laut.de-Kritik

Melodeath galore: Die jungen Schweden waren eine Macht.

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Der Fluch der Nostalgie. Auf kaum einer anderen Band im modernen Metalzirkus lastet er so schwer wie auf In Flames. Und "The Jester Race" ist jenes Album, mit dem sie diesen Geist aus der Flasche ließen. Wenn auch unwissentlich.

Im vierten Jahrzehnt ihrer Karriere könnten sich die Schweden beide Beine ausreißen, von Fans der ersten Stunde gäbe es bestenfalls Höflichkeitsapplaus. Nicht einmal Opeth oder Sepultura können mit diesem Grad an Entfremdung mithalten.

Geschuldet ist dies dem Drang zur künstlerischen Weiterentwicklung, dem In Flames schon mal jegliche Genre-Konventionen opfern. "Du wirst von uns nie dasselbe Album zweimal bekommen", erklärt dazu Björn Gelotte, mittlerweile Gitarrist und Hauptsongschreiber der Band. "Manche hassen uns dafür, andere dagegen sind interessiert an unserer Entwicklung. Aber am Ende ist das alles egal, denn wir machen ohnehin, was wir wollen. Das ist unsere Band."

Dass sich all der Hate gegen die neueren Werke ab etwa 2010 richtet, kann niemanden wirklich überraschen. Zu poppig, zu schnulzig, zu modern, ja oftmals auch schlicht zu lahmarschig ist vieles, was In Flames seither veröffentlicht haben, für den Großteil der Anhängerschaft.

Obschon ich diese generalistische Abkanzelung der 'modernen' In Flames keineswegs teile, muss auch ich gestehen: All das, was mich an der Band nervt, findet sich auf Werken neueren Datums. Sogar ausschließlich. Die Frühphase dagegen ist und bleibt unantastbar. Die jungen, hungrigen In Flames waren eine Macht, eine Meilenstein-Schmiede sondergleichen.

In den Neunzigerjahren hatte sich die frisch formierte Band ganz dem Melodic Death Metal schwedischer Spielart verschrieben, zu dessen Speerspitze sie zusammen mit Dark Tranquillity und At The Gates avancierten. Die Frage ist einzig, bis wann diese goldene Ära anhielt – respektive ab wann es abwärts ging.

War das Debüt "Lunar Strain" von 1994 schon eindrücklich, aber noch von mancher Kinderkrankheit geplagt, erreichte die Band zwei Jahre später mit "The Jester Race" erstmals ihr volles Potenzial. Zehn Songs, allesamt Banger, 40 Minuten Laufzeit, kein Fett: Besser waren In Flames nie mehr. Gleich gut noch auf Werken wie "Whoracle" oder "Colony", aber dem Erstgeborenen gebührt an dieser Stelle der Vorrang.

"The Jester Race" stellt einen unverschämt frühen Karriere-Peak dar, der die Sturm-und-Drang-Phase der Jungspunde festhält. In Flames und ihre Weggefährten aus der damals aufstrebenden Göteborger Metalszene – alle in ähnlichem Alter, befreundet und mit den gleichen musikalischen Helden sozialisiert – teilen eine Vision: Sie wollen die Brachialgewalt des Death Metal um eine melodiöse Dimension erweitern. Iron Maiden, Scorpions oder Blue Öyster Cult sind wichtige Referenzpunkte für sie. "Und obendrauf, das liegt wohl in unserer DNA, ist da noch die schwedische Volksmusik, die ebenfalls sehr melodiös ist", sinniert Mikael Åkerfeldt von Opeth.

Was heute das Normalste der Welt ist, war damals bahnbrechend: "The Jester Race" ist wunderbar heavy, türmt aber gleichzeitig Melodien über Melodien. Und das geht nicht etwa aufs Konto von Anders Fridén, der hier erstmals als Sänger zu hören ist (auf dem Debütalbum half noch Dark Tranquillitys Mikael Stanne aus). Fridén hat den Klargesang, an dem sich heute die Fangeister scheiden, 1996 noch nicht für sich entdeckt, growlt und schreit stattdessen durchweg. Das melodiöse Element steuern allein die Gitarren bei. "Let the guitars do the singing" lautet die Devise, und es ist nicht die schlechteste.

