. 5. The Seventh Son Of A Seventh Son
  6. 6. The Prophecy
  7. 7. The Clairvoyant
  8. 8. Only The Good Die Young

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