Jesper Strömblad zeichnet für die Rhythmusgitarre und Glenn Ljungström für die Leadgitarre verantwortlich, den Bass bedient Johan Larsson. An den Drums sitzt noch Björn Gelotte. Er wird erst 1998 an die Gitarre wechseln, wo er heimlich schon immer seine Bestimmung vermutete. Aber bei seinem Einstieg brauchte die Band halt primär einen Schlagzeuger, darum beackerte er die Felle und "versuchte, nicht zu sehr abzukacken", wie er es im Rückblick formuliert. Absolutes Understatement. Zugleich bringt der Drummer im Studio erste Gitarrenideen ein und spielt manche Spur gleich selber ein. Was soll man sagen: Es ist halt ein Gitarrenalbum durch und durch. Und durch.

Das zeigt schon der brillante Opener: "Moonshield" beginnt mit einer wogenden, verträumten Melodie auf den Akustikgitarren, die an Volksmusik gemahnt, Gelotte muss am Schlagzeug bloß den Takt mitzählen. Ein reißendes Riff nimmt die Wogen auf und führt den Song mit metallischer Härte fort. Fridén knurrt nach einer Minute mit einer fantastischen Mischung aus Melancholie und Frust rein: "And how I lust for the dance and the fire / Deep of the nectarine sunset to drink ..." Einer der besten Refrains der Bandhistorie, bis heute.

Statt nach der zweiten Strophe erneut den Chorus zu bemühen, folgt ein instrumentales Intermezzo, in dem das Gitarristenduo singende Leads mit kantigen Riffs kombiniert. Das zweite Intermezzo lässt die E-Gitarren gänzlich fallen, um den akustische Kern freizuschälen. Erst zum Schluss kommt wieder der bittersüße Refrain zum Zug. Was für ein Einstand!

Mit "The Jester's Dance" lassen In Flames ein Instrumentalstück folgen, das wiederum der Saitenfraktion die ganz große Bühne bietet. Folklore trifft auf klassischen 80er-Jahre-Metal, alles schwebt, alles gleitet mühelos ineinander. Wer sich die titelgebenden Narren, die dieses Album bevölkern, hierzu beim Tanzen vorstellen will, sieht sie gleichermaßen leichtfüßig ums Lagerfeuer hüpfen als auch headbangend den Teufel beschwören.

Mehr auf die Todesmetall-Seite des Melodeath lehnt sich das sprintende "Artifacts Of The Black Rain". Die Drums setzen mit Doublebass eine Schippe drauf, die Gitarrenleads von Strömblad und Ljungström bringen die gewohnt graziöse Note ein. Fridén steuert seinerseits düstere Poesie bei: Die Lyrics folgen einem sozialen Außenseiter, der sich angewidert von seinen weltlichen Genoss:innen abwendet und sich – so verstehe ich das zumindest – in den Schoss der Natur flüchtet.

Dass "The Jester Race" ein Konzeptalbum geworden ist, wird der Band angeblich erst im Nachhinein bewusst. Dark-Tranquilliy-Gitarrist Niklas Sundin ist so nett und hilft Fridén beim Ausarbeiten der Lyrics, da er dessen Visionen besser ins Englische übersetzen kann. Ein Freundschaftsdienst, den er auch auf dem Folgealbum "Whoracle" erbringen sollte. Hammerfall-Gitarrist Oscar Dronjak ließ sich derweil für eine "vocal appearance" auf dem Song "Dead Eternity" einspannen. Die Göteborger Metalheads sind eine eingeschworene Bande.

Ab "Graveland" nimmt der Härtegrad nochmals zu, und In Flames teilen mit heavy Schwingern aus. Der Song ballert heftig und rabiat. Heraus sticht das hymnische Chorusriff, bei dem Fridén heutzutage garantiert epischen Klargesang anstimmen würde. Aber hier bleibt der Shouter bei seinen Leisten. Eine Aufgabenteilung, die ja auch wunderbar aufgeht und der etwa At The Gates nicht ohne Grund treu geblieben sind.

Der Übergang zu "Lord Hypnos" gerät nahtlos, ratternde Doublebass-Schübe bilden einen wichtigen Kontrapunkt zu all den Melodien. Was ist Gelotte nur so unzufrieden mit seiner Leistung? Am Mic growlt Fridén derweil voller Inbrunst, und wichtiger noch: voller Inspiration. Können wir das bitte öfters haben? Schon nach kurzer Spielzeit kommt der Song zum Stillstand und akustische Klänge lassen den Song atmen. Zum Schluss schließt sich der Kreis hin zum Anfangspart. Kompositorisch nicht die stringenteste Nummer, aber Zeugnis einerseits vom musikalischen Talent der jungen Band; und andererseits von der schieren Ideenfülle, die sie hervorbringt. Aus so manchem Song des Albums ließen sich locker drei machen.

Für eine 90er-Jahre-Platte durchaus bemerkenswert, ist die Produktion recht gut gealtert. Bis auf den beklagenswerten metallischen "Normalunfall", dass die Basspuren von Johan Larsson irgendwo im Nirgendwo verlorengehen. Und dann wäre da noch eine Kleinigkeit zu bekritteln: Der Stromknister-Sound zum Beginn des Titeltracks klingt etwas gar nach 90s-Kitsch.

Ansonsten ist "The Jester Race" ein weiteres Highlight auf einer Platte, die einfach nie nachlässt. Die Riffs ziehen und zerren wie eine magnetische Urkraft. Was In Flames an Saitenmeister Jesper Strömblad hatten, wurde durch dessen Ausstieg im Jahr 2010 mehr als deutlich. Auch dieser Brecher unterstreicht die dichte Atmosphäre des Albums: Egal ob schnell oder langsamer, ob heftig oder sanft, alles umweht eine unterschwellige Traurigkeit, gepaart mit einer gesunden Verachtung für das Treiben der Menschheit. Man kann regelrecht spüren, wie sich eine nordische Kälte in den Gliedern ausbreitet.

Eingebettet ist der eher gemäßigte Titeltrack zwischen zwei richtige Bretter, "Dead Eternity" und "December Flower". Beide zählen zu den besten Tracks der Platte und glänzen mit herbem Death-Einschlag. Doch natürlich weben die Gitarristen auch hier wunderschöne Melodielinien ein. Es gibt immer Seele in all der Wut. Das ausufernde Solo in "December Flower" ab 1:30 Minuten gehört für mich sogar zu jenen Momenten der Platte, die einen jedes Mal aufhorchen lassen und wird erst von einer gnadenlosen Riff- und Gekloppe-Kombo niedergestampft.

Im zweiten Instrumentalstück "Wayfearer" stellt die Band wiederum ihre melodiöse Seite in den Vordergrund. Wie die Leadgitarre hier zum Schluss hin in reinster Power-Metal-Glorie erstrahlt, wer braucht da noch Gesang?

So stark die Platte begonnen hat, so stark endet sie auch, "Dead God In Me" reißt sowohl die Wolkendecke als auch die Pforten zur Hölle ein letztes Mal weit auf: Rumpeliger Death-Stakkato geht über in eine mächtige Riffwalze, aus der nochmals herrliche Gitarrenmelodien sprießen, darüber der giftig bellende Fridén: "Father, you are the dead god in me!" Ein Rausschmeißer erster Güte und ein weiteres eindrückliches Statement, welche musikalischen Dimensionen dieser Band offenstehen.

Aus rein kommerzieller Warte mögen das Durchbruchwerk "Clayman" oder "Whoracle" zu runden Jubeltagen lauter abgefeiert worden sein, aber "The Jester Race" steht genauso für In Flames in absoluter Bestform. Für ursprünglichen, urgewaltigen Melodeath. Das Album wirkte nicht umsonst auf die 1997 nachgereichte "Black-Ash Inheritance"-EP nach, deren Titel einer Textzeile von "Dead God In Me" entliehen ist. Daher wurden die vier EP-Tracks gleich der 2002er-Reissue-Version des "Jester Race" angehängt.

Ganz egal, was man vom In Flames-Karriereverlauf halten mag – Ex-Gitarrist Strömblad findet bekanntlich, die Band habe mit der Abkehr vom Death Metal einen Teil ihrer Seele verloren –, an "The Jester Race" führt kein Weg vorbei. Zu sehr haben In Flames damit die Melodeath-Anleitung mitgeschrieben und Göteborg zu einem Begriff in der Metalwelt gemacht. Allein deshalb werden sich die Bandmitglieder bis an ihr Sterbebett den Vergleich mit ihrem Frühwerk anhören müssen.

Anders Fridén hat seinen Frieden damit gemacht – und blickt mit Stolz zurück. "Letzten Endes erschufen wir einen Sound, der von den Vororten Göteborgs aus die Welt erobert hat. Ich meine, wie ist das möglich?", wunderte der Sänger erst 2023 im Revolver-Magazin: "Es macht mich stolz, wenn ich eine Mutter oder einen Vater sehe, die ihre Kids zu einem Konzert mitbringen. Wir werden ihre Einführung sein wie es Scorpions, Kreator oder Death für mich waren." Musik habe ihm so viel gegeben, das lasse sich gar nicht überbewerten. "Wenn wir etwas für kommende Generationen hinterlassen, macht mich das stolzer als ein Nummer-1-Album oder sonst etwas."

Mission accomplished, die Herren. Schon 1996.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Moonshield
  2. 2. The Jester's Dance
  3. 3. Artifacts Of The Black Rain
  4. 4. Graveland
  5. 5. Lord Hypnos
  6. 6. Dead Eternity
  7. 7. The Jester Race
  8. 8. December Flower
  9. 9. Wayfarer
  10. 10. Dead God In Me

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5 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 10 Tagen

    Ah, Jester Race. Verdient. Gute alte Zeit.

  • Vor 10 Tagen

    "Besser waren In Flames nie mehr."

    Reroute to Remain ist ihr bestes Album. Jester Race ist trotzdem ein schönes Ding. Man konnte ja nicht ahnen wie fürchterlich die mal werden würden

    • Vor 10 Tagen

      Alleine der Mix von RtR macht das Album heute unhörbar für mich. Grottiger Sound.

    • Vor 10 Tagen

      Fair. Gute Musik bleibt's trotzdem.^^

    • Vor 10 Tagen

      RtR klingt echt wie zu Tode komprimiert und mumpfig.
      Die Song sind aber schon der Hammer und beim Refrain von reroute to remain bekomme ich immer noch Gänsehaut - habs gerade getestet;)
      Muss gestehen, dass ich auch das Come clarity Album noch toll finde.
      Kann aber nachvollziehen, dass viele mit ihrem Werdegang gar nicht klar kommen.
      Ich persönlich finde aber die Entwicklung von Arch Enemy viel herber.

    • Vor 8 Tagen

      RtR, CC und A Sense of Purpose sind die Alben, mit denen ich zuerst in Kontakt kam und ich finde sie immer noch Bombe. Der Klargesang von Friden sind eine tolle Ergänzung. Besonders The Chosen Pessimist ist mein ATF.

    • Vor 8 Tagen

      "Besonders The Chosen Pessimist"

      :conk:

  • Vor 9 Tagen

    "Zu poppig, zu schnulzig, zu modern, ja oftmals auch schlicht zu lahmarschig ist vieles, was In Flames seither veröffentlicht haben, für den Großteil der Anhängerschaft."

    Wenn das so wäre, würde die Band nicht mehr in Hallen dieser Größenordnung und als Co-Headliner auf Festival-Bühnen auftreten.

  • Vor 9 Tagen

    Diese Gitarrenmelodien sind so ziemlich die geilsten der Metalwelt. Unübertroffener Klassiker! Iron Maiden goes Death Metal

  • Vor 8 Tagen

    Ok, hätte irgendwie nicht gedacht, mal in dieser Rubrik über die zu stolpern. Habe glaube nur die Clayman ganz gehört und erinner mich auch von der gerade nur an ein paar Titel. Aber allein dass ich es tue, obwohl ich massiv genrefremd und damals irgendwas um 12 gewesen bin, war für mich bisher irgendwie Indiz, dass das schon eher Kinderkram sein wird. Ist vielleicht doch noch mal nen Lauscher wert dann...